Norbert Gstrein Buchcover

Im Zwischenraum des Bösen – Norbert Gstrein

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Mit dem Roman Als ich jung war (Hanser Verlag) von Norbert Gstrein hat ein Text den Österreichischen Buchpreis 2019 gewonnen, dem es mit psychologischem und sprachlichem Gespür gelingt, dunkle Erotik, die Unheimlichkeit des Verdachts und die #metoo Debatte zu verbinden.

In den Tiroler Bergen stürzt eine Braut in ihrer Hochzeitsnacht in den Tod. Der Hochzeitsfotograf Franz verlässt nach dem Unglück die alpine Heimat und wandert nach Amerika aus, um dort als Schilehrer zu arbeiten. Der plötzliche Selbstmord des „Professors“ und auftauchende Gerüchte um dessen dunkle Geheimnisse, bringen Franz zurück nach Tirol und zurück in seine eigene Vergangenheit und Verantwortung.

Gewalt und Geschlecht

Nahezu jede männliche Figur des Romans hat etwas Gewaltvolles an sich. Der Vater des Protagonisten tyrannisiert die eigene Frau, sodass diese ständig droht „ins Wasser zu gehen“. Der Bestatter, der die Leiche des Professors in einem mehrstündigen Roadtrip durch Amerika führt, ist wegen öffentlichen Masturbierens im nationalen Register für Sexualstraftäter angeführt. Der tote Professor wird aufgrund seiner Obsession für junge Mädchen verdächtigt, etwas mit deren Verschwinden zu tun zu haben. Die eigene Erfahrung des Protagonisten einer Nacht in seiner Jugend wird mit allen potenziellen Verbrechen und Abgründen in Verbindung gesetzt.

Die verschiedenen Taten haben nichts miteinander zu tun, werden jedoch scheinbar willkürlich miteinander verknüpft.  Die Schuld ist nicht ausschließlich an das Begehen oder Nicht-Begehen einer Tat geknüpft, sondern an den darüberstehenden Sinnzusammenhang. Durch kaum durchschaubare Zusammenhänge werden alle Schuldigen zu einem und reißen die Unschuldigen „in diesem ewigen Staffellauf der Abscheulichkeiten, den wir Männer nun einmal vollführten“ mit. An einer anderen Stelle heißt es: „Mit einem Mann an ihrer Seite, und es brauchte gar kein schlimmer Zeitgenosse zu sein, sahen die Frauen gleich viel sterblicher aus […].“

„A lot needs to be explained”

Der Roman selbst liest sich wie ein Gerücht. Fast jeder vorerst klar erzählter Handlungsstrang verliert sich irgendwann in Leerstellen, die nie gefüllt werden. Es gibt keinen Boden der Tatsachen, auf den der Erzähler einen zurückholen könnte. Man bewegt sich ständig im Zwischenraum des So-könnte-es-gewesen sein und muss feststellen, dass in diese Kategorie nahezu alles gepackt werden kann. Diese Verunsicherung des Lesers gelingt Gstrein auf erzählerisch raffinierte Weise. Er spinnt den Leser ins unheimliche Netz der Verdächtigungen mit ein. Man sucht das Dunkle in den Charakteren, die alle etwas zu verbergen scheinen und findet doch nur Ambivalenzen. Dass Gstrein dem Abgründigen nachspürt, ohne das Böse zu nennen oder zu fixieren, macht den Roman intelligent wie spannend.

Dunkle Erotik

Der Erzähler, von dem man erwartet, dass er vor allem Geschichten schildert, um „andere Geschichten nicht zu erzählen“, springt zwischen verschiedenen Schauplätzen hin und her. Da und dort wird die Erzählung von der einsamen, der stillen, aber nicht weniger gewaltvollen Natur umrahmt. Gstrein entfaltet in seinem Text eine grausam-schöne und abgründige Erotik. Jenseits jeder moralischen Empörung gelingt es hier, die verschiedenen Facetten von Sehnsucht, Schuld und Verantwortung freizulegen. Norbert Gstrein zeigt mit seinem Roman: Sensation und Vorverurteilung sind Sache des medialen Diskurses, für das Dazwischen bleibt die Literatur.

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