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Wir wollen wahre Geschichten! | Lena Johanna Hödls „Emotionaler Leerstand im Privateigentum“

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Die Poetry-Slammerin und Schauspielstudentin Lena Johanna Hödl hat ihren Debütroman „Emotionaler Leerstand im Privateigentum“ (Achse Verlag) der Liebe gewidmet. Figur und Autorin sind nahezu deckungsgleich. Der Roman reiht sich damit nahtlos ins populäre Erfolgskonzept der Autofiktion.  

Lena Johanna Hödl erzählt in Emotionaler Leerstand im Privateigentum von sich selbst, ihrer Jugend, ihren Erfahrungen. In 21 Kapiteln begegnet die Protagonistin Lena ebenso vielen Menschen, die sie geliebt hat, zieht Resümee und bilanziert die Geschichte ihrer vielen kleinen und großen Verliebtheiten. Auch wenn Hödl der Tendenz der Literatur, immer mehr über sich selbst zu schreiben, mit Ironie begegnet, wird es irgendwann auch ein wenig fad. Ein bisschen Depression, ein bisschen Liebe, ein bisschen Exzess. Die Semi-Autobiografien junger Schriftsteller*innen ähneln sich immer mehr und wagen selten etwas Neues.

„Von der Traurigkeit, den Schuldgefühlen, der Angst und generell all diesem pathetischen Sondermüll, den junge weiße Menschen aus gut situierten Familien so oft verspüren in der Gegenwartsliteratur […]“

Ein Jahrzehnt ist es her, seitdem Karl Ove Knausgård mit Sterben seinen sechsteiligen, autobiografischen Romanzyklus begonnen und damit einen literarischen Supertrend gestartet hat. Die Literaturwelt scheint nach Büchern mit autobiografischen Elementen geradezu verrückt zu sein. Das Rezept ist ebenso simpel, wie erfolgreich: Man mischt ein bisschen Wirklichkeit mit ein bisschen Erfundenem und fertig ist die Bestseller-Garantie. Das Label „nach einer wahren Geschichte“ hatte immer schon etwas Befriedigendes. Das Publikum will echtes Leiden und wahre Geschichten, real life, da ist es egal, ob es um Hip Hop oder tausend Seiten lange Romanzyklen geht. Das Leben schreibt die besten Geschichten, sagt man, und dabei fühlen wir uns gar nicht wie die Voyeure, die wir eigentlich sind.

Doch trotz erwartbarer Handlung überrascht Hödl: mit ihrer Sprache. Die knallt gewaltig. Man hört, dass die Autorin aus dem Poetry-Slam kommt. Jeder zweite Satz klingt wie die Lyrics eines gelungenen Popsongs, den man gerne in Endlosschleife hört. Es gibt keine abgegriffenen Floskeln und das ist in einem Roman, in dem es um nichts anderes als die Liebe geht, bemerkenswert. Viel eher werden die großen Phrasen der Liebesliteratur zerstückelt, neu montiert und als Versatzstücke schonungslos parodiert.

„Romeo hat Julia nicht verlassen, Philemon Baucis nicht, Brangelina sind zu diesem Zeitpunkt auch noch zusammen.“

Für Kinder der Nullerjahre ist der Roman voller Nostalgie, eine kleine Zeitreise durch die Pubertät zwischen Graz und Wien. Eine Jugendliche sucht Hollywood-Romanzen im Provinzkaff Österreich. Als Coming-of-Age-Roman ist der Text echt und roh, als Liebesgeschichte eine Synthese aus trockener Wirklichkeit und erfrischender Gelegenheitsromantik. Hödl hat eine Bestandsaufnahme der Liebe geschrieben, in der jegliche Erwartungen seziert und enttäuscht werden. Es gibt keine Disneyprinzen und ewig haltende Harmonie, dafür niederschmetternde Schlussmachszenen, Tränen und Sex zwischen leeren Bierdosen und dem Versuch am Leben zu bleiben.

                „Der härteste aller Knochen hat die Form einer jungen Frau, die toxische Männlichkeit einatmet, wie die Lungen zerstörenden Staub.“

Man verliebt sich in die Männer, denen Lena begegnet, immer ein klein wenig mit, vor allem aber verliebt man sich in Lena. In ihre Verletzlichkeit, ihr ständiges Scheitern, ihren leisen Widerstand, ihre Coolness, ihre Ziellosigkeit. Vielleicht versteckt sich das Geheimnis der Autofiktion genau hier: im Gefühl der Vertrautheit. Echte Figuren sind die perfekten Anti-Helden. Sie sind wirklich wie wir. Wahrscheinlich ist es unser eigener Narzissmus, der diese autobiografischen Texte so erfolgreich macht und nicht die Selbstverliebtheit der Autor*innen.


Titelbild (c) Nolan Isaac/unsplash.com

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