Streitkultur Schaf

Bubble Wars – Twitter und seine Streitkultur

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Dass soziale Netzwerke meist gar nicht so sozial sind, ist ein ungeschriebenes Gesetz. Besonders auf Twitter wird polemisiert, diffamiert und geblockt. Längst geht es nicht mehr nur um tollpatschige Katzen und lustige Sprüche.

Twitter scheint in Österreich nur der kleine Bruder der Social-Media-Giganten Facebook und Instagram zu sein. 2018 nutzen rund 155.000 Österreicher den Kurznachrichtendienst. Zum Vergleich: bei Instagram waren es in etwa zwei, bei Facebook nicht ganz vier Millionen. Die aktive Community auf Twitter ist in Österreich also überschaubar.

Eine Streitkultur, die mit 140 Zeichen auskommen muss, operiert oft völlig ohne faktische Argumente. Die Oberflächlichkeit ist in der Struktur des Netzwerkes angelegt. Oft steht die schnell geschriebene, nicht selten gedankenlose Polarisierung im Vordergrund.

Kein Meinungsaustausch

Durch die vielzitierte Bubble-Mentalität wird Twitter zu vermintem Gebiet. Man lullt sich nicht nur mit ähnlichen Meinungen ein, sondern sucht auch offen die Konfrontation nur deswegen, um gerade jene an den Pranger zu stellen, die eben nicht dem eigenen Meinungsspektrum entsprechen. In einem großen Paralleluniversum, das sich von der Realität schon durch spezielle, sprachliche Codes abgrenzt, entsteht ein Mikrokosmos aus unzähligen kleineren und größeren Bubbles.

Lösch dich!

Diese Gebilde darf man sich hier nicht als Luftschlösser vorstellen. Viele dieser Abgrenzungen haben tatsächlich etwas Kriegsähnliches an sich. Es bilden sich innerhalb der „Blasen“ einzelne Fraktionen, wo eine solche anfängt und wer ihr, aus welchen Gründen, angehört, ist kaum durchschaubar. Es werden scheinbar ständig neue Hashtags, Trends und Totschlagargumente erfunden, alle mit einer Halbwertszeit von ein paar Tagen. Damit soll Protest in eine digitale Form gegossen werden. In vielen Fällen macht dieser Hashtag-Aktivismus auch Sinn und war mitunter sehr erfolgreich, man denke nur an #MeToo oder #BlackLivesMatter. Der Überfluss an Kampagnen, die neben wichtigen Gesellschaftsthemen auch Kleinigkeiten ins Rampenlicht zerren, entwertet diese Art von Protest aber zunehmend. Zudem werden immer häufiger auch diffamierende Mittel eingesetzt.

Mit Cancel Culture wird ein Phänomen beschrieben, bei dem eine Person eines Vergehens bezichtigt wird, das diese oft nicht einmal begangen hat. Schneller als man braucht, um einen Gedanken zu formulieren, werden Personen und ihr gesamtes Umfeld diskreditiert. Unter dem Schlagwort eines gutgemeinten Aktivismus gegen rassistische, sexistische oder anders verwerfliche Positionen wird der Mob auf einzelne Accounts oder in der Öffentlichkeit stehende Persönlichkeiten losgelassen. Dass sich die Anschuldigungen oft auch als Missverständnisse entpuppen, spielt selten eine Rolle. Zumal es dann zumeist auch zu spät ist, um die ausufernde Wut der Masse wieder unter Kontrolle zu bekommen.

The world is messy. There are ambiguities. People who do really good stuff have flaws. […] There is this sense [that] making change is to be as judgemental as possible about other people. […] That’s not activism. That’s not bringing about change.

(Barack Obama, Oktober 2019)

Moral und Inszenierung

Wellen moralischer Empörung schaukeln sich auf, jede Nebenbemerkung bekommt auf Twitter bald ein Gewicht, das sie im „echten“ Leben nie bekommen würde. Nicht selten dürfte die treibende Kraft hinter vielen Posts ausufernde Selbstinszenierung sein. So mancher spielt sich als brennender Verfechter einer Denkrichtung auf, die entweder durch sinnlose Provokation zum leeren Modewort verkommt, oder aber schon von Beginn an jede konstruktive Diskussion im Keim erstickt. Pluralismus ist auf Twitter oft eher ein verhärtetes Nebeneinander, anstatt Vielfalt, Austausch und Diskurs zuzulassen.

Die unsägliche Frage nach der Meinungsfreiheit

Die von Rechtspopulisten angeheizte Meinungsfreiheitsdebatte ist natürlich völlig überzogen. Die Meinungsfreiheit ist in keiner Weise eingeschränkt, wir leben in einer Demokratie und niemand wird für seine Äußerungen denunziert, eingesperrt oder ermordet. Trotzdem entstand gleichzeitig mit einem Kraftakt der sprachlichen Umwälzung von Das-war-immer-schon-so hin zum Korrekten bis Überkorrekten, eine stärker werdende Abgrenzung zu anderen Meinungen. Diese Abgrenzung findet an beiden Polen der politischen Landschaft statt. Vor allem Rechte lassen in ihrer Ideologie das Andere nicht zu. Es ist ein Begriff, der mit vielen Angstassoziationen gefüllt werden kann. Doch Pluralismus wird oft auch von Linken nur theoretisch eingefordert. Das Verhältnis zur Wahrheit ist rechts wie links ein fragwürdiges geworden.

Die Linke […] vermutet Urteile, wo nur Beschreibungen gegeben werden, sodass man das Gefühl hat, eine gewisse Art von Wohlmeinenden könne und wolle sich nicht mit der Realität abfinden. Die Rechte hingegen, stets knallhart und lippenbekennend auf der Seite der Realität, neigt zu Desinformation, Lüge und Hetze bei gleichzeitiger Beschwörung der Wahrheit. […] Die Linke neigt zu entgleisender Empörung, zu wütender Abweisung alles von der eigenen Gesinnung Abweichenden, bei gleichzeitiger Beschwörung der Differenz und des Besitzes der Wahrheit.

(Armin Turnher, Eröffnungsrede zur Buch Wien im November 2019)

Der Eindruck vieler Menschen unter ständiger Beobachtung einer Kultur zu stehen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Unbequemes zu „löschen“, ist real. Indem man diese Befürchtung lächerlich macht und kleinspielt, hilft man nur denen, die diese immer und immer wieder neu erfunden haben: Rechtspopulisten und Rechtsextremen.

Was tun?

Sich völlig aus diesen Medien zurückzuziehen oder an sinnbefreiten Diskussionen gar nicht mehr teilzunehmen, wäre eine Möglichkeit. Richtig zufriedenstellend ist das aber nicht. Denn auch in dieser Debatte gilt: Nicht das Medium ist schlecht, sondern die Leute, die es benutzen. Der Polemik mit differenziertem Blick sachlich zu begegnen, wäre die andere Möglichkeit. Das ist zeit-, kraft- und nervenraubend, also auch nur für Hardcore-Rationalisten eine Option. Vielmehr sollten wir gefährliche Tendenzen der Streitkultur und die stärker werdende Abgrenzung von „falschen“ Meinungen öffentlich zum Thema machen. Nicht nur auf Twitter.

Widerstand oder Befindlichkeit?

Innerhalb der Linken gehört das Klischee aufgebrochen, nur die Rechte würde eindimensional und ausgrenzend denken. Das ist schlichtweg falsch. Es ist ein Tabu, der Linken ein ähnliches Problem zu unterstellen, zumal wenn man ihr selbst in irgendeiner Form angehört. Dass man sich in klarer Opposition zu faschistischen und hetzerischen Tendenzen befindet, ist absolut notwendig. Ja, gegenüber allem, das die Menschenwürde verletzt, ist Abgrenzung ein legitimes Mittel des Widerstandes. Doch muss wirklich jede Befindlichkeit ernstgenommen werden?

Verstecken wir uns nicht vor unangenehmen Debatten. Führen wir sie, auch wenn wir unsere Komfortzonen verlassen müssen. Lassen wir uns auf Emotionalisierung, Hass und Unsachlichkeit nicht ein. Reden wir über unsere Streitkultur und seien wir hart zu uns selbst. Tun wir das nicht, haben wir ein Problem.


Zur Rede von Armin Turnher
Obama über Cancel Culture

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