Zwei künstliche Menschen, eine Frau und ein Mann, mit spärlicher, aber futuristischer Rüstung in Vor- und Rückansicht: Artwork aus "Bomberman Act Zero" (Xbox 360).

OldMacMario’s Farm @ wolfgang #10: Grausige „Gritty Reboots“

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Heute soll es um die Unsitte gehen, etablierte Franchises ebenso künstlich wie unbeholfen auf (mit großen Anführungszeichen) „erwachsen“ zu trimmen: Endprodukte solcher fragwürdiger Unternehmungen sind landläufig als „Gritty Reboots“ bekannt. Vorher aber noch eine kurze Ankündigung in eigener Sache, liebe Leute: Die übernächste Kolumne (#12) wird die vorläufig letzte Folge von OldMacMario’s Farm @ wolfgang sein.

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Nicht nur weil 12 eine schöne Zahl ist und es bisher ebensoviele Generation N-Printausgaben gab (von denen ihr die meisten noch bestellen könnt), sondern vorrangig weil es für mich einfach wieder Zeit ist, mich mehr um weitere Projekte zu kümmern, die in den letzten Monaten wegen meines wolfgang-Engagements etwas zu kurz gekommen sind: Um neue Videos für den Generation N-Youtubekanal beispielsweise. Oder um meine Tätigkeit als eine Hälfte des Indie-Videospielentwicklerteams El Matador Games, das unlängst sein erstes Spiel Blind Ninja veröffentlicht hat (dass ihr hier herunterladen könnt – pay what you want!) und aktuell ein verrücktes Abenteuer für eine gewisse würfelförmige Katze designt. Wenn ihr also über meine zukünftigen Projekte auf dem Laufenden bleiben wollt, was mich sehr freuen würde, dann schaut einfach ab und zu mal auf der Generation N-Hauptseite, der Facebook-Page oder dem Twitter-Kanal vorbei!

Nun aber zurück zum eigentlichen Thema: Ein Gritty Reboot kommt wohl dann zustande, wenn Fokusgruppentestfanatiker unter den Industrie-Entscheidungsträgern beim Betrachten einer klassischen Spieleserie einen gewissen Geistesblitz haben: „Hey! Das sieht viel zu charmant, lustig, bunt und/oder familientauglich aus! Wie konnte sich das bisher nur verkaufen ohne generisch, deprimierend, brutal und/oder übersexualisiert zu sein?! Da müssen wir Abhilfe schaffen!“ Spoiler: Ganz schlechte Idee.

Was bin ich?

Ein wunderbares Beispiel hierfür ist gleich das Titelbild dieser Kolumne: Es zeigt künstliche Menschen, die in einer geheimen unterirdischen Militäreinrichtung als perfekte Soldaten mit gezielt eingepflanzten Erinnerungen erschaffen wurden und so lange gegen ihre unzähligen identisch aussehenden „Brüder“ und „Schwestern“ auf Leben und Tod kämpfen müssen, bis nur der oder die letzte Überlebende gnädigerweise den Komplex verlassen darf…um auf der Oberfläche in einem bereits 300 Jahre währenden Weltkrieg zu kämpfen. Hurra. Generisch? Check. Deprimierend? Check. Brutal? Check. Und übersexualisiert? Aber Hallo! Man beachte die futuristische, aber extrem spärliche Panzerung der muskelbepackten männlichen und Modelmaße aufweisenden weiblichen Gestalt; und während es beiden nicht erspart bleibt, auch noch einen lächerlichen Tanga (perfekt fürs Schlachtfeld!) tragen zu müssen, muss letztere zusätzlich im Cyborg-Äquivalent zu Netzstrümpfen und Stöckelschuhen kämpfen. Also: Übersexualisiert? Doppel- und Dreifach-Check, inklusive Sexismus-„Bonus“. Hey, meine Stempelkarte ist voll! GRITTY REBOOT-BINGO!

Aber aus einem Gritty Reboot welches Franchises stammen diese Raubeine wohl? Und damit verbunden: Die „verbesserte“ Version welcher bekannter Spieleserienfiguren stellen sie dar? Wer die Antwort nicht im Voraus kennt, kommt wohl nie darauf, denn es ist dermaßen absurd:

Acht "Bombermen" - comichafte bunte Gestalten in verschiedenfarbigen Helmen - posieren als Gruppe: Artwork aus "Super Bomberman R" (Switch).
Schreit diese düstere Bande nicht geradezu „Dystopie“? [Artworks hier und im Titelbild: bomberman.fandom.com / Hudson Soft / Konami]

Ja, der zuvor beschriebene Unfug nennt sich ernsthaft Bomberman: Act Zero und erschien anno 2006 für Xbox 360: Aus einem beliebten Partyspiel mit niedlichen großköpfigen Gestalten (mal als Roboter deklariert, mal gibt es selbstverständlicherweise einen ganzen Planeten von „Bombermännern“), die sich im Versus-Modus zu dritt, viert, fünft, acht oder sogar zu zehnt cartoonishe Bomben um die Ohren hauen (was ihnen aber auf Dauer nicht sonderlich viel auszumachen scheint) oder im Co-op gemeinsam gegen verrückte Monsterchen der Marke „Ballongeist“ oder „scheibenförmiger fliegender Kopffüßler-Tiger“ kämpfen, wurde ein pseudocooles Machwerk gebastelt, das sich überdies wie eine viel ungeschliffenere Version des Originals spielt und zwar Online-Matches erlaubt und über einen unnötigen First-Person-Modus, aber keinen Offline-Multiplayer (zuvor und danach das Verkaufsargument für Bomberman-Titel) verfügt! Angeblich dachte Hersteller Hudson Soft, der Westen würde sich genau so eine Version wünschen. Spoiler: Tat er nicht. Act Zero floppte ordentlich, wurde von nun an von Entwicklerseite ignoriert und spätere Serienteile boten wieder die guten alten Comicfiguren.

Verteidiger des Reboots argumentieren manchmal, Act Zero würde einfach nur die Geschichte des allerersten NES-Bomberman von 1985 wieder aufgreifen, aber mal ehrlich: Der Titel von damals, in dem (der damals einzige) Bomberman ein Fabriksroboter ist, der versucht, aus selbiger Fabrik auszubrechen, um beim Rausspazieren ein Mensch zu werden, was warum auch immer tatsächlich funktioniert, und dabei gegen verrückte Viecher – wie die oben erwähnten – statt gegen seine „Geschwister“ kämpfen muss, ist vom Ton her viel näher an einer Sci-Fi-Pinocchio-Variante wie Nummer 5 lebt! (das übrigens erst ein Jahr später in die Kinos kam) als an der grausamen 2006er-Dystopie. Außerdem wurden sowohl „unser“ bekannter Bomberman (und seine gleichnamigen Kollegen in den verschiedensten Farben) als auch der Serien-definierende Multiplayer-Modus erst mit Bomberman 2 alias Dynablaster eingeführt; sein zum Menschen mutierter Vorgänger wurde zum „Lode Runner“, dem Titelhelden der gleichnamigen, gameplaymäßig völlig anderen Serie.

Streetwise, but not wise

Das ist freilich nur eines von vielen Beispielen: Capcoms Final Fight war etwa eine launige Prügelspiel-Serie, in der es ein bunter Haufen von Kämpfern (darunter ein schnauzbärtiger, muskelbepackter Bürgermeister und ein Ninja – ja, der erste Teil erschien 1989, wieso?) mit allerlei Schurken aufnimmt; quasi die Brawler-„Schwesterserie“ von Street Fighter aus demselben Hause und optisch ähnlich comicartig und leichtherzig. Der PlayStation 2- und Xbox-Titel Final Fight Streetwise von 2006 (Oha, ich erkenne ein Muster!) dagegen spielt in einer hässlichen betonfarbenen Stadt, die nahezu nur von Schlägertypen und Prostituierten (O-Ton: „Fancy a shag?“) bewohnt zu sein scheint, und setzt euch Bosse wie den schmierigen „Weasel“ vor, der natürlich mit einer Sexszene in die Story eingeführt wird und später wie eine Vollidioten-Version von Ryo Hazuki mit einem Gabelstapler auf euch losgeht, auf dessen Rückseite in großen Lettern „You are my bitch now!“ geschmiert wurde…

Missversteht diese Kritik bitte keinesfalls als Anklage gegen alle Spiele außer bunten und harmlosen: Videospiele sind eine vollwertige Kunst- und Unterhaltungsform wie Kino, Fernsehen oder Literatur und „dürfen“ in keiner Weise „weniger“ als diese! Aber wer das Publikum mit bekannten Franchise-Namen ködert und gleichzeitig ein Produkt herausbringt, welches all das, was selbige Serie ausgemacht hat, zugunsten billiger „Sex&Crime“-Klischees über Bord wirft, hat es – gelinde gesagt – verdient, damit verkaufszahlentechnisch auf die Nase zu fallen.

Würfelförmige pixelige Katze

Vielen Dank fürs Lesen und hoffentlich bis zum nächsten Mal sagen Kolumnen-Katz und Old!


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Herausgeber des "Generation N"-Printmagazins und generation-n.at-Videoredakteur, Germanist, Informatiker, Videospielfreak seit Kindergartentagen, auch Kino, Comics und dem Basteln von seltsamen Kurzfilmen nicht abgeneigt sowie stolzer Absolvent eines Wochenend-Intensivkurses der Clownerie.

Herausgeber des "Generation N"-Printmagazins und generation-n.at-Videoredakteur, Germanist, Informatiker, Videospielfreak seit Kindergartentagen, auch Kino, Comics und dem Basteln von seltsamen Kurzfilmen nicht abgeneigt sowie stolzer Absolvent eines Wochenend-Intensivkurses der Clownerie.

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