Das neue Biedermeier

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Biedermeier: Eine Zeit, die von Zerfall und Identitätsfindung geprägt ist, nachdem ein gewisser Herrscher mit kalten Händen und Stöckelschuhen Unordnung gestiftet hat. Über 200 Jahre später ist die Situation ähnlich, der Feind aber unsichtbar. Die ganze Welt ist betroffen und die Neudefinition von Grenzen und Möglichkeiten ist existenziell.

Die Coronakrise ist für viele von uns der allererste Ausnahmezustand. Eine größere Bedrohung von ähnlicher Flächendeckung kennt Generation „Quaranteens“ nicht. Sie passt tatsächlich erstaunlich gut in eine Reihe anderer unsichtbarer Feinde, wie etwa das Versprechen, alles werden und haben zu können, wenn man es nur ausreichend will. Obwohl viel von Entschleunigung geredet wird, erhöht sich der Leistungsdruck massiv. Während alte Menschen sich in der Nutzung technischer Geräte fortbilden, versuchen sich Junge an der Zukunftsfrage. Dazwischen herrscht Arbeits- und Ratlosigkeit. Geschichten erzählen wir nicht mehr am Lagerfeuer, sondern vor schimmernden Bildschirmen mit den Füßen auf dem Heizkörper. Gemeinsam vereinsamen wir. 

Vormärz und Nach-März

Noch nie war sich heimlich rauszuschleichen so spannend, denn es ist schließlich die Regierung, die mit erhobenem Finger vor Leichtsinn mahnt. Die Nachbarschaftshilfe wächst ebenso wie die -wache, während sich Naherholungsgebiete demokratisieren. Verstecken im Lieblings(nacht)lokal war gestern: Wie viele Tage dauert die Quarantäne jetzt schon? Im eigenen Zimmer einsperren hat keinen Reiz mehr, weil die Welt da draußen zu allen gleich grausam ist und die Mitbewohner*innen zum gemeinsamen Essen rufen.

Migration ins Netz

Energie in den eigenen vier (oder vierzig) Wänden tanken und loswerden. Wie das geht, weiß niemand so genau, aber Zeit für Experimente ist genug. Etwa für schlechte Late-Night-Shows aus dem Home-Office, Wohnzimmerkonzerte sowie Live-Übertragungen. Onlinepräsenz zahlt nur leider nicht allen die Miete, aber kost’s nix schad’s nix. Bis auf den Algorithmus gibt es keine Zensur, so kann einen die Kunst- und Kulturszene weiterhin jeden Tag potentiell retten. Zugegeben, Schauspieler*innen, die keine Rollen mehr spielen, sondern sich selbst, sind gewöhnungsbedürftig, aber diese Form von Zwischenmenschlichkeit ist für viele das Höchstmaß an Intimität, das diese Zeit bereit hält. Es ist Bestrafung genug, alle Aktivitäten in den digitalen Raum verlagern zu müssen. Im Internet gibt es keine Parkbank zum Verweilen und Beobachten, immer ist Interaktion gefordert. Beim Bummel durch virtuelle Ausstellungsräume ebenso wie beim Sexting.

Homo homini virus

Wer hätte gedacht, dass uns übliche Rituale zum Verhängnis werden? Das Händeschütteln zur Begrüßung galt früher mal als Beweis, unbewaffnet daherzukommen. Derzeit undenkbar, mit dem Virus bewaffnet sind wir potentiell alle. Bei jeder Begegnung liegt der Fokus auf dem Thema Gesundheit. Nummer sicher, deshalb schicken wir uns jetzt Luftküsse wie 2000er-Mädchencliquen. Auch die Hand auf’s Herz ist nicht mehr Fußballer*innen während der Nationalhymne (die nicht „I am from Austria“ heißt!) vorbehalten, sondern ist Normalität für alle, die sich komisch dabei fühlen, Begrüßungsrituale, wie es etwa Van der Bellen es vor einigen Wochen vorgemacht hat, aus anderen Kulturen auszuborgen. Verlegene Umarmungen und Schulterklopfer gibt’s nicht mehr, stattdessen wird die Hand gehoben und mit den Augen gelächelt. Wehe du kommst mir zu nahe!

Neues aus der Proxemik

Äußere Ordnung ist innere Ordnung! Welch‘ ein Glück, dass der Frühjahrsputz ohnehin fest in dieser Zeit des Jahres verankert ist. Zwischen den Lieblingsserien lässt sich gemütlich ein bisschen Marie Kondō zur Inspiration anschauen. Abends nach dem Aussortieren jener Objekte, die die Summe unseres materiellen Seins ausmachen, die wir aber eben derzeit nicht präsentieren können, wird sich den Erinnerungen angenommen. Beziehungen werden im Kopf zerlegt, da wo es an Treffen mangelt, blüht die Fantasie. Danach ist einschlafen unmöglich und zum Lesen sind die Augen vom stundenlangen Arbeiten am Computer zu schwer. Achtsamkeitsübungen wie Schafe zählen sind nach der täglich aufzubringenden Aufmerksamkeit beim Spaziergang zu viel verlangt. Vor lauter Musikkonsum zur Konzentration oder Ablenkung untertags ist das Hörbuch zu geräuschintensiv, also lieber Stille. Und weiter warten, auf süße Träume und die Neuordnung der Welt.

 

Architekturstudentin aus Wien

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