Gelsen

Warum stechen die Gelsen immer nur mich?

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Sommer, Sonne, Mückenspray. Für einige gehört das untrennbar zusammen, denn die Gelsen fliegen ihnen wortwörtlich zu. Spätestens wenn uns die kleinen ungebetenen Gäste die lauschige Donauinsel-Party versauen, wollen wir wissen: Warum immer ich und kann ich was dagegen tun?

Mit der Sonne und den Ausflügen an Seen und Flüsse kommen langsam auch die Gelsen zurück. Jeder kennt es: Ein lauer Sommerabend, Biere und Gespräche fließen, bis jemand genervt ausruft „Ich bin schon so zerstochen!“ oder durch wildes Herumfuchteln und Klatschen auffällt. Man ist dann entweder sehr überrascht oder man ist selbst immer die zerstochene Person. Wenn du diesen Artikel liest, bist du höchstwahrscheinlich zweiteres und willst wissen warum, und was dagegen hilft. Denn Mückenstiche nerven nicht nur, sondern können je nach Region auch einige der gefährlichsten Krankheiten der Welt übertragen.

Um die Präferenz von Gelsen für bestimmte Menschen kreisen einige Mythen. Bist du zu gestresst? Sind es bestimmte Hormone, die du mehr ausschüttest als andere? Riecht dein Schweiß für Stechmücken besonders anziehend? Meistens wird es in irgendeiner Form auf den Geruch zurückgeführt, woraus sich wieder die verschiedensten Tipps ergeben. Probier doch mal dich anders zu ernähren, mal weniger Kohlenhydrate zu essen. Oder ein neues Duschgel, mehr Deo, Zitronenöl statt Parfum. Oder chill halt mehr, Stress macht dich anfälliger. Letzteres ist besonders schwer umzusetzen, wenn man dauerhaft versucht, kleine fliegende Tiere davon abzuhalten, sich irgendwo auf der eigenen nackten Haut hinzusetzen. Doch was ist nun wirklich an diesen Theorien dran? Wir haben für euch die wissenschaftliche Literatur durchstöbert und die Ergebnisse zusammengefasst.

Die Chemie stimmt

Steckmücken finden uns, indem sie eine Kombination aus menschlichen chemischen Signalen (auch Kairomone genannt), Licht, Feuchtigkeit und Hitze wahrnehmen. Weil wir Stoffe wie Kohlendioxid, Milchsäure und andere organische Verbindungen in bestimmten menschentypischen Mengen und Zusammensetzungen ausstoßen, können die meisten Stechmücken uns von anderen Tieren unterscheiden. Von den mehr als dreihundert verschiedenen Kairomonen, die wir Menschen ausstoßen, konnte für über hundert schon bestätigt werden, dass sie für die Anziehung von Stechmücken eine Rolle spielen. Und sowohl die Zusammensetzung dieser Kairomone als auch Feuchtigkeit und Hitze variieren individuell. Dass Gelsen dich besonders gern haben, liegt also vorwiegend daran, dass du wohl einige der bei den Stechmücken besonders beliebten Kairomone vermehrt ausschüttest. Doch was beeinflusst die Menge und Intensität dieser chemischen Stoffe und kann man sie manipulieren?

Genetik und andere Konstanten

Einige Studien sprechen dafür, dass die generelle Präferenz von Stechmücken für bestimmte Personen über die Zeit gleich bleibt. Die Chance, dass sich deine Eigenschaft als Gelsenmagnet im Laufe deines Lebens grundlegend ändert, ist also gering. Unter anderem liegt das daran, dass zum Beispiel die Menge des ausgeschütteten CO2 stark von Metabolismus, Körpergewicht und Atmungsaktivität abhängt. Außerdem scheint vermutlich aus ebendiesen Gründen die Attraktivität für Gelsen mit dem Alter zu steigen. Zusätzlich scheint die individuelle Zusammensetzung der Kairomone auch von den Genen beeinflusst zu sein.

Ein anderer Einflussfaktor betrifft unsere Haut. Auf unserer Haut leben hunderte von Mikroorganismen, deren Zusammensetzung ebenfalls sehr stark zwischen verschiedenen Personen variiert. Gleichzeitig bleibt diese aber über das Leben eines Menschen relativ konstant. Obwohl es zu diesem Thema erst wenige Studienergebnisse gibt, kann davon ausgegangen werden, dass das individuelle Hautmikrobiom auch einen Einfluss auf Moskitos hat. Wer demnach viele, aber relativ ähnliche Mikroorganismen auf seiner Haut hat, zieht eher Stechmücken an.

Da diese allgemeinen Faktoren aber vermutlich jeweils nur eine geringe Rolle spielen und außerdem ja schwer zu beeinflussen sind, vernachlässigen wir sie hier. Konzentrieren wir uns lieber darauf, was wir ändern können!

Bist du schwanger?

Mehrere Studien konnten zeigen, dass Schwangere bei Gelsen besonders beliebt und daher auch anfälliger für die von ihnen übertragbaren Erkrankungen sind. Das liegt vor allem daran, dass der Metabolismus bei Schwangeren stärker arbeitet und sie mehr Hitze produzieren, wodurch sie eben auch mehr Kairomone ausschütten. Schwangerschaft ist zwar etwas, das man in einem gewissen Maß beeinflussen kann, aber trotzdem ist es nicht empfehlenswert, sie generell zu vermeiden, nur um weniger Mückenstiche abzubekommen. Eher sollten Schwangere Regionen meiden, wo Moskitos besonders risikobehaftete Krankheiten übertragen können.

Der Malaria-Teufelskreis

Eine Malariaerkrankung verändert die Ausschüttung der Kairomone so, dass ein eigener „Malariageruch“ entsteht. Dieser ist so ausgeprägt, dass er sogar zur Diagnose verwendet werden kann. Der Geruch zieht wiederum weitere Gelsen an, wodurch die Verbreitung der Krankheit vereinfacht wird. Und nicht nur das, auch die von Malaria infizierten Stechmücken werden durch die Krankheit so beeinflusst, dass sie sich mehr zu menschlichen Kairomonen hingezogen fühlen. Intelligenter Schachzug der Malariaparasiten, schlecht für den Menschen und hinderlich für die Versuche, die Krankheit einzudämmen. Für einen entspannten mitteleuropäischen Sommer kann einem das zwar relativ egal sein, aber vielleicht ist es eine interessante Info für deine nächste (schwangere) Fernreise. Außer Moskitonetze zu benutzen und bei kurzen Reisen die Nebenwirkungen der Malariaprophylaxe auszuhalten, kann man aber eh nicht viel machen. Denn auch klassische Mückenschutzsprays wirken bei mit Malaria infizierten Moskitos schlechter.

Die Anti-Gelsen-Diät

Wer unterschiedlich isst, riecht verschieden. Und das in einem Ausmaß, das von Hunden und sogar Menschen gerochen werden kann. Doch können wir etwas Bestimmtes essen, damit unser Geruch Gelsen abschreckt? Entgegen verschiedenen Medienberichten bringt der vermehrte Konsum von Vitamin B und Knoblauch leider nichts gegen Stechmücken. Stattdessen gibt es die Evidenz, dass Menschen nach dem Trinken von Bier und dem Essen von Bananen jeweils vermehrt von Gelsen gestochen werden. Was wir essen, scheint also auf jeden Fall einen Einfluss zu haben, viel mehr kontrollierte Studien dazu gibt die wissenschaftliche Literatur bisher aber leider noch nicht her. Wer also ein bisschen experimentierfreudig ist, kann das Weglassen oder Hinzufügen verschiedener Lebensmittel ja mal an sich selbst austesten und dann die Änderungen beobachten. Denn wer will schon im Sommerurlaub sowohl auf Bier als auch auf Bananen verzichten?

Klimawandel

Die Wissenschaft hat also noch überraschend wenig darüber herausgefunden, warum manche mehr zerstochen werden als andere und was man dagegen tun kann. Was wir aber sicher wissen, ist, dass durch die Klimaveränderungen in den nächsten Jahren die Lebensbedingungen für Stechmücken auch in unseren Breiten immer besser werden. Es ist also gut möglich, dass wir uns auch in Österreich bald gegen andere Mückenarten sowie deren übertragbare Krankheiten wehren müssen.


Titelbild: ©Mohamed Nuzrath/pixabay.com

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