Trans* Remembrance Day – Es geht nicht nur um Toleranz

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November 1998, eine Wohnung in Boston. Auf eine trans* Frau namens Rita Hester wird mit einem Messer ungefähr zwanzig Mal eingestochen. Ermordet aufgrund ihrer Geschlechtsidentität. Anlässlich ihres Todes wird jährlich am 20. November der “Trans*gender Day of Remembrance” (Tag der Erinnerung an die Opfer von Trans*feindlichkeit) begangen, um auf Diskriminierung und Gewalt gegen die Community aufmerksam zu machen. Wie sieht die Lebensrealität von trans* Personen 25 Jahre später aus?

Rita Hester war eine Transfrau und Person of Colour. Damit gehört sie innerhalb der trans* Community zu der Gruppe mit dem höchsten Risiko, einem Gewaltverbrechen zum Opfer zu fallen. 95% der Morde sind an trans* Frauen, 65% sind PoC. Mindestens 327 Personen verloren 2022 ihr Leben durch transphob motivierte Gewalt.
Der Verband Transgender Europe (TGEU) zeichnet mit seinem Projekt “Trans Murder Monitoring” seit 2009 Berichte über Ermordungen von trans* Personen auf. Auch zur mentalen Gesundheit von Personen, die ihre Identität als trans* beschreiben, gibt es Daten: Eine im Jahr 2015 in den USA durchgeführte Studie, im Zuge derer fast 28 000 trans* Personen befragt wurden, zeigte, dass 82% im Laufe ihres Lebens Suizid in Erwägung gezogen und 40% einen Suizidversuch hinter sich haben. Im Vergleich dazu: Bei cisgender Personen liegt die Wahrscheinlichkeit, im Laufe eines Lebens an Suizid zu denken, bei ungefähr 9% und für Suizidversuche bei 2.7%. Trans* Personen sind zusätzlichen Risikofaktoren ausgesetzt – zum Beispiel Diskriminierungserfahrungen oder Zurückweisung durch den Familien- und Freundeskreis. Auch der zusätzliche Stress, der durch bestimmte Situationen im Alltag verursacht wird, ist ein Risikofaktor für allgemeine psychische Probleme. Eine trans* Person, die lieber anonym bleiben möchte, erzählt: „Wenn ich neue Menschen kennenlerne, vermeide ich, mich in irgendeiner Form als queer zu outen, um keine homo- oder transphoben Kommentare zu bekommen, bis ich mir sicher bin, dass sie auch Teil der Community oder starke Allies sind.” Immer wieder erzählen Personen, dass sie versuchen, gewisse Alltagssituationen zu vermeiden oder dass sie bestimmte Situationen – beispielsweise solche, in denen man sich ausweisen muss oder mit Namen aufgerufen wird – sehr stressen.


trans*gender: Vereinfacht gesagt, identifizieren sich trans*gender Personen nicht mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. 

non-binary: auf Deutsch nicht-binär, ist ein Überbegriff für Geschlechtsidentitäten, die sich nicht in das zweigeteilte (binäre) Geschlechtersystem einordnen, also sich weder ausschließlich als weiblich oder männlich identifizieren.

cisgender: Der Begriff beschreibt die Übereinstimmung der sozialen Geschlechtsidentität mit dem Geschlecht, das bei der Geburt festgestellt wurde.


Obwohl Österreich vergleichsweise als LGBTQIA+ freundliches Land gilt, werden trans* Personen Steine in den Weg gelegt. Um beispielsweise die eingetragene geschlechtliche Identität in Österreich ändern zu lassen, ist ein psychologisches Gutachten notwendig. Die Personenstandsänderung (die Änderung des eingetragenen Geschlechts) ist die Voraussetzung für eine offizielle Änderung des Vornamens. Um eine Hormonbehandlung starten zu können, braucht man eine „dreifache Diagnostik” – jeweils ein psychotherapeutisches, psychologisches und psychiatrisches Gutachten, das bestätigt, dass man trans* ist.

Diese Pathologisierung wird von Personen der trans* Community stark kritisiert: „Sich nicht mit willkürlich vorgegebenen Persönlichkeitstypen zu identifizieren ist keine Krankheit.Außerdem wird der ganze Prozess als ein großer Eingriff in die Privatsphäre wahrgenommen, da man viele sehr intime Fragen zur Sexualität und dem Sexualleben gestellt bekommt, die nichts mit der Geschlechtsidentität zu tun haben. Aber um das Gutachten zu bekommen, muss man diese Fragen beantworten.
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass man auf die Einschätzung von Personen angewiesen ist, die in den allermeisten Fällen keine persönliche Erfahrung mit trans* Identität haben. Eine der befragten Personen antwortete auf die Frage, was sie besonders wütend macht: „Niemand von den Personen, die dir bescheinigen müssen, dass du trans* genug bist, ist selbst trans.”

Es geht uns alle an

Viele wünschen sich, dass sich auch Menschen außerhalb der Community mehr mit dem Thema beschäftigen würden: Jede Person sollte sich irgendwann mal Gedanken übers eigene Gender machen, einfach nur, um mal zu sehen, dass cis sein keine Selbstverständlichkeit ist”, ist beispielsweise eine Person überzeugt. Auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte der LGBTQIA+ Community, der Gesetzeslage und damit, wo überall Diskriminierung stattfindet, würde sich positiv auswirken, denken viele: „Queere Menschen haben schon immer existiert. Wenn wir von dem Punkt anfangen, sollte es ganz einfach sein, unaufgeregt dafür zu sorgen, dass unsere Gesellschaft das weiß und auch darauf ausgerichtet ist.”

Repräsentation rettet Leben

Die Frage, ob es positive Entwicklungen zu beobachten gäbe, die Hoffnung machen, spaltet die Community. Einerseits gäbe es in vielen Ländern zur Zeit negative Entwicklungen, es würden queerfeindliche Gesetze erlassen (beispielsweise das „Don’t Say Gay Gesetz” in Florida) und es kommt immer wieder zu Hassverbrechen. Andererseits freuen sich einige darüber, dass die Gen Z deutlich toleranter und unkomplizierter” mit dem Thema umgeht und sowohl in den Medien, als auch in Bereichen wie Politik und Wissenschaft immer mehr Repräsentation zu finden ist. Das führe nicht nur dazu, dass sich queere Personen repräsentiert fühlen, sondern auch zu einer Sichtbarkeit, die sehr wichtig sei, um Aufmerksamkeit auf die Hürden, Diskriminierung und Gewalt, die trans* Personen tagtäglich erfahren, zu lenken.

Konsens unter den trans* Personen, mit denen sich wolfgang unterhalten hat, herrschte auf jeden Fall bei einer Sache: Je mehr Menschen sich mit dem Thema Queerness auseinandersetzen, darüber lernen und den Personen aus dieser Community zuhören, desto eher kann eine Gesellschaft entstehen, die queere Menschen nicht stigmatisiert.


Wenn du dich in einer akuten Krisensituation befindest, rede mit Familie oder Freund*innen darüber. Professionelle Hilfe bekommst du unter anderem hier:

Kriseninterventionszentrum (Tel: 01 / 406 95 95), Mo–Fr 10–17 Uhr
Telefonseelsorge Österreich (Tel: 142), täglich 0-24 Uhr
Sozialpsychiatrischer Notdienst (Tel: o1 / 313 30), täglich 0-24 Uhr.

Kinder und Jugendliche können sich rund um die Uhr an Rat auf Draht wenden (Tel: 147). 

 


Anmerkung: In diesem Artikel wird der Begriff “trans*” als Überbegriff verwendet und schließt auch nicht binäre Personen ein.


(c) Titelbild: Samantha Hurley / burst.shopify.com

Studierende der Turkologie und Astrophysik. Psychotherapeutin to be.

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