Mensch geht eine Straße entlang

VorLaut #9 – 2020: Was jetzt? Keine Panik!

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Weil es jede Woche etwas gibt, das nach dem kleinen bisschen Meinung verlangt. Weil wir finden, dass frech und vorlaut immer besser ist als zahm und gefügig. Deshalb gibt unser stellvertretender Chefredakteur Max Bell kurz vorm Wochenende seinen Senf dazu. Er mischt sich ein, überall und immer. Damit wir wissen, was war, was ist und welche Themen ruhig noch ein bisschen (vor)lauter sein dürfen. Diese Woche: Die Vorzeichen für 2020 stehen nicht gut. Warum wir trotzdem optimistisch bleiben müssen.

Der mittlere Osten steht an der Schwelle eines Krieges, die Klimakrise schreitet weiter voran, ohne dass Gröberes dagegen getan wird und die Schere zwischen Arm und Reich ist immer noch ein großes Problem. Alles veritable Gründe, um in Panik zu geraten.

Gerade gegen diese Panik müssen wir uns aber mit allen Mitteln wehren. Panik ist gefundenes Fressen für jene politische Rattenfänger, die uns einige dieser Krisen eingebrockt haben. Stattdessen lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, was gut ist, was schlecht ist und was man selbst tun kann.

Eine neue Denkweise ist angesagt – radikaler Realismus. Ein Beispiel angelehnt an den Historiker Rutger Bregman: Die soziale Ungleichheit ist weiterhin eines der größten Probleme der Menschheit. Dass wir dieses Übel als Weltbevölkerung noch nicht behoben haben, ist ein Trauerspiel. Auf der anderen Seite ist die Armut weltweit in den letzten 100 Jahren enorm gesunken. Wir müssen uns also nicht geißeln, dass wir als Menschheit nichts getan hätten, uns aber auch eingestehen, dass wir uns unter keinen Umständen mit dem Status Quo zufrieden geben dürfen.

Große Themen wie Klimakrise oder eben globale Ungleichheit verlocken immer dazu, sich machtlos zu fühlen. Wir sind ja schließlich nur kleine Individuen, die nichts gegen die Schalter und Walter unserer Weltordnung ausrichten können. Und hier kommt zu unserem Realismus ein radikaler Optimismus hinzu.

Die Geschichte zeigt, dass sozialer Wandel funktionieren kann, wenn sich genug Menschen hinter solche Forderungen stellen. Unser Sozialsystem, freier Hochschulzugang und demokratische Wahlen legen Zeugnis davon ab. Weltweit versuchen Schüler bei den Protesten von Fridays for Future und fortschrittliche Politiker wie Elizabeth Warren oder Bernie Sanders bei den US-Wahlen, neue Veränderungen herbeizuführen.

Machtlos ist nur, wer sich als machtlos wahrnimmt. Jeder von uns kann etwas ändern. Und wenn man nicht weiß, wo man anfangen soll, bricht man am besten ein gepflegtes Streitgespräch vom Zaun. Oft sind es erst Diskussionen, um die es schon in der vorletzten Kolumne ging, die einem erst zeigen, wie sehr einem eine Sache am Herzen liegt.

Streiten wir also wieder mehr, im besten Sinne des Wortes natürlich. Setzen wir uns ein, und wenn wir dann in die Welt schauen, dann ohne Pessimismus, sondern mit radikalem Realismus. Er zeigt uns, dass es viel zu tun gibt, wir aber auch viel tun können.


Alle Bücher von Rutger Bregman gibts hier. Besondere Empfehlung: Utopien für Realisten

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