Mensch geht eine Straße entlang

VorLaut #1 – Scham in meinem Bücherregal

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Weil es jede Woche etwas gibt, das nach dem kleinen bisschen Meinung verlangt. Weil wir finden, dass frech und vorlaut immer besser ist als zahm und gefügig. Deshalb gibt unser stellvertretender Chefredakteur Max Bell kurz vorm Wochenende seinen Senf dazu. Er mischt sich ein, überall und immer. Damit wir wissen, was war, was ist und welche Themen ruhig noch ein bisschen (vor)lauter sein dürfen. Diese Woche: Der eigene Seximus im Alltag.

Über Peter Handke wurde in den vergangenen Wochen wohl wirklich alles geschrieben. Besonders sein Sager: “Ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes.” sorgte in sozialen Medien für einige Lacher. Mich amüsierte die Aussage gar nicht. Denn ein Tweet der Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl, in dem sie die Frage stellte, welche Frauen uns Männer denn inspirierten, ließ mich stutzig werden. Mir fiel spontan außer der beinahe selbstverständlichen Hannah Arendt keine ein.

Nach einigem Grübeln erweiterte sich die Aufzählung freilich um so manche wichtige Frau der Weltgeschichte und auch die eine oder andere Person aus meiner Vergangenheit fand Einzug in die Liste. Ein übler Beigeschmack aber blieb, weil ich bei der Suche nach männlichen Inspirationsquellen sofort eine Vielzahl an Namen parat hatte.

Ich musste da doch einige vergessen haben. Nichts, was sich nicht durch einen Gang zum Bücherregal lösen ließ. Dort fing meine Selbstbezichtigung aber erst richtig an. Gerade einmal 10 Prozent meiner Bücher waren von Frauen. Das war eine dieser Erkenntnisse, die einen nicht mehr loslassen. Ich? Ich, der sich selbst als Feminist versteht, war offensichtlich in die Gender-Bias-Falle getappt.

Ausreden machen nichts besser

Ich versuchte zu relativieren. Da sind ja viele Klassiker und naturwissenschaftliche Sachbücher in meiner Bibliothek. Es ist nur logisch, dass da weniger Frauen vertreten sind. Meine Ausreden scheiterten aber an der harten historischen Realität. Frauen waren so lange einfach kaum Teil der niedergeschriebenen Geschichte. Das ist das Problem und sollte keine Rechtfertigung sein. Sie sind nach wie vor im Kanon dessen, “was man so gelesen haben sollte” unterrepräsentiert. Ich will diesen Missstand durch meinen Literaturkonsum nicht auch noch verschlimmern.

Ich will Frauen hören. Ich will ihre Erzählungen, ihre philosophischen Traktate, ihre Politikkommentare lesen. Meine Bücherkauf-Entscheidungen unterliegen allem Anschein nach aber einem starken Vorurteil. Ich beschließe also für mich das einzige Instrument einzuführen, das nachgewiesenermaßen gegen Sexismus wirkt: eine Frauenquote. Ich werde bis Ende des Jahres ausschließlich Bücher von Frauen lesen. Ab Silvester werde ich strikt zwischen Frauen und Männern wechseln. Manchmal ist eine klare Regel der einzige Weg zu echter Fairness.

Comitted to the best obtainable version of the truth.

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