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Red ma drüber – Wie man über Sex reden kann

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Wie spricht man am besten über Sex? Man will ansprechen, was nicht so gut läuft oder hat einen sexuellen Wunsch, mit dem man nicht länger alleine sein möchte. Das dann auch zu tun, ist für viele aber mit großer Unsicherheit verbunden. Warum man sich trotzdem trauen sollte und wie man das am besten angeht.

Es ist ein gelungener Abend. Zwischen Kerzenscheinromantik, dem Gespräch über das weltbeste Album aller Zeiten und überhaupt nicht gespielter Lässigkeit könnte man sich fast einreden, dass aus dem Sexdate noch die große Liebe wird. Die Tatsache, dass beide vor ein paar Jahren ein Studium abgebrochen haben und man sich total auf einer Wellenlänge über Politik unterhalten kann, macht einen zum Seelenverwandten.

Also trifft man sich, um gemeinsam Arthouse-Filme anzusehen, die keiner von beiden so richtig versteht, plant eine Reise nach Südfrankreich, redet über ein Haus mit Apfelbäumen, übers Kinderkriegen und Heiraten. Nur über eines redet man nicht: Sex. Den hat man einfach. Und dann trennt man sich nach 5 Monaten, weil: so richtig gepasst hat es eigentlich nie.

Nach dem Motto: „Wenn man an dem Punkt ist, an dem man mit dem Gegenüber über das eigene Sexleben reden muss, dann passt etwas nicht“, schweigen viele ihre Bedürfnisse tot. Solange bis gar nichts mehr geht. Dabei ist Reden über Sex nicht nur in festen Beziehungen wichtig. Auch bei frischen Gspusis oder One-Night-Stands kann es immens befreiend sein, einfach zu sagen, was man sich wünscht. Wie aber findet man die richtigen Worte? Wie sagt man: Cunnilingus turnt mich eigentlich ab? Wie erzählt man von einem Fetisch, bei dem man sich fühlt, als wäre man mit diesem Bedürfnis allein?

      1. Frag doch mal im Freundeskreis

Klingt logisch, ist es aber nicht. O-Ton auf diversen Frage-Antwort-Plattformen: Lieber nicht zu pikant, lieber nicht zu viele Details. Auch bei Gesprächen mit Freund*innen nicht. Dabei können wir von den Erfahrungen der anderen viel lernen. Sex und Menstruation – funktioniert das bei euch? Wie gebe ich einen guten Blowjob? Was tust du, wenn du unbedingt einen Dreier wolltest, aber plötzlich eifersüchtig wirst? Wir sind nicht nur vor dem ersten Mal unsicher, viele Fragen tun sich überhaupt erst auf, wenn wir das Teenager-Dasein schon überschritten haben und irgendwo zwischen Bachelorarbeit und Berufsleben herumdümpeln. Also sprecht einfach an, was ihr ansprechen wollt. Fragt nach. Über Sex plaudern fühlt sich für manche vielleicht komisch und pubertär an, aber es tut gut. Ein zwischendurch eingestreutes Gespräch beim Brunch oder Feierabendbier ist ja doch nicht dasselbe wie Aufklärung im Biologieunterricht.

     2. Trau dich ins Internet

Das Internet hat uns nicht nur Pornoseiten und Instagram geschenkt, sondern auch etwas schon wieder fast Altmodisches: Foren. Ganz ohne unangenehmen Schnickschnack und mit meist sehr strenger Moderation sind sie eine grob unterschätzte Möglichkeit, Erfahrungen auszutauschen und nachzufragen. Ganz anonym und mit niederschwelligem Zugang. Besonders die Fetisch-Ecke bietet scheinbar endlos Anleitungen und Erfahrungsberichte, aber auch allgemeinere philosophische Debatten über Sexualität, Kink und Beziehungsformen. Schaut zum Beispiel mal auf joyclub.de, gofeminin.de oder gentledom.de vorbei.

     3. „Da unten“ – Wie sage ich es denn jetzt?

Oft ist Sprechen über Sex vor allem eine Frage der Worte und nicht des Inhalts. Wie sage ich, was ich will, ohne dass es peinlich klingt? Bekomme ich ein dein harter Schwanz“ über die Lippen oder sage ich einfach nur Penis? Medizinjargon, Dirty-Talk im Pornostyle oder vielleicht die romantische Rosamunde Pilcher Variante? Alles nicht so leicht. Erotische Literatur zu lesen kann helfen. Das können schmutzige Kurzgeschichten im Internet oder ein langer Roman aus dem 18. Jahrhundert sein. Findet heraus, was ihr sexy findet und womit ihr euch selbst am wohlsten fühlt. Sprecht laut aus, was ihr sagen wollt. Oder schreibt es auf. Irgendwann klingt es dann so normal wie „Geh bitte noch einkaufen, bevor du heimkommst.“

     4. Truth or Dare

Und dann? Man hat die eigenen Bedürfnisse reflektiert, vielleicht schon ausgiebig darüber gesprochen, recherchiert und einen halben Tag im Sexshop verbracht. Dann steht man in neuer Reizwäsche und mit diversen Sextoys im Badezimmer, traut sich nicht raus und wechselt doch wieder in die Jogginghose zurück. Die große, sexuelle Erfüllung ist doch ohnehin nur ein von Frauenzeitschriften erfolgreich gestreutes Gerücht. Nochmal zurück zum Anfang: Talking is key! Aber man muss nicht immer auch wirklich sprechen. Gemeinsam Pornos auszuwählen und anzusehen geht auch. Statt einer Spotifyplaylist erstellt man sich einfach gegenseitig Pornolisten und versteckt darin ganz unauffällig die eigenen Vorlieben. Profis spielen Truth or Dare. Ja, richtig: Das gute, alte Pflicht-Wahl-oder-Wahrheit hat wieder Hochkonjunktur. Es kann nämlich ziemlich viel Spaß machen, sexy sein und hilft dabei, locker zu werden, sich besser kennenzulernen und Wünsche zu äußern. Einfach ausprobieren. Glaubt uns das einfach.

Natürlich gibt es kein perfektes Rezept. Für manche eine Selbstverständlichkeit, ist das Sprechen über Sex für andere die Hölle. Deswegen der obligatorische Satz der meisten Kolumnen solcher Art: dein Tempo und nur so, wie du dich wohlfühlst. Wobei: Manchmal muss man sich auch nicht zu hundert Prozent wohlfühlen. Der Sprung ins kalte Wasser kann unangenehm sein, das erste Mal zwickt manchmal ein bisschen. Trauen muss man sich halt.


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