Buchcover Abenteuerliche Reise

Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer – Rezension

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Karl-Markus Gauß‘ Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer (Paul Zsolnay Verlag) erzählt von all den wunderbaren Dingen, die man Zuhause schnell mal übersieht. Das Buch war in diesem Jahr für den Österreichischen Buchpreis auf der Shortlist nominiert. 

Karl-Markus Gauß, mittlerweile 65 Jahre alt und Herausgeber der Zeitschrift Literatur und Kritik, wohnt seit einigen Jahrzehnten in einem Haus aus dem 19. Jahrhundert in Salzburg. In seinem Werk Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer nimmt er die Leser_innen mit in seine eigens aufgebaute und strukturierte Welt, die so reich ist, wie die außerhalb seines Hauses.

Es gibt Dinge, die braucht man nicht, und deswegen kommt man ohne sie nicht aus. Der Brieföffner war immer schon im Haus, und meine Frau und ich wissen beide nicht, wann wir ihn erstanden oder von wem wir ihn erhielten.

Zwischen Asbest und Souvenirs

Gerade diese vermeintlich unnötigen Dinge geben Gauß Anlass, sein Gedächtnis nach der Herkunft und Erinnerung ebendieser zu durchleuchten. So kommen das Asbestimperium der Hatscheks und der Grund für die vielen Souvenirtassen von Orten, an denen er meist nicht einmal gewesen ist, wieder auf den Plan. Aus Definitionen des Wartens und dem Bekenntnis zur digitalen Errungenschaft des Mobiltelefons, weil diese einem die Angst nimmt, der Tochter könnte in Ghana etwas geschehen, formt der Autor ein sehr persönliches Buch voller Anekdoten und zusätzlichem Geschichtswissen.

Immer warte ich ja auf etwas, auf das Wochenende, die Sommerferien, das nächste Buch, die Tage, frei von Verpflichtungen, die nie kommen werden, immerzu warte ich, auch so vergeht die Zeit, die einmal die meine gewesen sein wird. […] Was zu er-warten wäre: dass die Wartenden in Apathie, in eine existentielle Schläfrigkeit gerieten. Was hingegen zu beobachten ist: dass sie in eine Form von Raserei des Nichtstuns geraten und es das Warten ist, das ihren inneren Motor aufheulen lässt.

„Wollt ihr das totale Warten?“

Damit das Buch nicht zu lang wird, sollte man es immer mal wieder hinlegen, nachsinnen und eventuell den eigenen Raum genauer betrachten. Dennoch mag man keine von Gauß‘ Geschichten, die sich hinter den Gegenständen in seiner Wohnung verbergen, vermissen. Auch die Geschichte der eigenen Familie, die als Donauschwaben 1944 aus der eigenen Heimat vertrieben wurden, weiß Gauß geistreich zu kurzen Episoden umzuwandeln.
Höchst sympathisch macht sich ebenfalls die Demut vor der eigenen Büchersammlung. So werden diejenigen, die ihr nicht genügend Würde zuweisen, nicht mehr ins Haus eingeladen.

Die Duschhaubensammlung

Wie der zitierte Xavier de Maistre, nimmt auch Karl-Markus Gauß es als Geschenk, zu Hause sein zu dürfen. Er führt uns ein in die Logik seines Schreibtisches, ein Ort, der kaum persönlicher sein kann, weil die eigene Unordnung sich dem System der anderen entzieht. Obwohl kein Messie, so begnügt sich auch der Autor mit einer außergewöhnlichen Sammlung, nämlich die der Duschhauben aus bereisten Hotelzimmern.

 […] wer sich je, ehe er unter die Dusche trat, mit einem Blick in den Badezimmerspiegel davon überzeugen wollte, ob auch wirklich all seine Haare unter der Duschhaube Platz gefunden haben, der wird wissen, dass der Mensch zu keinem blöderen Ausdruck fähig ist, als wenn er sich nackt und einzig mit einer Duschhaube bekleidet seiner Selbstbetrachtung hingibt. Die Duschhaube ist ein Kleidungsstück der Einsamkeit, denn selbst dem langjährigen Ehepartner kann kein zivilisiertes Tier mit einer solchen entgegentreten, man legt sie sich erst an, wenn die Badezimmertür geschlossen ist, denn die Duschhaube, die das Haupt bedeckt, bietet den Menschen in einer Blöße dar, wie keine Nacktheit sie erzeugen kann.

So ist man als Leser_in froh, dass dieses sympathische Buch doch nicht dem Projekt „Alle meine Bücher, die ich nicht mehr schreiben werde“ zugehörig wurde.

 

© Paul Zsolnay Verlag

Aus dem Ruhrgebiet. Studentin der Komparatistik und der Kommunikationswissenschaften.

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