Mensch geht eine Straße entlang

VorLaut – Gefährliches Halbwissen

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Weil es jede Woche etwas gibt, das nach dem kleinen bisschen Meinung verlangt. Weil wir finden, dass frech und vorlaut immer besser ist als zahm und gefügig. Deshalb gibt unser stellvertretender Chefredakteur Max Bell kurz vorm Wochenende seinen Senf dazu. Er mischt sich ein, überall und immer. Damit wir wissen, was war, was ist und welche Themen ruhig noch ein bisschen (vor)lauter sein dürfen. Diese Woche: Warum wir nicht alles verstehen können.

Eine Pressekonferenz von US-Präsident Trump erheitert einmal wieder das Internet. Weil ein Gesundheitsexperte feststellte, dass das Coronavirus vermutlich auf Oberflächen schneller verschwindet, wenn es mit Sonnenlicht bestrahlt wird, schlug der Commander in Chief sogleich vor, dass man doch Licht in die Blutbahn einführen könnte. Außerdem solle man doch damit experimentieren, Menschen Desinfektionsmittel zu spritzen. Was bei Trump im Extrem zu Tage tritt, ist weiter verbreitet, als wir denken. Die Annahme nämlich, dass wir jetzt alle auf einmal zu Experten würden.

Auch wenn man ihn noch so oft hört, wird man durch den Drosten-Podcast nicht zum Mediziner. Auch nicht durch eine Fachausbildung im Dunstkreis der Biologie. Eine Apothekerin erklärte, mit deutlichem Hinweis darauf, dass sie ja schließlich Pharmazeutin sei, neulich auf Facebook, wann genau der Impfstoff kommen würde, eine Aussage, auf die sich nicht einmal die führenden Forscher auf dem Gebiet festlegen wollen. Beispiele wie diese häufen sich im Moment und sie zeigen deutlich eine der größten Ängste des Menschen: Jene davor, der Unwissende zu sein.

Wir müssen uns aber gerade jetzt eingestehen, dass wir das meiste nicht wissen, oft nicht einmal verstehen können. Schlecht ist das nicht, schließlich basiert unsere gesamte Innovationsgesellschaft auf Expertentum. Dass wir nicht in jede Wissensnische vordringen können, fühlt sich nach Kontrollverlust an, ist im Endeffekt aber der einzige Weg sich zu entwickeln. Tiefgehendes Verständnis erfordert eben tiefgehende Auseinandersetzung. 

Das bedeutet aber nicht, dass Virologen die einzige Stimme sein sollten. Nicht nur Wirtschaftswissenschaftler, auch Politik-, Sozial- oder Kulturwissenschaftler müssen gehört werden. Ihre Perspektive sollte den Weg, den wir in den nächsten Monaten und Jahren gehen werden, entscheidend mitgestalten. Wer sich auskennt, der soll zu Wort kommen. Das muss auch die Politik begreifen und vielleicht daraus, mit Blick auf den Klimawandel, für die Zukunft lernen.

Wir, die breite Masse, werden das wenigste verstehen, das die Forschung in den nächsten Monaten zu Tage fördert. Trotzdem ist Wissenschaftskommunikation wichtiger denn je. Sie muss uns näher bringen, was wir nicht hören wollen. Nämlich, dass wir uns eben nicht auskennen und dass das nicht schlecht ist, sondern davon zeugt, dass unsere Welt einfach zu komplex ist, als dass man sie mit Verkürzungen erklären könnte. Ich finde darin liegt auch die Schönheit der beobachtbaren Welt: Dass sie im Kleinen, wie im Großen unendlich komplex ist.

Comitted to the best obtainable version of the truth.

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