Donald Trump

Wofür wir Trump danken können

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Die Zeiten, in denen wir leben, könnten unbestimmter nicht sein. Auf der ganzen Welt steigen, als Antwort auf die steigende ökonomische Ungleichheit, Rechtspopulisten auf, die einfache Antworten auf komplexe Probleme unserer Gesellschaft geben. Allen voran der unhöfliche, sexistische, xenophobe und infantile US-Präsident Donald Trump. Doch wir können auch Positives aus seiner Präsidentschaft ziehen – Eine optimistische Analyse:

Wir leben momentan in den wohl entscheidendsten Zeiten seit hundert Jahren. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs hatte die Menschheit aus drei Dimensionen der Gesellschaftsordnung zu wählen: Die kommunistisch/sozialistische, die faschistische Dimension und die liberale Demokratie. Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem damit verbundenen Triumph über die faschistischen Autokratien, waren’s nur noch zwei. Nachdem der Kalte Krieg zu Ende ging, nahm die liberale Demokratie die Monopolstellung in der Gesellschaftsordnung ein. Der amerikanische Ökonom Francis Fukuyama betitelte diese Entwicklung mit dem ‚Ende der Geschichte‘: Der liberale Kapitalismus hatte gewonnen. Nach den Verwerfungen der Finanzkrise 2008, die ökonomische Ungleichheit auf der Welt exponentiell wachsen ließ, nahm er diese Aussage zurück: Das Ende der Geschichte sei vertagt. Heute stehen wir wieder bei null. Die alte Welt liegt im Sterben und eine neue ist noch nicht geboren.

Schnuppertage

Nach Antonio Gramsci kommen in diesen Zeiten des gesellschaftlichen Limbus, der Unbestimmtheit die Monster zum Vorschein. Die Dutertes, Bolsonaros und Trumps der Welt treiben ihr Unwesen und spielen mit den Ängsten der Menschen. Doch Trumps Präsidentschaft könnte langfristig eine positive Entwicklung bewirken. Bitte nicht falsch verstehen: Donald Trump ist ein grauenhafter Präsident. Er tritt Arbeiterrechte mit den Füßen, stößt mit uninformierter Außenpolitik die gesamte Nah-Ost-Region in einen Brunnen der Unsicherheit und hat offensichtlich, wie man nicht zuletzt durch seine Bewunderung Kim-Jong Uns und Putins beobachten kann, diktatorische Ambitionen. Trump ist ohne Zweifel die Antwort auf einen Prozess der steigenden Ungleichheit, der seit der Finanzkrise voranschreitet.

Es ist das erste Zehentunken der Amerikaner in Gewässer, weit entfernt von der, von Zentrismus und Höflichkeit geprägten, Politik der letzten Jahrzehnte. Er öffnete nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr, sondern auch die zwischen Links und Rechts. Die Republikanische Partei rutscht durch blinde Unterstützung des orangen Monsters immer weiter nach rechts, während in der Demokratischen Partei der linke Rand à la Bernie Sanders mehr und mehr den Mainstream erreicht – noch vor zehn Jahren undenkbar. Die Alternative zum Neoliberalismus, auf den sowohl die Republikaner als auch die Demokraten lange Zeit schworen, scheint so nah wie lange nicht.

Das große Umdenken

Erste Anzeichen für ein breites Umdenken zeigen jene Amerikaner, die als junge Erwachsene gelten. Nur die Hälfte der Amis bezeichnen den Kapitalismus als positiv – 2010 waren es noch 66 Prozent. Auch diese Entwicklung könnte man auf Trump zurückführen. Trumps aggressive, fast schon avantgardistisch kontroverse Rhetorik, die die Amerikaner auch unsensibler gegenüber Dämonisierung des Sozialismus machen, öffnete die Sphäre für Befürwortung von progressiver Sozialpolitik, die vor kurzem noch als kommunistische Propaganda abgestempelt wurde. Demokratischer Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders predigt seit 40 Jahren die exakt gleichen Ideen: Jetzt erst werden sie als Alternative ernst genommen. Der rasante Aufstieg von jungen, kompetenten Politikerinnen mit Migrationshintergrund, die durch die Bank alteingesessene „old white men“ von ihren Thronen stießen, aber paradoxerweise, wie die Mehrheit der jungen Amerikaner, auf den „old white man“ Sanders stehen, ist Teil dieses Prozesses.

In den 1930er-Jahren, nach der Depression, steckten die Amerikaner in einem ähnlichen Schlamassel wie heute. Franklin D. Roosevelt setzte dem Elend, zumindest vorübergehend, mit dem New Deal, der den Grundstein für den amerikanischen Wohlfahrtsstaat setzte, ein Ende. Während Hunger und Arbeitslosigkeit erfolgreich bekämpft wurden, konnte eine langfristig gerechte Einkommens- und Vermögensverteilung nicht erreicht werden. Die Beseitigung dieses Problems könnte das Ziel der nächsten historischen Phase in Amerika sein.

Ob wir uns vor, nach oder im Auge des Tornados befinden, steht natürlich in den Sternen. Das Recht zur Hoffnung besteht aber.

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