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Warum ich vegan lebe

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Es gibt kaum einen Grund, Eier, Milch und Fleisch zu essen, der mit moralischem oder klimafreundlichem Verhalten vereinbar wäre. Doch es gibt hunderte Gründe, es nicht zu tun und zu beginnen, vegan zu leben.

Ich war nie besonders tierlieb. Der Wert von Tieren entstand in meinen Augen allein aus dem Nutzen, den sie für Menschen erfüllen: In den meisten Fällen war ihr Leben so viel wert wie das Stück ihres Muskels, das ich im Supermarkt gekauft hatte. Ich fand das nicht problematisch. Der Mensch steht nun mal am Ende der Nahrungskette. Die Fähigkeit, andere auszubeuten, zu unterdrücken, zu konsumieren, sicherte uns in meinen Augen eine Vormachtstellung und das uneingeschränkte Recht auf Brutalität.

Dann begann ich aus Klimaschutzgründen immer öfter vegetarisch zu essen. Ich änderte meine Einstellung, ich beschäftigte mich mit der Ei- und Milchindustrie, ich entwickelte langsam Empathie für die Tiere, die jahrelang ganz selbstverständlich mit im Einkaufswagen landeten. Ich hatte immer klare Positionen zu den meisten gesellschaftlichen Fragen und auch große Lust daran, diese zu verteidigen und dafür einzustehen. Tiere waren für mich kein politisches Thema. Das ist heute anders. Denn während wir daran arbeiten, die Gesellschaft weniger rassistisch, homophob und sexistisch zu machen, sind Tierrechte nur in recht kleinen Blasen ein Thema – Schnitzel zu essen, ist tatsächlich auch heute noch politisch korrekt.

Industrie des Tötens

Zwar leben immer mehr Menschen vegan, der Durchschnittsösterreicher isst trotzdem noch etwa 63 Kilogramm Fleisch. In einem Jahr werden in Österreich etwa 100 Millionen Hühner, 5 Millionen Schweine, 644.651 Rinder, 311.990 Schafe, 61.344 Ziegen und 424 Pferde getötet. Importe aus anderen Ländern sind hier noch nicht miteingerechnet. Die in Österreich jährlich geschlachteten Schweine entsprechen der 2,8-fachen Einwohnerzahl Wiens.

Schweine können mehr Befehle erlernen als Hunde, und Kühe haben beste Freundinnen. Trotzdem begleitet uns der eine als treuer Freund, während wir die anderen töten lassen und paniert auf unseren Teller legen. Wir haben von klein auf gelernt, dass es vertretbar ist, manche Tiere auszubeuten und andere zu schützen. Diese Ungleichbehandlung verschiedener Tierarten nennt man Speziesismus. Wer in Österreich ein Tier misshandelt und ihm Qualen zufügt, muss mit bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe rechnen. Für das Töten von Tieren zum reinen Genuss gilt das nicht.

Ich habe 23 Jahre lang Fleisch, Milch und Eier gegessen, Leder getragen und habe, ohne mir Gedanken zu machen, gerne Zoos besucht. Die Ausbeutung von Tieren ist der Normalzustand, Veganer*innen sind radikal. Ich verstehe den Reflex, nicht wissen zu wollen, was hinter den verschlossenen Türen der Schlachthöfe passiert. Werbung und zahlreiche Imagekampagnen der Tierindustrie bieten uns einen einfachen Weg aus dem moralischen Dilemma. Sie zeigen, was wir sehen wollen, um weitermachen zu können wie bisher: das versprochene Tierwohl, den sympathischen Bergbauern, die „humane“ Schlachtung, fröhliche Bioferkel, glückliche Hühner im idyllischen Garten. Tierwohl-Labels werden auf jede Packung Fleisch geklebt und wir können beruhigt zur nächsten Grillparty laden. Win-Win für die Industrie und die Konsument*innen, Lose-Lose für alle nicht menschlichen Tiere.

Das sogenannte „Tierwohl“

Erst Anfang April veröffentlichte der Verein gegen Tierfabriken (VGT) Videos aus einem mit dem AMA-Gütesiegel ausgezeichneten Kärntner Schweinemastbetrieb. Die Tiere sind auf engstem Raum zusammengepfercht, teils schwer verletzt, haben entzündete Augen und abgebissene Schwänze. Mittlerweile ist der Betrieb für das AMA-Gütesiegel gesperrt. Doch solche Zustände sind keine Einzelfälle. Denn auch Haltungsbedingungen, die völlig legal sind, gehen über die absoluten Mindestanforderungen kaum hinaus. Greenpeace zufolge erfüllen über 90% des heimischen Schweinefleisches keine der untersuchten Kriterien für Tierwohl.

Doch auch wenn sogar strengste Vorgaben erfüllt werden (würden), steht am Ende immer der Tod eines Wesens, das Emotionen und Schmerz empfindet. Der schwierigste Schritt Richtung Veganismus ist, diese Ausbeutung zu erkennen und zu verstehen. Wer verinnerlicht hat, dass das abstrakte Stück Fleisch Teil eines fühlenden Körpers ist, dem wird es nicht schwerfallen, auf eine vegane Lebensweise umzusteigen.

 

Wer Leid auf ein Minimum beschränken will, darf keine tierischen Produkte konsumieren. Es gibt keinen ethisch vertretbaren Weg, andere Lebewesen auszubeuten, wenn dazu absolut keine Notwendigkeit besteht. Menschen können sich ohne Probleme und sehr gesund ernähren, ohne auf tierische Lebensmittel zurückzugreifen. Es geht um unsere Lust, unsere Gewohnheiten, unsere Auffassung davon, welchen Wert ein tierisches Leben trägt. Wer sich dafür entscheidet, weiter Tiere konsumieren zu wollen, muss sich bewusst machen, dass am Ende abertausende fühlende Wesen getötet werden, die nur zu diesem Zweck gezüchtet und aufgezogen wurden – völlig egal wie sehr sich die Verpackung um ein „tierfreundliches“ Image bemüht. Intelligente und soziale Tiere, die für unsere Gier nach ihren Eiern, ihrer Milch, ihrem Fleisch, ihrer Haut, ihrer Wolle, ihren Knochen unsagbares Leid ertragen müssen.


Titelbild (c) VGT.at

Weitere Informationen zur veganen Lebensweise findet ihr unter anderem bei der Veganen Gesellschaft Österreich  oder bei SURGE, einer aktivistischen Plattform, die investigative Recherchen, umfangreiche Tipps und Aufklärungsmaterial zur Verfügung stellt.

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