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Tyll tut #5 – Yoga

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In dieser Kolumne wird unser Redakteur Tyll Leyh erwachsen. Das ist zumindest der Plan. Er probiert Hobbys, scheitert und liefert dabei Einblicke in sein Seelenleben. In dieser Folge begibt er sich auf die Suche nach tiefen Erkenntnissen und Dehnungen. Er macht Yoga.

Jetlag, flacher Bauch, Detox, verklebte Faszien, Grippevirus, Weihnachten oder dem „Darm neuen Charme“ verleihen. Es gibt tatsächlich keine Wohlstandskrankheit, kein Bedürfnis des modernen Menschen, das nicht durch Yoga befriedigt werden könnte.

Sei es Affektkontrolle oder Ausgleich, ob Lach-, Bier-, Power-, Entspannungs-, Schwitz-, Trocken-, Schlaf-, oder Aufwach- Yoga, für jeden Zustand und jedes Individuum gibt es das passende Angebot. Sicher auch für mich! Für meine Reinheit von Körper und Seele, für Ruhe, Gelassenheit und als die Antwort auf – ich kann es nicht mehr hören – unsere immer komplexere und schnelllebigere Zeit. 

Aber wo findet ein Neu-Yogi wie ich, der endlich Körper und Seele in Einklang bringen muss, der umher schwingt ohne innere Mitte und mit kurzen O-Beinen den passenden Hüftöffner in diesem Überangebot der Superlative? 

So nah und günstig wie möglich.

In der kostenlosen Community Class eines nicht näher benannten Yogastudios, sozusagen in der Volkshochschulvariante und somit genau richtig für mich und meine Vorkenntnisse. Obwohl ich natürlich nicht unvorbereitet in die Stunde gehe. Monatelang habe ich mit panisch freundlichen Youtube-Yoga-Lehrerinnen verbracht, sie nicht abonniert und keinen Kalender aus dem Merchandise für 2020 gekauft, bis ich mich bereit gefühlt habe für Verrenkungen in der Öffentlichkeit.

Also begebe ich lächelnder Sanftmut mich in eine der Oasen der ausklingenden Schnelllebigkeit, in einen Ruhetempel der Geborgenheit und Worthülsen. Dort angekommen, bekomme ich einen sehr angenehmen ersten Eindruck. Im Yoga-Studio gibt es Tee, alle sind freundlich und bedacht, ich trage mich in die Liste und für den Online-Newsletter ein und schaue auf die Werbung für Klangschalentherapie und Schwitzen in der Jurte. Ich denke an Morgentau, Abendluft, ein natürliches Wohlgefühl kommt auf und ich verarbeite Eindrücke, die wie Bio-Teesorten heißen könnten und sich genauso anfühlen. 

Wir beginnen im Sitzen

Dann betrete ich den Yoga-Raum voller dünner Isomatten und bin erstaunt darüber, wie voll ein Ort der Leere sein kann. Es sind sehr viele Menschen da. Egal. Auch für mich und meine Matte ist noch Platz. Vor mir zeigt sich ein Querschnitt der Gesellschaft: Von jungen Frauen bis zu einem älteren Herrn, der sein Shavasana Schlavasana auf einer Krone Zeitung- Österreich-Flagge beginnen möchte, ist alles vertreten. 

Er bekommt dann doch eine Matte. Mit Kissen, Stein und Decke warten wir, bis alle da und angekommen sind.

Wir schließen die Augen, wir atmen ein, atmen aus, der Raum füllt sich mit einem, nicht ganz synchronen, lang gezogenen OM. Denn aus dem OM ist das Universum entstanden und mit in der Erde verankerten Sitzhöckern öffne ich mein Brustbein, atme so tief ein wie bei meiner aller letzen Zigarette und versuche angespannt die Position zu halten. 

Ich mache Yoga.

Langsam steigert sich die Intensität: Herabschauender Hund, keine Entspannung für mich, Krieger eins und zwei, linkes Knie nach vorne, oder war es doch das rechte? Es folgt eine Übung, die wahrscheinlich Baum heißt. Ich halte mich auf einem Bein, Blick nach oben, das zweite Bein berührt kurz den Boden, die Körperspannung kommt zurück, es ist erstaunlich anstrengend. Wir flowen, ich schwitze.

War ich metaphysisch obdachlos? Bin ich angekommen, empfinde ich Spaß und Entspannung? Ich versuche mich darauf einzulassen und der Raum füllt sich mit Ausdünstungen. Ich bin zum ersten mal froh über den Geruch von Räucherstäbchen und die Stunde nimmt ihren Lauf. Nacheinander kommen mehr Übungen und Wiederholungen, mal im Stehen, mal im Sitzen und ich folge den Anweisungen so gut es geht.

Dann Knie nach links, Blick nach rechts und wir begeben uns endlich in die Schlussentspannung. 

Es wird dunkel im Raum und ich denke daran, an nichts zu denken und denke dann doch. Gelingt mit Yoga der Spagat zwischen Erleuchtung und körperlicher Fitness? Ist es Symptom oder der Antwortversuch einer geistig optimierten Welt? Sollte ich nicht wieder an nichts denken? Geht es doch nur um Selbstoptimierung und Selbstdarstellung? Sind die mit Yoga verbundenen Gelassenheitskonzepte von Widerstandskraft, Selbstfokussierung, Opferbereitschaft und Disziplin nicht eher Dinge fürs Bundesheer?

Who cares, ich bin entspannt und eigentlich sollte es doch eh nur um mich selbst gehen. Gerade in dem Moment in dem ich trotz all der Gedanken eindöse, kommen wir zurück, fühlen die Fuß- und Fingerspitzen und gelangen über eine Seite ins Sitzen.

Nachdem wir uns dann bei uns selbst dafür bedankt haben, die Zeit genommen zu haben – danke Tyll – ist die Stunde vorbei und ich laufe entspannt nach draußen und sammle meine Gedanken für mein Fazit. 

Es fällt mir schwer ein Urteil zu fällen, die Stunde verging gut, es war nett, doch die an Yoga gerichteten Heilsversprechen sind überzogen. Es ist sicher gut für den unteren Rücken, aber zu viel sollte man sich nicht erwarten. Yoga ist Gymnastik mit etwas Esoterik, ich werde versuchen dran zu bleiben. Aber vielleicht ist ja immer noch zu viel Sinn und Verstand im Yoga, vielleicht muss ich mich auf die Suche nach wirklicher Leere begeben um ein Hobby zu finden…

Es folgt Tyll tut #6 Gym.

Erfolgserlebnisse: Ich kann auf einem Bein stehen 7/10 

Macht fit und belastbar: Es gibt Muskelgruppen, die kannte ich noch nicht 7/10

Fühlt sich nach Arbeit an: Nur nach Arbeit an mir selbst 6/10 

Preislich skalierbar: Wochenendworkshop in Goa? 10/10

Spaß: Meine innere Leere verbietet mir solcherlei Gedanken  4/10

Gesamt: 34/50

Ich weiß auch nicht, wie man das schreibt.

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