Tadschikistan mit Blick auf Afghanistan

Auf Reisen in „Sowjetistan“ – von Erika Fatland  

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Für ihr Buch Sowjetistan (2017 bei Suhrkamp auf Deutsch erschienen) reiste Erika Fatland durch die fünf zentralasiatischen Postsowjetstaaten Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan. Das Buch wurde 2015 mit dem norwegischen Buchhandelspreis ausgezeichnet und erscheint in zehn Ländern.

Erika Fatland, Jahrgang 1983, ist Journalistin, Sozialanthropologin und Autorin. Drei Berufe, die sich perfekt eignen, um eine Reise in ein Gebiet zu machen, in dem sich kaum einer auskennt: Zentralasien. Sie spricht acht Sprachen, darunter Russisch, was sich als großer Vorteil herausstellt, und war insgesamt neun Monate unterwegs.

Alles Wüste?

„Zentral“ klingt eigentlich nach „Mittelpunkt“ und doch sind die fünf Länder für fast nichts bekannt, außer, dass sie einmal zur UdSSR gehört haben und den viertgrößten Binnensee der Welt verloren haben. Warum will man denn in diese Länder fahren? Und sind die nicht eh alle gleich? Während Kasachstan und Usbekistan tatsächlich aus viel Wüste bestehen, gibt es in Kirgisistan und Tadschikistan fast ausschließlich Berge.

Turkmenistan – Diktatur inklusive

Spätestens mit Chal, das ist vergorene Kamelmilch, werden die Autorin und ihre Verdauung an die ersten Grenzen gebracht:

In den Methodenkursen in Sozialanthropologie wurde uns eingeschärft, dass das Rennen gelaufen ist, wenn man nicht dasselbe isst wie die Einheimischen. Nähere Einblicke kann man dann vergessen. Ich hielt also die Luft an und nahm noch einen Löffel.

Turkmenistan ist ein Überwachungsstaat. Die Journalistin darf sich hier auf keinen Fall als solche ausgeben und die gesamte Reise wird von einem Reisebüro geplant und begleitet. Die Hauptstadt Aschgabat besteht aus weißen Mamorbauten und sechsspurigen Autobahnen, auf denen niemand fährt. Turkmenen bekommen Gratisleistungen wie Gas und Salz, Benzin ist subventioniert und damit billig. So rechtfertigt der Präsident seine Omnipräsenz.

Aschgabat
„Rushhour in Aschgabat. »Lang lebe das Neutrale Turkmenistan!«, meldet die elektronische Anzeigentafel.“ © Erika Fatland

Fatland landet ohne Zustimmung in der Zeitung, auf dem Rücken eines Pferdes, inklusive eines Interviews, das sie nie gegeben hat. Beim jährlichen großen Pferderennen fällt der Präsident vom Pferd, nachdem er ein Rennen gewann, weil alle anderen sich zügelten. Es wird jede einzelne Kamera untersucht, kein Bild des Sturzes ist übriggeblieben. Turkmenistan ist ein bizarres Land, aber zumindest eine leserische Reise auf jeden Fall wert.

Warum reist man? Warum setzt man sich der Unbill aus, die die Überwindung großer Entfernungen und der Aufenthalt in fernen, fremden Ländern mit sich bringen? Meine Theorie ist, dass wir ständig auf neue Reisen gehen, weil wir von Natur aus mit einer unvollkommenen und fehlbaren Erinnerung ausgestattet sind.

Kasachstan – Land mit Hafen und ohne Wasser

Der Aralsee begann in den sechziger Jahren zu schrumpfen, das lernt man auch hierzulande in der Schule. Aral, die ehemalige Hafenstadt, ist heute nur noch der traurige Anblick einer der größten vom Menschen verursachten Umweltkatastrophen der Welt. Die Zuflüsse wurden in Sowjetzeiten umgeleitet, um großflächige Baumwollplantagen zu bewässern, die mitten in der Wüste auf trockenem Boden angelegt wurden. Dass man hier auf Sowjetnostalgie stößt, ist für den Europäer unverständlich. In der UdSSR gab es aber viele Dinge gratis oder subventioniert. Nicht jeder denkt an Stalin, Propaganda und Elend.

Must bring: Geigerzähler

Die Autorin scheut sich nicht mit kasachischen Fluggesellschaften zu fliegen, die den europäischen Luftraum nicht befliegen dürfen, weil sie den internationalen Sicherheitsstandards nicht entsprechen. Aber in entlegene Atomwaffentestgelände fliegt sonst auch niemand. Insgesamt 456 Atombomben wurden in Semipalatinsk (heute Semei) zum Test gezündet. Der Kalte Krieg hinterließ in dieser Region tiefe Krater, noch heute sind die wenigen übriggebliebenen Bewohner überdurchschnittlich oft und schwer krank. Ein Jahrhundert zuvor saß hier niemand geringeres als Fjodor M. Dostojewski seine Strafe ab.

Tadschikistan –  mehr als ein Nachbar?

Das kleine Bergland kann sich mit dem höchsten Fahnenmast der Welt rühmen, ist ansonsten aber bitterarm. Es gibt keine Öl- oder Gasvorkommen und nur sehr wenige Flächen sind für die Landwirtschaft geeignet. Die Bevölkerung muss zusehen, wo sie bleibt. In der Hauptstadt Duschanbe fahren trotzdem komischerweise teure Autos herum. Fatland berichtet, dass der deutschen Polizei zufolge, zweihundert aus Deutschland gestohlene Luxusfahrzeuge bei führenden Beamten, sowie Familienmitgliedern und Freunden des Präsidenten von Tadschikistan, aufgetaucht waren.

Die Autorin berichtet aber auch von herzlichen Begegnungen und der großen Gastfreundschaft der Tadschiken und wird sogleich auf eine Hochzeit eingeladen. Es soll nicht die letzte auf dieser Reise sein.

Tadschikistan mit Blick auf Afghanistan
„Das Wachan-Tal: Auf der anderen Seite des Flusses liegt Afghanistan.“ © Erika Fatland

Tadschikistan stand immer zwischen den Großimperien Russland und Großbritannien. Afghanistan, das hier angrenzt, galt als letzter Puffer zwischen Britisch-Indien und russischem Territorium. Die Anthropologin sitzt am Fluss, mit Blick auf ein Afghanistan, in dem nichts los zu sein scheint. Obwohl Afghanistan (verständlicherweise) keines ihrer Reiseziele sein sollte, versorgt sie den Leser mit umfassender Geschichte des Landes, dessen Bewohner sich nie haben unterkriegen lassen. Und auch die Tadschiken sind nicht zimperlich:

„Bulunkul ist der kälteste Ort Tadschikistans“, prahlte der Mann der Rektorin. „Der Rekord steht bei minus dreiundfünfzig Grad.“
„Wie ertragen es die Leute hier im Winter?“
„Wir sind es gewohnt. Wir ziehen uns eine Jacke an.“

Kirgisistan – Adler, Demokratie, aber keine Frauenrechte

Heißt das nicht Kirgistan? Oder gar Kirgisien? Offiziell heißt es Kirgisische Republik, deutschsprachige auswärtige Ämter sagen Kirgisistan, aber Kirgistan ist auch gängig. Laut verschiedener Internetquellen fällt aber zumindest Kirgisien raus, denn das ist eher der eingedeutschte Begriff der russischen Bezeichnung zu Sowjetzeiten.

Und was gibt es hier? Jedenfalls keine Romantik. Brautraub ist nicht nur ein hartes, sondern ein gängiges Phänomen in Kirgisistan. Erika Fatland spricht mit betroffenen Frauen. Ihre Geschichten sind unglaublich und keine geht gut aus. Ein hartes, aber wichtiges Kapitel, das dieses Buch unglaublich bereichert.

Obwohl Zentralasien seit längerer Zeit als sicher gilt, sollte man als Frau in der Hauptstadt Bischkek nachts nicht allein rumlaufen. Homosexuelle scheinen in Zentralasien generell eher nicht willkommen zu sein, denn Fatland spricht immer wieder mit Einheimischen, die sich stark homophob äußern.

Usbekistan – Raupen al dente  

Da war doch noch die Seidenstraße. Die Seidenproduktion ist nicht nur Jahrtausende alt, sondern mittlerweile auch eine Touristenattraktion. Chiwa und Samarkand haben viel Architektur und Kultur zu bieten. Allerdings ist nicht alles so alt wie es scheint, denn auch hier standen Dschingis Khan und Timur Lenk einst vor der Tür. Fatland beendet hier eine Reise, die noch kein zweiter erlebt hat.

Chiwa
„Die Altstadt Itchan Kala von Chiwa ist ein einziges großes Freiluftmuseum.“ © Erika Fatland

Außer in Kirgisistan gibt es keine echte Demokratie. Die Länder scheinen sich politisch eher zurück zu entwickeln als vorwärts, Präsidenten sind Diktatoren auf Lebenszeit und ihre Bilder hängen allgegenwärtig. Kritik am System gibt es nur hinter vorgehaltener Hand.

Reisende in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken sind es gewohnt, dass ältere Menschen von Nostalgie überwältigt werden, wenn sie anfangen, von der Sowjetunion zu erzählen. Früher war alles besser, lautet der Refrain, und wer will sie dafür tadeln? […] Allerdings hatte ich nicht erwartet, hier, wo man die Konsequenzen der megalomanen Projekte der Sowjets in einem solchen Ausmaß zu spüren bekommen hatte, auf eine derartige Sowjetnostalgie zu stoßen.

Sowjetistan – Ein kluger Titel

Die Autorin stößt in allen Ländern auf herzliche, gastfreundliche Menschen mit überaus interessanten oder auch tragischen Geschichten und lässt sich auch durch rasende Fahrer, zu bestechende Beamte oder kasachische Heilerinnen nicht die Sprache verschlagen. Ihre intensive Recherche bereichert diese Reisereportage enorm. Mit ihren eigenen Farbfotos aus allen Ländern und deren Landkarten und der hervorzuhebenden Umschlaggestaltung, ist dieses Buch ein Gesamtkunstwerk, das jedem Reiselustigen ans Herz zu legen ist.

Cover Erika Fatland Sowjetistan
© Suhrkamp Verlag

Weitere Infos

Erika Fatland hatte noch nicht genug. So machte sie sich kurze Zeit später erneut auf den Weg, diesmal mit der Frage, was es bedeutet, das größte Land der Welt als Nachbarn zu haben. Die Grenze. Eine Reise rund um Russland erschien im Original 2017 und 2019 auf Deutsch, ebenfalls im Suhrkamp Verlag. Dafür reiste Fatland die 20 000 Kilometer lange Grenze Russlands entlang, durch die 14 anliegenden Staaten und die Nordostpassage. Das Buch erhielt den norwegischen Buchbloggerpreis und erscheint in zwölf Sprachen. Gleichfalls eine herzliche Leseempfehlung!

Hier geht’s zu Sowjetistan.

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Aus dem Ruhrgebiet. Studentin der Komparatistik und der Kommunikationswissenschaften.

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