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Eine Krise ohne Impfung – Klimaschutz und Pandemie

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Während die neuen Infektionen mit Covid-19 auf niedrigem Niveau bleiben und wir uns über wiedergewonnene Freiheiten freuen, dürfen wir nicht vergessen, dass die Klimakrise noch lange nicht überwunden ist. Was können wir aus dem Krisenmanagement für den Klimaschutz lernen?

Die gesundheitliche Krise, in der wir die letzten Monate feststeckten, hat uns überrascht. Plötzlich waren wir mit einer Realität konfrontiert, die bisherige Grundsätze, wie die hierarchische Ordnung zwischen Wirtschaft und Gesundheit, innerhalb kürzester Zeit völlig über den Haufen geworfen und revidiert hat. Eine Pandemie bricht aus, explosiv und, wie man nicht müde wurde zu betonen, exponentiell. Sie ist Gewalt, wie wir sie traditionell verstehen. Am eigenen Leib erfahrbar und mit direkten Konsequenzen. Gleichzeitig befinden wir uns immer noch mitten in einer anderen, noch größeren, noch bedrohlicheren Krise. Es war ein kurzes Zeitfenster am Beginn von Ausgangssperren und neuen gesellschaftlichen Regeln, in dem man hoffen konnte, das Klima könne sich erholen, die eine Krise verhelfe der anderen zu einer Atempause. Dieses Fenster hat sich momentan wieder geschlossen. Alles beim Alten, so scheint es. Dabei fühlen sich die Österreicher nach einer im Mai veröffentlichten Umfrage von der Klimakrise eher persönlich bedroht und verunsichert, 47% der Befragten würden die Klimakrise vor der Corona-Pandemie auf Knopfdruck verschwinden lassen.

Unsichtbare Katastrophe

Im Gegensatz zur Covid-19 Pandemie entwickelt sich die Klimakatastrophe langsam – Rob Nixon, Professor für Humanities and Environmentalism in Princeton, spricht von slow violence, also Gewalt, die zwar im Moment verursacht wird, deren Konsequenzen aber erst in naher oder ferner Zukunft spürbar werden. So könnte man die unterschiedlichen Reaktionen auf beide Krisen erklären. Corona konfrontiert uns mit Krankheit und dem Tod unserer Nächsten, die Klimakrise betrifft im besten Fall erst Generationen nach uns. Auch wenn wir die Katastrophe vorbereiten, erfahren müssen wir sie wahrscheinlich nicht. Zukünftiges Leid lässt sich schönreden, gegenwärtige Verluste nicht.

Schau auf dich, schau auf die Umwelt

Es wurden Dinge möglich, die Aktivisten längst fordern. „Wenn die Reduktion des Flugverkehrs, die Priorisierung von Gesundheit gegenüber wirtschaftlichen Interessen und die gegenseitige Rücksichtnahme 2020 wegen Corona möglich waren, muss das für alle Jahre danach auch gelten, um das Klima zu schützen“, werden Aktivisten argumentieren. Die Fridays-for-Future-Generation blieb zu Hause, verzichtete auf Partys, Studentenleben, Dating und engen Kontakt zu Freunden, vor allem um die ältere Bevölkerung zu schützen. Anstatt den schwelenden Generationenkonflikt weiter zu verschärfen, könnte man die momentane Krise dazu nutzen, aufeinander zuzugehen und den Generationenvertrag neu und anders zu denken.

Appelle und Warnungen

Die letzten Wochen wurden Klimaschutzproteste, wie alles andere auch, ins Internet verlegt. Man posierte mit Schildern vor der Kamera und war darum bemüht, den kämpferischen Enthusiasmus, der noch letzten Frühling so vielverprechend Millionen Jugendliche auf die Straße getrieben hatte, nicht verblassen zu lassen. Plötzlich standen Kurz, Kogler und Anschober auf dutzenden Pressekonferenzen und griffen auf dieselben rhetorischen Mittel zurück wie Aktivisten. Apokalyptische Narrative und Zusammenhalt wurden beschworen, Experten ins Rampenlicht gerückt und betont, wie ausschlaggebend die nächste Zeit sein würde. Auch die Klimakrise wird maßgeblich davon beeinflusst sein, wie wir in den nächsten Jahren handeln oder eben nicht handeln. Dabei wären die Einschränkungen, die es bräuchte, um Umweltzerstörung und Erderwärmung einzudämmen, für den Einzelnen nicht einmal so einschneidend wie die Corona-Maßnahmen. Wir könnten weiterhin Freunde zum Brunchen einladen, in Nachtclubs tanzen, ins Fitnessstudio oder Kino gehen, Ländergrenzen überschreiten, auf Parkbänken sitzen oder Kunst außerhalb von Online-Übertragungen genießen.

Klimakrise Illustratin
(c) Lin

Zurück zu den Fakten

Die Corona-Krise brachte plötzlich enorme Aufmerksamkeit für wissenschaftliche Konzepte, die Menschen wollten besser verstehen, wie sich der Virus verbreitet, was die Kurve einer exponentiellen Funktion bedeutet und welche Medikamente für die Behandlung in Frage kommen. Die Naturwissenschaft erlebte ein Comeback, indem sie die Sehnsucht nach Sachlichkeit stillte, indem sie jenseits politischer Entscheidungen aufklärte und indem sie der eigentlich unverständlichen Krise einen zwar verkürzten, aber kommunizierbaren Rahmen gab. Virologen wurden zu Popstars. Dass bei all dem Wissenschaftsenthusiasmus schnell auch Begriffe wie Wahrheit, Hypothese und Studie durcheinandergeworfen, vermischt und unhinterfragt wiedergegeben wurden, sollte die neugewonnene Aussagekraft der Wissenschaftler nicht trüben. Experten wurden endlich wieder als wesentliche Stimmen ernstgenommen. Doch warum lässt sich dieser Starstatus nicht auch auf Klimatologen übertragen? Dass die führenden Köpfe der Klimabewegung vor allem Aktivisten sind und nicht Wissenschaftler, lässt den Anschein erwecken, dass es sich nicht nur um Fakten, sondern auch um Ideologie handelt. Dabei berufen sich alle Initiativen und Organisationen auf Erkenntnisse, die in der wissenschaftlichen Gemeinschaft als weitgehend akzeptiert gelten. Die Klimakrise ist keine Meinung. Das muss, ähnlich wie bei der Corona-Krise, endlich breitengesellschaftlich anerkannt werden.

Wir brauchen auch Philosophen

Doch eine Krise darf nicht nur einseitig behandelt werden, ihre Bewältigung ist auf vielfältige Perspektiven angewiesen. Um wirtschaftliche, soziale und psychische Kollateralschäden zu verhindern, war und ist es wichtig, neben Virologen auch Vertreter der Sozial- Wirtschafts- und Geisteswissenschaften einzubeziehen. Sichtweisen, auf die auch Klimaaktivisten nicht vergessen dürfen. Wie reagiert eine Gesellschaft auf gravierende Umwälzungen ihrer Gewohnheiten? Wie lassen sich die Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt aus soziologischer, aber auch philosophischer Perspektive erklären? Welche Rolle spielen die Künste, um die Dringlichkeit sichtbar zu machen? Die Fragen, auf die vor allem die viel belächelten Orchideendisziplinen Antworten geben könnten, sind zahlreich. Die Forschenden dieser Fächer haben lange die Zuständigkeit an die naturwissenschaftlichen Kollegen abgegeben und müssen nun raus aus ihren Elfenbeintürmen, um zu beweisen, dass auch sie wesentliche Beiträge liefern können.

Und jetzt?

Die Gesundheitskrise ist zwar noch nicht vorbei, die größten Schäden sind fürs Erste aber abgewendet. Jetzt gilt es aus dem Krisenmanagement zu lernen. „Jeder von uns wird einen kennen, der an Covid-19 verstorben ist“, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz zu Beginn des Lockdowns. Braucht es in Bezug auf die Klimakrise ähnlich drastische Warnungen oder läuft man so Gefahr, unter dem Schlagwort der Panikmache diffamiert zu werden? Doch reichen Appelle an die Solidarität, damit Menschen weniger Autofahren, weniger Flugreisen unternehmen und weniger Fleisch essen? Soll man klimaschädlichen Luxus verbieten oder gar bestrafen? Trotz Empörung wurden Strafen für das Missachten der Ausgangsbeschränkungen weitgehend akzeptiert. Schließlich ging es um die Gesundheit. Ähnliche Vorgangsweisen im Sinne der Erdgesundheit durchzusetzen, scheint mehr als schwierig. Zumal ja auch Politik und Wirtschaft mehr zur Verantwortung gezogen werden müssten. Die Beiträge Einzelner zum Klimaschutz sind wichtig, die Verhinderung des point of no return werden sie aber ohne Unterstützung der Großen nicht stemmen können. Ein Großteil der Österreicher wünscht sich laut einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Umfrage nach der Corona-Krise Investitionen, um die Klimakrise zu bekämpfen. Der wirtschaftliche Wiederaufbau muss jetzt in erster Linie von grünen Konzepten und Ideen getragen werden. Denn gegen die Klimakrise gibt es keine Impfung, auf die wir hoffen und warten können. Das Medikament, das wir haben, heißt grundlegende Veränderung.


Weitere Informationen

Hier geht es zum Buch von Rob Nixon

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