Krieg Regenbogen

Liebe, Krieg und Regenbogen

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Illya und Egor sind ein Paar. Als 2022 in der Ukraine der Krieg ausbricht, geht einer von ihnen an die Front, um für die ukrainische Armee zu kämpfen. Die beiden erzählen, welche Rolle queere Regenbogensoldaten in der ukrainische Armee spielen und vor allem, wie der Krieg die Beziehung verändert. Ein Portrait über queere Liebe im Krieg.

Es ist Anfang April 2022. Illya sitzt in einem Zug von Warschau zurück nach Kyiv. Nur noch eine Station, dann ist er endlich da. Der Weg zurück nach Hause war lange, turbulent und vor allem sehr gefährlich. Er freut sich, seinen Partner Egor endlich nach einem Monat Trennung wiederzusehen. Als er in der gemeinsamen Wohnung in Kyiv ankommt, ist die Freude groß, die Überraschung gelungen. Doch auch Egor hat eine Überraschung. Er hat sich, ohne Illyas Wissen, bei der ukrainischen Armee angemeldet. Am Tag nach Illyas Rückkehr bekommt er einen Anruf. Er wird eingezogen und direkt an die Front geschickt.

„Ich hab Illya nichts davon erzählt. Ich dachte, er wird in Polen leben, ich werde zur Armee gehen und dort ein oder zwei Monate bleiben. Dann wird der Krieg sowieso vorbei sein und er wird zurück nach Kyiv kommen,“ erzählt Egor. Egor und Illya sind ursprünglich aus Zaporizhzhia. Seit acht Jahren sind die beiden ein Paar. Illya beschreibt das Kennenlernen und die gemeinsame Zeit als das größte Abenteuer seines Lebens. „Acht Jahre sind eine lange Zeit, aber jeden Tag aufs Neue begreife ich, dass auch 20, 30 Jahre nicht genug wären mit ihm.“ In Zaporizhzhia bauen die beiden eine erfolgreiche Firma auf, mit mehreren Standorten in der ganzen Ukraine. Dann der Umzug. 2017 zieht Egor nach Kyiv, 2019 dann auch Illya. Zwei Jahre später verlässt Illya die gemeinsame Firma, er wird Beamter. Die beiden lieben Kyiv und ihr Leben dort. Sie fühlen sich wohl in der Stadt, haben ein sehr aktives Leben und reisen viel ins Ausland.

Am dritten Tag ihres lange ersehnten Urlaubs in den Vereinigten Arabischen Emiraten bricht der Krieg aus. Es gibt keine Flüge mehr in die Ukraine, deswegen fliegen sie nach Krakau und verbringen dort mehrere Tage. Danach trennen sich ihre Wege. Illya bleibt für einen Monat in Polen, Egor geht zurück nach Kyiv. Illya arbeitet als Freiwilligenhelfer für geflüchtete Menschen aus der Ukraine. Zuerst in Krakau, dann in Warschau. Dass er fließend fließend Polnisch, Englisch, Ukrainisch und Russisch spricht, hilft ihm. Während Illay in Polen hilft, macht sich Egor zurück auf den Weg nach Kyiv.

Am 7. März kommt er in Kyiv an. Sowohl die Straßen als auch die Supermarktregale sind leer. Im Hintergrund hört man die Bomben um und in Kyiv explodieren, erzählt er. „Bevor der Krieg begann, hätte ich nie gedacht, dass ich einmal ein Soldat in der Armee sein oder dass ich an einem Krieg teilnehmen werde. Ich bin nach Kyiv zurückgekehrt, um meine Welt dort zu beschützen, mein Kyiv, sollten die Russen je nach Kyiv kommen.“ Am Tag nach seiner Rückkehr geht er zusammen mit einem Freund zur Militäreinheit der Kyiver Verteidigung, um sich als freiwilliger Soldat zu melden. Wie so viele, ohne jemals ein militärisches Training absolviert zu haben. Sie werden wieder weggeschickt. Zu wenige Waffen, zu wenig Erfahrung. Also begannen er und seine Freunde als freiwillige Helfer zu arbeiten. Sie sammelten und koordinierten Essen und Medizin. Als die russische Armee Bucha und Irpin erreicht, fahren sie mit dem Auto dorthin, um Menschen, Tiere und verwundete Soldaten zu evakuieren. Nachdem Bildmaterial aus Bucha auftaucht und die Geschichten bestätigt werden, beschließt er, sich erneut beim Militär zu melden.

Mitte April, nach seinem großen Wiedersehen mit Illya, wird er direkt nach Charkiw geschickt. Er kommt in die Einheit für Schutz vor chemischen und radioaktiven Waffen. Den Umgang mit Waffen muss er sich erst aneignen. „Damals war das alles sehr beängstigend für mich. Denn ich wusste nichts über Waffen, Gewehre, wie ich mich zu verhalten habe.“

Anfang August sind Egor und seine Kameraden an den Befreiungen und Aufräumarbeiten in Dörfern und Kleinstädten in der Region beteiligt. „Wir waren sehr nahe an der Front, wo aktive Kampfhandlungen stattfanden. Als wir durch den Wald in Charkiw gingen, der voller Minen war, trafen wir auf eine Gruppe russischer Soldaten. Es kam zu einer Schießerei und einem Kampf. Wir töteten einen Mann, drei Männer wurden verletzt und wir nahmen acht weitere Soldaten gefangen.“ Ein anderes Mal wurde er fast von einer Bombe getötet.

„In dieser Zeit gab es in der Region Charkiw viele russische Hubschrauber, die herumflogen und nach ukrainischen Einheiten und Soldaten suchten. In den Autos meiner Einheit hatten wir Wasser in Kanistern, für den Fall, dass chemische Waffen oder Atombomben eingesetzt werden. Sie dachten, dass wir Benzin transportieren würden. Wir wussten, dass uns jemand beobachtete. Eigentlich hätten wir uns in dem Wald unter den Bäumen verstecken sollen und nach Sonnenuntergang unseren Weg dann fortsetzen. Aber wir waren sehr hungrig, denn wir hatten ein paar Tage lang nichts gegessen. Wir fuhren weit weg von der Frontlinie und all diesen schrecklichen Orten, und wir hielten an, um zu essen. Ein russischer Hubschrauber, den wir übersehen hatten, warf eine Granate. Sie verfehlte das Ziel. Sie fiel zehn Meter von unseren Autos entfernt. Ich und mein Kollege standen an einem Ort nicht weit davon entfernt. Ich fiel mit dem Gesicht auf ein Feld, mein Freund fiel auf den Asphalt. Er hatte viele Verletzungen im Gesicht und am Körper und eine Gehirnerschütterung. Danach konnte ich einen Monat lang auf einem Auge nichts mehr sehen. Mein Nervensystem war blockiert und ich konnte meine rechte Gesichtshälfte nicht benutzen.“

Im Oktober lässt er sich versetzen. Er wird Teil der Luftverteidigung und arbeitet als Hubschrauberpilot. Seit Mitte Jänner ist er ein Soldat in Reserve. Jeden Moment kann der Anruf kommen, der ihn wieder an die Front schicken wird. Von seinen Erlebnissen erzählt er Illya oft erst Wochen später, damit sich dieser keine Sorgen macht.

Ob er schlechte Erfahrungen als homosexueller Mann in der Armee gemacht hat? Nein, sagt Egor. Aber er hat sich offiziell dort auch nie geoutet. In der Ukraine kämpfen an der Front auch sogenannte Regenbogensoldaten. Sie tragen eine aufgenähte Regenbogenflagge als Merkmal und stehen offen zu ihrer Sexualität. Egor gehört nicht zu ihnen. „Ich habe von Situationen gehört, in denen der leitende Offizier der Einheit, als er erfuhr, dass einer seiner Soldaten schwul ist, versuchte, ihn aus der Einheit in eine andere zu versetzen. Aber wir haben Einheiten, in denen ein schwuler geouteter Mann völlig problemlos arbeiten kann und für unser Land kämpft. Meiner Meinung nach sind die meisten unserer Soldaten, wenn man die heutige Situation in der Armee betrachtet, sehr freundlich.“

(c) privat

Egors positive und negative Beispiele im Umgang der Armee mit homosexuellen Soldaten sind im ukrainischen gesellschaftlichen Kontext betrachtet nicht überraschend. Denn die Ukraine legalisierte 1991 Homosexualität und war damit das erste Land in der ehemaligen Sowjetunion. Kyiv gilt als das Mekka für queere Kultur im postsowjetischen Raum. Trotzdem sind queere Menschen immer noch vielen Diskriminierungen auf legislativer Ebene ausgesetzt. Zum Beispiel ist es gleichgeschlechtlichen Paaren nicht erlaubt zu heiraten oder Kinder zu adoptieren. Aber auch auf sozialen Ebenen gibt es Einschränkungen.

Das erleben auch Egor und Illya. Denn dass sie zusammen als Paar und nicht als Mitbewohner in ihrer Wohnung in Kyiv wohnen, wissen nur wenige Freunde in ihrem Umfeld, meistens kommen diese selbst aus der queeren Szene. Auch ihre Eltern denken, dass die beiden nur beste Freunde sind. Der Grund dafür sich nicht zu outen, sagen sie, ist, dass ihr Intimleben niemanden etwas angehe: „Ich habe es nicht nötig, der ganzen Welt zu erzählen, mit wem ich mein Bett teile,“ sagt Illya. „Meine soziale Rolle ist die eines heterosexuellen Mannes. Ich habe gelernt, mich so zu verhalten und werde auch so akzeptiert. Ich habe diese Entscheidung nicht unter Druck von gesellschaftlichen Umständen getroffen. Ich verstehe mein Verhalten als jenes eines heterosexuellen Mannes. Es liegt nicht daran, dass ich keine andere Wahl hatte.“ Jedoch gibt er auch zu, dass man als homosexuelle Person nicht so viele Möglichkeiten hat wie als heterosexuelle. Vor allem beruflich. Egor sagt, er hält sich vor allem wegen Illya mehr bedeckt. Denn Illya arbeitet für die Regierung. „Ich bin ein Vertreter der Regierung, ich bin der Staat. Und es ist eine nicht gerade freundliche Gesellschaft dort. Um Karriere zu machen oder um nicht von deinen Vorgesetzten schikaniert zu werden oder um nicht durch Worte deiner Kollegen oder schlechte Witze verletzt zu werden, solltest du deine wahre Orientierung vor ihnen allen verbergen.“

Vergleicht man jedoch die Situation der LGBTQI+ Community mit der in Russland, wird klar, dass es dort noch um einiges restriktiver ist. Die Gesellschaft ist wesentlich intoleranter, Homosexualität ist tabuisiert. Das spiegelt sich vor allem in den Gesetzen wider. Seit vielen Jahren erlebt die Community, wie ihr Stück für Stück mehr Rechte genommen werden. „Homosexuelle Propaganda“ in der Öffentlichkeit ist verboten. Darunter fallen auch das Händchenhalten oder Küssen von gleichgeschlechtlichen Paaren. Seit diesem Jahr ist es sogar verboten, jegliche Form von Homosexualität in den Medien abzubilden. Ob Russlands Haltung gegenüber der LGBTQI+ Community und damit auch die Aussicht darauf, dass sich die Situation innerhalb der Ukraine stark verschlechtern würde, sollte Russland den Krieg gewinnen, ein Grund war, warum er in die Armee eingetreten ist?

„Nein,“ sagt Egor. „Daran habe ich gar nicht gedacht. Wenn sie gewinnen, ist es völlig unwichtig, ob ich homosexuell bin oder nicht. Denn in diesem Fall werden sie mich auf jeden Fall töten. Aus dem einfachen Grund, weil ich ein ukrainischer Staatsbürger bin und einen ukrainischen Pass habe.“ Aber die Frage nach einer russischen Herrschaft stellt sich für die beiden nicht, sie sind sich sicher, dass die Ukraine den Krieg gewinnen werde. Danach muss das Land von innen neu aufgerollt werden. Vor allem die Korruption und die Bereitschaft zur Korruption müssen bekämpft werden. „Selbst jetzt, nach so langer Zeit, hat die Regierung auf höchster Ebene Leute, die Geld gestohlen haben, die verschiedene Dinge aus der humanitären Hilfe gestohlen haben. Korruption ist aber nicht nur ein Problem bei Beamten, sondern auch bei normalen Bürgern.“ Die beiden haben auch viele Fragen an Zelensky, kritisieren vor allem seine Selbstinszenierung.

Egor und Illya würden die Ukraine gerne für einige Zeit verlassen. Denn nach über einem Jahr Krieg sind sie müde. Auch die Haltung vieler Menschen in der Ukraine finden sie ermüdend. „Es gibt viele gute Menschen, aber wir haben auch jene, die uns zurück in die Sowjetunion oder die russische Welt bringen wollen. Manche von ihnen sagen, dass sie pro-europäisch sind, aber in ihren Köpfen sind diese Menschen immer noch aus der Sowjetunion.“ Illya fügt hinzu: „Wir müssen verstehen, dass wir wirklich unabhängig sind, es ist nicht nur eine proklamierte Unabhängigkeit. Dass wir weit weg sind von Russland, weit weg von der sowjetischen Vergangenheit. Wir sind Teil des Westens.“

Ob die Präsenz der Regenbogensoldaten etwas in den Köpfen der Ukrainer*innen ändern wird, wenn es um das Thema Homosexualität geht? Da gehen ihre Meinungen auseinander. Egor glaubt nicht daran, dass sich etwas ändern wird. Illya sieht das etwas anders. Er meint, dass die Beteiligung der Regenbogensoldaten „den Ukrainer*innen zeigen wird, dass es keine Rolle spielt, mit wem man schläft oder wen man mag. Du kannst ein guter Mensch sein oder ein Stück Scheiße.“

Wenn es um ihre eigene Zukunft geht, wollen sie vor allem eines sein: zusammen. Egor wünscht sich außerdem „dass wir Kinder haben können, dass wir glücklich sind, und dass wir uns keine Gedanken darüber machen müssen, ob wir von anderen verurteilt werden.“ Über den Moment in Kyiv nach seiner Rückkehr, in dem er erfahren hat, dass Egor an die Front geschickt wird, sagt Illya: „Um ehrlich zu sein, auf der einen Seite war es wirklich romantisch. Er ging zur Armee, er wurde Soldat, um mich, meine Eltern, seine Eltern und unser ganzes Land zu verteidigen. Andererseits war es aber auch sehr beängstigend. Denn ich wusste, dass er jeden Moment dem Feind gegenüberstehen und ich ihn verlieren könnte. Nur wegen eines kleinen Schusses. Es waren zwei sehr unterschiedliche Gefühle. Ich hatte Angst, keine Zweifel. Ich glaube, das war eine der wichtigsten Herausforderungen, die wir gemeinsam bestanden haben. Das war der Moment wo ich meine Realität und meine Zukunft mit ihm verstanden habe.“


* Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Titelbild: (c) wolfgang-magazin.com/erstellt mit Canva

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