Mensch geht eine Straße entlang

VorLaut #10 – „Glauben heißt nicht wissen.“

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Weil es jede Woche etwas gibt, das nach dem kleinen bisschen Meinung verlangt. Weil wir finden, dass frech und vorlaut immer besser ist als zahm und gefügig. Deshalb gibt unser stellvertretender Chefredakteur Max Bell kurz vorm Wochenende seinen Senf dazu. Er mischt sich ein, überall und immer. Damit wir wissen, was war, was ist und welche Themen ruhig noch ein bisschen (vor)lauter sein dürfen. Diese Woche: Von Kirchen, Wissenschaft und Sebastian Kurz.

Diese Woche gab die Katholische Kirche Österreich bekannt, dass die Zahl der Ausgetretenen im vergangenen Jahr um 15% auf beinahe 70.000 Menschen gestiegen ist. Anlass genug, sich zur 10ten Ausgabe von VorLaut Gedanken über dieses Herzensthema zu machen.

„Glauben heißt nicht Wissen” diese Redensart beschreibt ganz einfach, warum religiöse Ideen immer weniger Platz in unserem Alltag einnehmen. Waren vor kaum hundert Jahren Wetterphänomene noch Anlass dafür den Priester aufzusuchen, so wendet man sich heute den ZIB Meterologen oder einer Wetter-App zu. Die Wissenschaft in ihrem endlosen Drang mehr und mehr zu erklären, hat Religion auf wenige Felder zurückgedrängt, die entweder noch nicht erklärt werden können oder für viele Menschen schwer erfassbar sind. Der Urknall etwa. Ein Gott, der das Universum mit einem Fingerschnipsen erschaffen hat, ist schließlich viel weniger Denkarbeit, als sich ein seit Anbeginn der Zeit ins Nichts expandierendes Universum vorzustellen. 

Basti und die Schöpfung

Auch die letzten Nischen, die die Religion nach wie vor besetzt, rutschen den Kirchen langsam durch die Finger. Die Katholische Kirche etwa als Moralinstanz Nummer 1 wahrzunehmen, nachdem sich jahrzehntelang Priester an Kindern vergriffen haben und die Kirche das in der Vergangenheit bloß „intern” gelöst sehen wollte, fällt doch eher schwer. 

Vor allem die großen christlichen Kirchen in Österreich versuchen sich deshalb aus jenen Lebensbereichen rauszuhalten, wo der gesellschaftliche Konsens gegen ihre Linie steht. Etwa kritisieren Kirchenfunktionäre die Fristenregelung nur noch selten offen und auch was Evolution betrifft, scheint man öffentliches Zweifeln aufgegeben zu haben. 

Das bedeutet aber nicht, dass es nicht durchaus einflussreiche Figuren gibt, die wissenschaftliche Fakten in Frage stellen. Etwa der Prediger Ben Fitzgerald, der Sebastian Kurz vor versammelter Stadthalle segenete. Er ist wie viele Freikirchler, auch in Österreich, Evangelikaler. Das bedeutet, dass er der Meinung ist, die Bibel sei zu 100% das Wort Gottes und somit Fakt, also auch die sieben Tage, in denen „Gott die Welt schuf”. Ganz getrennt werden Politik und Religion in Österreich wohl doch nicht. Schließlich heißt es im Regierungsprogramm ja auch „Wir können die Schöpfung bewahren […]”

Intellektuell Wehrlose als unfreiwillige Mitglieder

Kinder zu indoktrinieren, scheint die letzte Möglichkeit für Kirchen sich große Zahlen an Mitgliedern zu verschaffen. Die wenigsten Österreicher treten in eine Kirche ein. Viele treten einfach nur nicht aus. Eine Religion sollte eine bewusste Entscheidung sein. Wird man aber mit einer Konfession geboren, so beginnt ein Leben im Glaubenssystem der Eltern. Man sollte, wie man auch mit 16 das erste mal auf Bezirks-, Landes-, Bundes- und Europaebene wählen darf, doch bitte auch frei wählen dürfen, welcher Religion man angehören möchte.  Nur weil mein Vater sein Leben lang etwa ÖVP wählt, bin ich ja auch nicht von Geburt an ein „ÖVP Kind”, auch wenn August Wöginger das vielleicht gerne so hätte. Bei Religionen nehmen wir das aber einfach so hin. Das ist aus humanistischer Perspektive völlig unverständlich.

Zweierlei Maß

Ohne abzustreiten, dass die Kirche in der Vergangenheit vielen Menschen eine Möglichkeit geboten hat, sich für gute Zwecke einzusetzen oder einfach Gemeinschaft zu erleben, muss man doch in Frage stellen, ob dies immer mit lauteren Mitteln geschehen ist. Und außerdem, hat Religion wirklich ein Monopol auf soziales Engagement und Zugehörigkeitsgefühle?

Wir haben uns daran gewöhnt, Glaubensgemeinschaften mit anderem Maß zu messen, als alle anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen. Die jüngsten Austrittszahlen kann man als Zeichen dafür lesen, dass immer mehr Menschen eben genau diesen Doppelstandard nicht mehr tolerieren wollen. 

Eine Veränderung hin zu einer Neubewertung von Religionen in unserer Gesellschaft wäre ein gutes Zeichen. Für Gläubige, weil sie sich dann nicht mehr permanent für die Privilegien ihrer Kirchen entschuldigen müssten, für den Staat, weil Abhängigkeiten abgebaut werden könnten und vor allem für jene, die nicht glauben und aussteigen wollen, weil die Schwelle ihre Überzeugung offen zu legen, niedriger wäre.

Comitted to the best obtainable version of the truth.

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