Hörsaal

Zoom ist kein Hörsaal!

/
8 mins read
Start

Woche für Woche stellen sich die Minister*innen und Bundeskanzler Sebastian Kurz vor ihre Redepulte und Plexiglasscheiben und verkünden die x-te Verlängerung oder Verschärfung des Lockdowns. Die Pandemie hat Auswirkungen auf alle Bereiche des sozialen und gesellschaftlichen Lebens. Doch auf Studierende wird konsequent vergessen. Für sie gibt es keinen Plan. Sie fühlen sich alleingelassen und nicht ernst genommen. Es braucht dringend eine Strategie, wie auch die Universitäten und Fachhochschulen einen geregelten Betrieb in Präsenz ermöglichen können.

Die Situation ist für niemanden leicht, nicht für Gastronom*innen, nicht für Eltern, nicht für Selbstständige, Arbeitssuchende oder prekär Beschäftigte. Auch nicht für Studierende. Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen den meisten Gruppen und jenen jungen Menschen, die aktuell an einer Universität oder Fachhochschule eingeschrieben sind. Letztere werden einfach nicht beachtet. Weder von der Politik, noch von den Medien. Auf den Pressekonferenzen fällt kein Wort zur Situation an den Unis. Nicht ein*e Journalist*in fragt nach. Es gibt keinen Termin, keinen Plan, nichts. Die Unis und FHs bleiben wohl auch im ganzen kommenden Sommersemester im Distance Learning.

Aufmerksamkeit bitte!

Das Klischee der privilegierten Situation von vielen Studierenden sorgt oft dafür, dass wir belächelt werden. Bitte nicht aufregen, wenn der Papa ja das Studium zahlt. Bitte nicht sudern, ihr kennt ja die Realität des Arbeitslebens nicht. Bitte nicht jammern, geht’s halt hackeln, wenn ihr unzufrieden seid. In vielen Fällen ist das auch verständlich. Dass der Alltag derer, die in die Stadt gezogen sind, um an einer großen Universität zu studieren, in vielerlei Hinsicht völlig anders ist, als der ihrer Schulkolleg*innen, die geblieben sind, um eine Lehre zu beginnen, steht außer Frage. In vielen Fällen fehlt beiden Seiten die Bereitschaft, sich in die anderen hineinzuversetzen. Spielt man diese verschiedenen Gruppen, Alte und Junge, Akademiker*innen und Nicht-Akademiker*innen gegeneinander aus, kann man gesellschaftlich aber nur verlieren. Es geht nicht darum, wer unter der Krise am meisten leidet. Doch es muss darum gehen, allen, die von den Einschränkungen betroffen sind, auch eine Stimme zu geben.

Funktioniert doch eh – oder?

Die himmelschreiende Ignoranz der politischen Verantwortlichen und der medialen Berichterstattung, wenn es um Studierende geht, ist unfassbar. Dass Studieren momentan nur unter erschwerten Bedingungen stattfinden kann, ist nervig. Dass sich keiner dafür interessiert, eigentlich unerträglich. Immer wieder hofft man auf Informationen. In Eigenrecherche sind kaum welche zu finden. Niemand weiß, wie es weitergeht. Wir bleiben auf Zoom und BigBlueButton, voraussichtlich bis zum Ende des nächsten Semesters. Also bis Juni. Kommt damit klar, vermittelt man uns. Schließlich läuft es ja gar nicht schlecht mit dem Lernen von zu Hause.

Nein, es ist nicht nur unangenehm, die erste Vorlesung im Pyjama zu besuchen und sich dazwischen jederzeit neuen Kaffee machen zu können. Ja, es hilft, dass man sich lange Wegzeiten in die Hörsäle erspart. Ja, berufstätige Studierende haben jetzt mehr Möglichkeiten, Job und Studium unter einen Hut zu bringen. Doch die Tatsache, dass einzelne Aspekte durchaus positiv sind, berechtigt noch lange nicht dazu, alle negativen Auswirkungen einfach zu ignorieren. Es fehlt der Austausch, es fehlen angeregte Diskussionen, es fehlt inspirierender Diskurs. Und, weil es heute wichtig scheint, das zu betonen: Den gab es früher sehr wohl. Die meisten besuchen die Universität, weil sie etwas lernen wollen. Schwer zu glauben, ich weiß. Es geht nicht um die Partys, nicht um den Abschluss, nicht um den so erworbenen Gehaltszettel der Zukunft, sondern um die Liebe zum Fach. Einer lernfeindlichen Gesellschaft ist das natürlich schwer begreiflich.

Leistung, Leistung, Leistung

Dazu kommt, und auch darüber muss mehr geredet werden, die geplante Novelle des Universitätsgesetzes, die vielen das Studieren zusätzlich erschweren wird. Der Leistungsdruck wird verstärkt, gleichzeitig die Qualität der Lehre verringert. Wie soll man mehr und mehr ECTS-Punkte erreichen, wenn die psychische Belastung der allgemeinen Situation die von neoliberaler Politik eingeforderte Effizienzmaximierung verunmöglicht? Studierende vereinsamen immer mehr, haben keine Räume für sozialen Austausch, enorme Zukunftsängste und sollen dann bitte auch noch ein paar Prüfungen mehr machen. Was hilft es, wenn Influencer auf Instagram betonen, dass wir nicht immer produktiv sein müssen, weil schließlich Pandemie sei, wenn der Bildungsminister gleichzeitig daran festhält, dass Studierende grundsätzlich zu prüfungsfaul seien?

Zudem sind viele Lehrende sind auch heute noch mit den digitalen Möglichkeiten überfordert, vieles funktioniert nach wie vor nicht oder nur sehr schleppend. Dass es einzelne sehr engagierte Lehrpersonen gibt, ändert nichts an der Gesamtdiagnose. Es werden Prüfungstermine abgesagt und verschoben, Prüfungsbedingungen kurzfristig geändert. Die Situation wird immer prekärer. Auch finanziell: Viele junge Menschen, die studieren, sind momentan arbeitslos, haben aber aufgrund von Schwarzarbeit oder geringfügiger Anstellung keinen Anspruch auf Unterstützung. Der Sozialtopf der ÖH ist oft nicht genug, wenn Studiengebühren und Miete gezahlt werden müssen. Es verschärft sich, was ohnehin immer schon ein Problem war. Studierende mit reichen Eltern können sich bequem das Uni-Home-Office einrichten, first generation academics überlegen das Studium abzubrechen, weil es sich nicht mehr ausgeht.

Wir müssen lauter werden

Es liegt aber auch an uns, mehr Druck zu machen, darauf hinzuweisen und einzufordern, dass auch die Situation der österreichischen Studierenden ernst genommen wird. Niemand will volle Hörsäle, wenn das restliche öffentliche Leben gerade aus gutem Grund stillsteht.  Aber wir wollen, dass man uns eine Stimme gibt. Dass die pauschalen Vertröstungen ein Ende finden. Dass auch für die Hochschulen endlich eine Strategie entwickelt wird. Wir wollen einen Plan. Sonst sitzen wir auch im Frühsommer noch vor unseren Bildschirmen und haben Verbindungsprobleme, während alle anderen shoppen gehen oder in Bars sitzen.

Titelbild (c) Dom Fou/unsplash.com

1 Comment

  1. Gut geschrieben! In den Schulen ist das Problem ähnlich. In 11 Tagen sollte der Schulbetrieb mit Teilung wieder aufgenommen werden. Leider gibt es vom Ministerium dazu noch immer keine Vorgaben, wie dies zu erfolgen hat!

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Previous Story

Julian Assange der Staatsfeind Nummer 1 - Ein Porträt

sonnenfinsternis
Next Story

Weltraumabenteuer am Boden der Tatsachen - Wie wissenschaftlich ist The Expanse?