Mensch geht eine Straße entlang

VorLaut #7 – Diskussionen unterm Weihnachtsbaum

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Weil es jede Woche etwas gibt, das nach dem kleinen bisschen Meinung verlangt. Weil wir finden, dass frech und vorlaut immer besser ist als zahm und gefügig. Deshalb gibt unser stellvertretender Chefredakteur Max Bell kurz vorm Wochenende seinen Senf dazu. Er mischt sich ein, überall und immer. Damit wir wissen, was war, was ist und welche Themen ruhig noch ein bisschen (vor)lauter sein dürfen. Diese Woche: Warum Diskussionen gerade zu Weihnachten so wichtig sind.

Für viele von uns steht Weihnachten für eine Zeit der Besinnlichkeit. In der Realität sind die Feiertage um den 24. Dezember aber oft mit erheblichem Stress verbunden. Unter anderem, weil sich durch Familienfeiern ganz besondere soziale Biotope ergeben. Da sitzt der erzkatholische Opa mit der linksliberalen Enkelin und deren neurechtem Onkel am Tisch und alle sind gezwungen irgendwie miteinander auszukommen. Für manche eine Horrorvorstellung, auf der anderen Seite aber eine Chance. 

Zu oft erleben wir, dass jene Menschen, mit denen wir über politische oder gesellschaftliche Themen sprechen, ohnehin unserer Meinung sind. Wir drehen uns im einander zustimmen im Kreis und entdecken kaum Reibungsflächen, an denen sich unsere Argumente schärfen könnten. Konfrontation macht uns zu diskursfähigen Individuen und eben deswegen können weihnachtliche Zusammentreffen so wertvoll sein.

Ohne Frage ist es nicht immer angenehm, sich Argumente anzuhören, die gegen alles stehen, was man selbst glaubt oder sogar weiß. So kann es etwa wahnsinnig frustrierend sein, wenn man jemandem immer noch erklären muss, dass der menschengemachte Klimawandel keine Theorie sondern wissenschaftlicher Konsens ist. Der Wert der Auseinandersetzung ist aber immens. 

Zum einen geht es darum, die Aussage von ihrem Urheber trennen zu lernen. So schwierig es auch scheinen mag, aber man kann einen Menschen mögen, sogar lieben, obwohl er sich offensichtlichen Fakten verschließt oder einer fundamental anderen Meinung ist. Das kann einen lehren, Emotion und die zu diskutierende Sache auseinanderzuhalten.

Auf der anderen Seite, geht es um die rare Chance einen Blick in andere Bubbles zu erhaschen. Wer von uns tut es sich denn schon regelmäßig bewusst an, Medien zu konsumieren, die außerhalb unserer Weltanschauung angesiedelt sind? Stößt man zufällig auf eine Website, die gegen die eigene Meinung läuft, neigt man dazu, schnell weg zu klicken. Einer Diskussion mit einem Familienmitglied anderer Gesinnung kann man sich nicht so einfach entziehen und das ist auch gut so. 

Weihnachtsessen mit der Familie sind also die ultimative Antithese zu Safe Spaces, wie sie manche fordern. Man wird zur Auseinandersetzung gezwungen. Das bedeutet nicht, dass man sich von einer anderen Meinung überzeugen lassen muss. Diskussion trägt auch dazu bei, eigene Gedanken am Widerstand anderer zu schärfen.

Es lohnt sich also zu reden. Um zu erfahren, warum man für oder gegen etwas ist, der Vereinzelung entgegen, für eine lebendige politische Kultur. Man muss es sich nur trauen.

Comitted to the best obtainable version of the truth.

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