Thomas Ballhausen mit Buch

Parzival war doch ein schönes Mädchen – Interview mit Thomas Ballhausen

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Thomas Ballhausen ist Literaturwissenschaftler, Herausgeber und Autor. Im Oktober erschien beim Limbus Verlag sein Lyrikband Das Mädchen Parzival (Auszug am Ende des Artikels). Mit uns spricht er über Theorie, Praxis und was dazwischen bleibt.

Was hat Dich zu diesem Projekt inspiriert und wie lange hast du daran gearbeitet?

Das Mädchen Parzival enthält ganz unterschiedliche Texte. Das sind Texte, die unterschiedliche Stimmlagen anbieten. Aus einer lyrischen Tradition heraus etwas Neues ziehen und das aber unterschiedlich machen. Die Idee mit dem Mädchen Parzival, also die Geschichte komplett neu und auch frecher zu erzählen, die gab‘s schon länger. Manche Texte sind zwei Jahre alt, manche sind wirklich erst dieses Jahr entstanden. Zusammen mit dem Verlag, der sehr gute Arbeit gemacht hat in der Betreuung, haben wir eine verdichtete Version davon gemacht.

Findest Du es schwieriger Lyrik zu schreiben als Prosa? Oder umgekehrt?

Alle Textsorten haben unterschiedliche Herausforderungen. Ich sehe das als Vorteil. Mich interessiert eine Frage und dann kann ich mir aussuchen in welche Richtung ich damit gehe: Wird das ein wissenschaftlicher Text, ein Prosatext, ein lyrischer Text? Oder eine Hybridform, wie es jetzt immer mehr der Fall ist? Ein sogenannter lyric essay zum Beispiel oder ein Prosapoem, wie wir es seit dem 19. Jahrhundert kennen. Ich finde gerade die Verbindungen spannend, immer gekoppelt an diese Freiheit, also das Interesse daran, dass ich einer Frage nachgehen möchte und im Prozess des Herausfindens, des Notierens, des Recherchierens, des Lesens, und das dann im Kopf und im Notizbuch mit sich herumzutragen, da wird dann klar, was es am Ende wird.

Schreibst Du viel unterwegs?

Ja! Ich habe wirklich noch ein analoges Notizbuch und schreibe sehr viel handschriftlich. Oft ist das dann auch so, dass von einer Seite Notizen nur noch eine Zeile überbleibt. Manchmal muss man eine ganze Seite schreiben, damit man zu dem Satz kommt, um den es eigentlich geht. Man erlebt mich an den unterschiedlichsten, und wahrscheinlich unmöglichsten Orten schreibend. Das hat mir auch schon Fragen und Stirnrunzeln eingetragen, aber das nehme ich in Kauf.

Also bist Du nicht der Künstler, der an seinem Schreibtisch hockt und sich für Monate verbarrikadiert?

Auch das Arbeiten an einem Schreibtisch oder wo auch immer Platz ist, das gibt’s, aber aus der Perspektive des Beobachtenden, die ich für mich in Anspruch nehme, kann man auch super in einem Club sitzen und was aufschreiben oder sich mal eine halbe Stunde ausklinken, wenn es einen Impuls gibt, dem man nachgeben möchte. Und dann ist man auch unter tausend Menschen ein bisschen allein. Da finde ich nichts Trauriges oder Nachteiliges dran.

Findest Du, dass es für Dich als Literaturwissenschaftler schwieriger ist, kreativ zu schreiben? Glaubst Du, dass andere Autor*innen, die „nur“ kreativ schreiben, es leichter haben?

Für die anderen Autor*innen möchte ich das nicht beantworten müssen. Ich weiß, auch durch meine Lehrerfahrungen im Ausland, dass es im englischsprachigen und französischsprachigen Raum viel üblicher ist, dass man als Wissenschaftler*in tätig sein kann und auch als Autor*in mit literarischen Texten. Da wird das eher in der Verantwortung der Leute gesehen, welchen Hut man da gerade trägt. Für mich sehe ich das gar nicht als Nachteil, sondern das sind zwei Felder, die sich immens befruchten und beflügeln können.

Dass es eine Literatur gibt, die theorieinformiert ist, kann helfen. Ich denke mir deswegen nicht automatisch „Ich mache jetzt Besserwisser-Literatur“. Mir ist es schon ein Anliegen, dass das lesbar bleibt. Man muss nicht alles mitnehmen, was ich da einbaue. Man kann das einfach als Text lesen und hoffentlich auch genießen. Dahingehend: Nein, ich sehe das überhaupt nicht als Nachteil oder als Hemmnis, sondern eher als Teil einer Ausbildung, die sich auch fortsetzt. Ich habe den Eindruck, dass ich immer noch irrsinnig viel zu lernen habe.

Wen möchtest Du erreichen?

Ich versuche schon eine breite Leserschaft anzusprechen, auch unter dem Aspekt, dass auf dem Band „Gedichte“ draufsteht und das in einer Lyrikreihe erschienen ist. Auch da habe ich das Gefühl, das es auf internationaler Ebene dieses eigenartige Vorurteil „Lyrik lesen nur die Lyriker“ nicht gibt, das hab ich da immer viel offener erlebt.

Dahingehend ist auch dieser Band so gebaut, dass es klassisch lyrische Angebote gibt, aber auch verspieltere, frechere oder erzählerische und ich denke, dass jemand, der zum Beispiel Vergnügen an fantastischer Literatur hat, da was finden könnte, jemand der Liebeslyrik mag, es kann aber auch jemand Interesse haben an dieser Verbindung „Literatur trifft die Künste und was heißt das?“.

Es fehlt ja immer noch vielen Leuten der Zugang zu Lyrik. Hast Du das Gefühl, dass sich das in den letzten Jahren geändert hat?

Es gibt eine vermehrte Sensibilisierung dafür, was Lyrik kann. Ich denke, da gibt’s noch sehr viel zu tun, um mit den ganzen Vorurteilen gegenüber der Lyrik aufzuräumen. Es ist relativ leicht das in so eine Königsklasse abzuschieben. Dann greift man das auch nicht mehr an. Das finde ich immens schade. Da gibt’s eine große Lebendigkeit, auch in dem Bereich der Lyrik, der mit der Prosa, aber auch mit dem Drama korrespondiert.

Die Textarten und Gattungen verändern sich ganz stark. Ich glaube, dass man als Leser*in, im Bereich der Lyrik vielleicht mittlerweile sogar einen leichteren Zugang finden könnte. Das sind ja auch mitunter kompakte Texte, die da mal so stehen, vibrieren und hoffentlich eine Resonanz erzeugen. Da sehe ich vielleicht auch die andere Seite, dass nicht nur die vielen Vorurteile bestehen, wie „das ist langweilig, schwierig und unverständlich und das interessiert auch den Markt nicht“. Das teile ich nicht.

Das heißt, man könnte das durch neue Techniken, wie Du das hier beispielsweise gemacht hast, so verbinden, dass man die Leute durch die Diversität wieder mehr ansprechen kann?

Das wäre eine Möglichkeit. Manche Texte darin funktionieren wie ein Film oder wie ein DJ-Abend. Die arbeiten mit Prinzipien des Schneidens und des Mixens oder der Idee zu sagen: „Klassiker sind nichts, was automatisch langweilig ist und verstaubt, sondern wir können das ein bisschen durchschütteln und sagen: Nein, das hat für uns jetzt auch noch was zu sagen“ und das dann hoffentlich auch auf eine unterhaltsame und anregende Weise.

Du bist Lehrender an mehreren Universitäten. Was können deine Student*innen von Dir lernen?

Ich versuche eine Sensibilität für Literatur und Medien zu vermitteln, die sagt „Mach es Dir ein bisschen schwerer, denn das ist ein Vorteil für Dich“. Man kommt zu einem differenzierteren Urteil, auch mit schwierigeren Texten oder heikleren Positionen oder mit Theorieangeboten, die sich nicht sofort von selbst erklären. Ich versuche so etwas wie einen zweiten Blick zu vermitteln. Meine eigene Arbeit ist stark von Lektüre geprägt. Da trifft sich mein literarisches und mein wissenschaftliches Schreiben sicher auch. Ich hoffe vermitteln zu können, wie man genauer liest, wie man Zwischentöne erkennen kann, auch verstehen lernt, dass manchmal die Theorie das Praktischste ist, was man kriegen kann, wenn man sie lebt. Das ist mir ein Anliegen.

Das hilft dann, dass man vermeidet, das Gleiche zu machen wie alle anderen. Dass man für sich selbst den eigenen kreativen Prozess findet.

In den Kursen, in denen es auch um das kreative Schreiben von Texten geht – und ich denke auch wissenschaftliches Schreiben kann, und soll hoffentlich, einen kreativen Impuls beinhalten – da geht’s mir schon darum anzubieten, wie man Sprache und Worte als Material verstehen kann.

Viel Künstlerisches beginnt ja mit dem Üben, indem man nachahmt und imitiert und dann schält sich das Eigene immer mehr heraus. Das ist ein Prozess und wenn ich das bei Studierenden begleiten darf, sehe ich das als immensen Erfolg. Die müssen nicht das machen, was ich mache, sondern ich biete Ihnen Wege an, damit sie das machen können, was sie wollen.

Von wem hast Du etwas lernen können? Die bibliographischen Angaben sind ja recht lang und vielfältig in diesem Werk. Kannst Du da jemanden herauspicken?

Der Abschnitt der Bibliographie fungiert auch als eigenes Kapitel. Das ist ein Angebot eines Raums. Das sind Texte, die für mich wichtig sind, Bezüge, zu denen ich hinleiten will. Das sind Texte, die prägend waren für die Texte, die da jetzt so stehen. Das ist kein klassisches Literaturverzeichnis, es heißt ja auch „Hilfslinien“, es ist also ein Angebot, einen Raum zu öffnen.

Ich habe viele akademische Lehrer*innen gehabt, die mir Genauigkeit beigebracht haben. Bei den literarischen Positionen gibt es vieles, was ich als Lesender, aber nicht den*die Autor*in selbst kennengelernt habe. Ein Autor, der für mich als Leser, aber auch in der persönlichen Begegnung immer fruchtbringend war, ist Ferdinand Schmatz. Ich finde, er ist einer der wichtigsten Lyriker, die wir so haben. Er hat mich auf vieles gebracht und auch in Gesprächen immer auf eine gute Art gefordert und mich in meiner Arbeit befördert.

Warum hast Du Dich für die Fotos von Chris Saupper entschieden?

Die Zusammenarbeit mit ihm gibt es schon seit mehreren Jahren. Inzwischen verbindet uns auch eine enge Freundschaft und ich mag seine Arbeit sehr. Ich habe ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, diesem Buch, das verschiedene Räume anbietet, auch einen Bildraum zu geben. Er hat sich bereit erklärt, das Buch mit einer unveröffentlichten Fotoserie zu versehen, die dieses Moment von Sehnsucht enthält, das das Buch als eine der Linien durchzieht. Die Serie hat mich sofort angesprochen.

Du bist ein Graphic Novel Fan. Wäre es interessant für Dich, die Lyrik mit einer Graphic Novel zu verbinden?

Ich durfte auch im Bereich Comic schon arbeiten und habe ein paar Graphic Novels gescriptet. Ausgehend von einem lyrischen Text wäre es sicher spannend, ein Graphic Novel Moment zu probieren. Gerade die Titelgeschichte Das Mädchen Parzival, das ja von der mittelalterlichen Figur Parzival genauso viel hat wie vom Tank Girl, könnte einen interessanten Comic abgeben.

Thema Gender: Warum hast Du aus Parzival ein Mädchen gemacht?

Es gibt einen Text in dem Buch, wo es in einem Nebensatz um Mordred, den bösen Sohn von Arthur geht. Da hat mich der Text in einem Flow Moment hingeführt. Es gibt die nachlässige Bemerkung „Parzival war doch ein schönes Mädchen, das wissen wir doch alle“. Beim Lesen der mittelalterlichen Texte ist mir das als Gedanke gekommen, so als „gegen den Strich lesen“. Das war ein Strang und auf der anderen Seite mein Interesse für Theorie und auch die Gender Studies. Als drittes Moment ein Impuls, der in der englischsprachigen Literatur sehr stark ist: Das nennt sich versioning, wo es darum geht, als Künstler*in in Auseinandersetzung mit einem Klassiker zu treten, aber ihn nicht einfach zu übersetzen, sondern darauf zu antworten und eine Variante hinzuzufügen. Aus dem Stoff Parzival etwas ganz Neues zu machen hat mich total gereizt.

Du hast das letzte Wort.

Das letzte Wort ist: Ja.

Dankeschön!


Ausschnitt aus Kapitel III. Das Mädchen Parzival, mit freundlicher Genehmigung des Limbus Verlages:

das Mädchen Parzival ist ein Bündel moderner Nerven
folgt Leitlinien aus Stoff, alphabetischen Markierungen
Cutter und Lanze sind hier lesbar, ganz figürlich ringsum
schlag ein Sklavenzeichen
all das: ist Teil des Tests
[…] 
das Mädchen Parzival träumt empört von Begriffen
abseits von Genen und Erziehung
einem Goldenen Zeitalter des Ruinierten
prüft sich selbst in vielen Stimmen
mach nun das Bild sich regen, mit seitlichen Bewegungen,
laß Dir den Film laufen


Weitere Informationen

Hier geht’s zum Buch. 

Aus dem Ruhrgebiet. Studentin der Komparatistik und der Kommunikationswissenschaften.

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