Wollte ich das gerade wirklich? | CaFétisch

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Nicht selten habe ich mir nach dem Sex Fragen gestellt: Wollte ich das wirklich? War das eine gute Idee? Dabei geht es um Druck und Erwartungen, denen Frauen in ihrer Sexualität unterliegen. Genau darüber müssen wir noch dringend reden, damit wir uns in unserer Sexualität wohlfühlen. Darf ich immer „Nein“ sagen?

Darf ich immer „Nein“ sagen? Absolut! Das klingt vielleicht selbstverständlich, aber: Wir dürfen immer „Nein“ sagen! Nicht selten habe ich mich in einer Situation mit einem Mann so unsicher gefühlt, dass ich Dinge getan oder gesagt habe, die ich im Nachhinein nicht nur bereut, sondern auch widerwillig getan habe. Bin ich selber schuld? Glaube ich nicht. Klar hat das viel mit seinem eigenen Selbstbewusstsein zu tun, aber hattet ihr auch schon mal so eine Situation? Mir fallen da viele ein, aber eine hat sich bei mir ganz besonders eingebrannt. Ich hatte ein Tinder-Date mit einem – sehr nett scheinenden – Typen (natürlich noch bevor wir uns in einer globalen Pandemie befanden). Wir waren etwas trinken, haben geplaudert, alles war wirklich gut soweit. Ich war schon ein wenig beduselt und wir küssten uns. Das Treffen ging bis tief in die Nacht, aber wir fuhren getrennt nach Hause. Ein paar Tage später wollte er mich in meiner Wohnung besuchen und einen Film schauen – das war für mich auch völlig in Ordnung. Er kam also mit einer Flasche Wein bewaffnet zu mir und wir schauten uns einen Film an. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich ab dem Zeitpunkt, als er meine Wohnung betreten hatte, massiv unwohl und ausgeliefert. Immerhin ist die eigene Wohnung für viele ein Safe Space – so auch für mich. Im Nachhinein hätte ich gleich sagen sollen, dass mir das zu viel ist – habe ich aber nicht. Mir war die ganze Zeit über total schlecht und mein Herz raste fürchterlich, obwohl bis dahin noch nichts passiert war. Irgendwann wollte er mich küssen. In diesem Augenblick dachte ich mir nur: „Um Gottes Willen! Bitte nicht!“ Was habe ich also gemacht? Richtig! Rein gar nichts! Ich war ein bisschen wie gelähmt und konnte einfach nicht sagen, dass ich mich gerade mehr als unwohl fühlte und ihn eigentlich auch nicht küssen wollte. Ich hatte aber Angst, dass er das seltsam finden würde, weil wir uns ja eben auch schon beim letzten Date geküsst hatten.

Als er das Ganze in mein Schlafzimmer verlegen wollte, sagte ich ihm, dass ich heute keinen Sex will. Kurz vor knapp habe ich also doch noch meinen Mund aufgekriegt. Nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ich keinen Sex mit ihm möchte, versuchte er noch ganze drei Mal sehr uncharmant in meine Hose zu gelangen. Ein „Nein“ hatte also nicht gereicht. Wie man sich vielleicht vorstellen konnte, war die Situation danach äußerst unangenehm. Weil er recht weit weg wohnte, bot ich ihm aus Höflichkeit an, hier zu schlafen. Obwohl ich mich immer noch unwohl in seiner Gegenwart fühlte, hatte ich ein schlechtes Gewissen. „Er ist doch extra zu mir gefahren“, dachte ich mir damals. Als ich die Geschichte später einem guten Freund erzählte, bekam ich als Antwort: „Naja, was hast du dir erwartet? Ihr habt beim ersten Mal geschmust und jetzt hast du ihn in deine Wohnung gelassen. Ist ja klar, dass der dann Sex will. Du hättest ihn ranlassen müssen.“ Diese Aussage hat mich zum Nachdenken gebracht.

Das Patriarchat lässt grüßen

Wie zur Hölle konnte es passieren, dass wir Frauen ab einem gewissen Zeitpunkt das Gefühl haben, wir sind nicht mehr im Recht sexuelle Intimität abzuwehren? Durfte ich wirklich nicht mehr „Stopp“ sagen? Ich dachte mir, wenn mir das ein enger Freund sagt, dann wird da vielleicht etwas Wahrheit darin stecken. Ich habe mir ja in der Situation genau dasselbe gedacht. Ich war der Überzeugung, ich darf jetzt nicht mehr abbrechen. Das war nicht die einzige Situation, in der ich so gehandelt habe. Manchmal, weil ich mir eingeredet habe, dass ich es „doch eh“ möchte und manchmal, weil ich Angst hatte, wie mein Gegenüber reagieren wird und was er über mich denkt. Keiner kann mir sagen, wie ein Mann reagiert, wenn ich ihn zurückweise. Das Bild des immer stärkeren Mannes – egal ob es um Macht oder Sexualität geht –  sitzt in unserer Gesellschaft und auch in meinem Kopf noch zu tief. Ich stelle mir die Frage: Wie problematisch ist diese stillschweigende Zustimmung zu sexuellen Handlungen, die Männer glauben, in bestimmten Situationen zu bekommen? Ich rede hier nicht von gewaltsamem, erzwungenem Sex – das ist eine viel größere Debatte – sondern von jenem, den wir eigentlich nicht wollen, aber emotional nicht „Nein“ dazu sagen können oder Angst haben. Und gerade, weil die Gesellschaft so ist, wie sie ist, ist es für Frauen noch viel schwieriger etwas zu sagen. Ich möchte mir einfach nie wieder im Nachhinein die Frage stellen müssen, ob ich das nun wirklich wollte.

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Alle zwei Wochen treffen wir uns am virtuellen CaFétisch und plaudern über Liebe, Sex und Partnerschaft (c) Hannah Haase

Letztes Mal ging es darum, wie man sich mit Sex Toys den Lockdown versüßen kann.

Titelbild: (c) Alexander Krivitsky/unsplash.com

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