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Tyll Tut #2 – Laufen

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In dieser Kolumne wird unser Redakteur Tyll Leyh erwachsen. Das ist zumindest der Plan. Er probiert Hobbys, scheitert und liefert dabei Einblicke in sein Seelenleben. Im zweiten Beitrag geht Tyll joggen und lässt uns an seinen Erfahrungen teilhaben.

Das Ganze ist ein Selbstversuch, investigativ, doch was all diese Heilsversprechen bezüglich des Joggens nicht beinhalten: Anfangen. Im Herbst. Was all die Laufpäpste verschweigen: Diesen bewussten Entscheidungsprozess, diese Überwindung in Anbetracht einer gar langweiligen Situation. Eine Stunde bei Nieselregen, bei Dunkelheit draußen und laufen. Aber egal, hinterfragen ist nicht. Wäre Faulheit, altes Leben, nur die Antwort auf gestern Abend. Ich zwänge mich also in die Tights, finde mich super, suche die Sportschuhe raus, sehen noch so schön neu aus, Doppelknoten und los. 

Erlaufen, anlaufen, umlaufen, ablaufen

Erste gute Nachricht: Ich laufe. Erste schlechte Nachricht: So richtig gut fühlt es sich nicht an. Zweite gute Nachricht: 120BPM Playlist ist spitze. Zweite schlechte Nachricht: Erst 6 Minuten geschafft.

Vor mir eine Ampel, erste Verschnaufpause und Zeit zum Reflektieren. 

Es ist ja nicht so, dass ich nicht recherchiert hätte. 1-2 Artikel von Onlineblogger*innen waren durchaus erhellend. Es zeigt sich dort einmal mehr das Offensichtliche: Laufen ist sehr gesund, aber sehr anstrengend. Wer leiden und sich langweilen will, scheint zu joggen. Ist es deshalb im Trend? Ich komme einfach nicht dahinter, Laufen ist so einfach wie überflüssig, gesund wie spaßbefreit.

Egal! Ampel ist grün, weiter geht’s. Menschen am Belvedere stehen in Schlange, ich fliege motiviert vorbei. Ich jogge weiter und weiter, durch den dritten Bezirk, runter zum Donaukanal.

Ich laufe und laufe und laufe aus

Nach 10 Minuten werden die Schmerzen in den Beinen erträglicher. Nach 20 Minuten denke ich weniger nach. Nach 21 Minuten merke ich, dass es gar nicht mal so schlimm ist, außer dem sich ansammelnden nasskalten Schweiß. Nach 22 Minuten kommt dann die Überraschung. 

Meine Gedanken öffnen sich. Meine Stimmung steigt. Es funktioniert wirklich, ich bin im Flow. Ich erlebe das, was alle wollen: Runners High. Alles strömt. Meine Beine werden schneller, meine Gedanken kürzer, genauer, zentrierter und während die Wahrnehmung sich öffnet, schließt sich der Fokus. Ich denke über alles nach und nichts, bin unglaublich überzeugt von meinen Gedanken, so gut, so neu, so wenig überflüssig. Bin verschwitzt, voller Dopamin und die frische Luft durchdringt meinen Körper. Vor mir entstehen Alpenpanorama, Bergluft, paradiesische Zustände. Weg mit Plastikmüll, Erderwärmung, Wasserknappheit; es gibt für alles eine Lösung. Ich komme gleich drauf, nur noch 100 Meter weiter, zwei Zehntel schneller. In diesem Überfluss der Stimmung, der Gedanken, in vollkommener Klarheit wird mir bewusst, auf all diese Fragen, auf all meine Fragen, gibt es eine Antwort: 

Nur die ist nicht Joggen

Denn ich bin allein, im Stadtpark und habe Seitenstechen. Ich halte an, Arme hoch, mehr Luft aus-, wie einatmen, oder anders herum? Was ein kurzer Spaß. Ich gehe jetzt und die Euphorie klingt so schnell ab, wie sie gekommen ist. Die Gedanken werden nüchterner und wieder weniger esoterisch.

Ich suche zwar ein erwachsenes Hobby, aber Laufen ist gar kein Hobby. Laufen ist Alltag. Außerdem ist Laufen nur dann erwachsen, wenn fehlender Sinn erwachsen ist, und dafür bin ich doch noch nicht desillusioniert genug. Ich meine, was tut man denn dabei? Einen Schritt nach dem anderen machen, immer wieder, immer weiter, um im besten Fall in der aller stupidesten Wiederholung so etwas wie Freude zu empfinden, währenddessen Schmerzen. Was habe ich mir für tiefe Erkenntnisse erhofft? Laufen ist effizient, ist das, was es ist: Laufen. Nicht mehr, nicht weniger. Natürlich funktioniert es, klar fühl‘ ich mich besser, aber will ich das so? 

Ich werde noch langsamer

Erschöpft schleppe ich mich die letzten Meter an der Karlskirche vorbei, an sitzenden, redenden und glücklich wirkenden Menschen. Mein Hoch war Zufall. Laufen ist gar kein Sport, Laufen ist Vorbereitung, Erwartungshaltung. Laufen ist Schlange stehen, genau in dem Moment wo das Öffnen von Kasse zwei verpasst wurde. Das ist mein Fazit. Laufen kann sicher Spaß machen, ist eh OK. Aber eigentlich nicht mehr als ein Vakuum, nur die Antwort auf die Symptome einer Gesellschaft, die von mehr Nutzen in weniger Zeit lebt, von Wiederholung. Es taugt dafür, anderen Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen, weil sie weniger Talent für Masochismus haben. 

Ich mache die Tür auf und bin daheim, bin froh, dass es vorbei ist, fühl‘ mich schon ganz gut, jetzt reicht es auch erst einmal wieder mit Laufen. Playlist wird gespeichert, hoffentlich werde ich nicht krank. 

Eine weitere Erkenntnis aus dem Lauferlebnis: Es ist ein Fehler, meine Suche nach einem Hobby auf körperliche Betätigungen zu beschränken. Das nächste Mal probiere ich lieber etwas ohne Sport aus, etwas Sinnvolleres, etwas, das bleibt, das Auswirkungen hat, vielleicht sogar mit anderen Menschen, wenn es denn sein muss. 

Deshalb folgt in zwei Wochen:

Tyll Tut #3 – Aufräumen.

Ich weiß auch nicht, wie man das schreibt.

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