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Eigentlich ein Wahnsinn – Kommentar zur Causa Höbelt

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Was ist da wieder los? Die Vorlesung eines vermeintlich rechten Professors an der Universität Wien sorgt seit längerem für Aufsehen, besonders seit den Vorfällen vom 14. Jänner. Warum es hier um mehr geht als linke Proteste soll der Kommentar einer Studierenden erklären.

Die Linken streiten sich wiedermal unter sich und werden dabei handgreiflich, und das auch noch am Uni-Gelände? Anscheinend. Glaubt mensch Berichten von Presse, Standard, etc. bleibt von der Aktion* vom 14. Jänner gegen die Vorlesung des FPÖ-nahen, außerordentlichen Professors Lothar Höbelt nur ein kalter Hauch des eigentlichen Problems. Ein Mann, der die Erinnerungskultur in Österreich als „Marketing-Gag“ bezeichnet (hier zu hören 12:58), hält auf der Universität Wien, am Institut für Geschichte eine Vorlesung namens „Die Zweite Republik (Österreich)“.

Das ist deswegen kritisch, weil Geschichte als Wissenschaft nichts ist, das ausschließlich objektiv existiert. Historische Zusammenhänge und Zustände werden immer aus gewisser Perspektive wiedergegeben, schon alleine weil Geschichtsschreibung eine Handlung impliziert, die etwas (Geschriebenes) herstellt. Wir müssen also davon ausgehen, dass es in diesem Sinne keine historische Wahrheit gibt, aber sehr wohl beleuchtet werden kann, wer denn Geschichte schreibt. Wer den Rahmen bestimmt, wie wovon geredet wird, und wovon vielleicht nicht geredet wird. Hier geht es aber nicht nur um Lothar Höbelt, hier geht es auch um die österreichische Presselandschaft, die mit ihrer Berichterstattung zum Dienstag den 14. Jänner auch einen Teil der Geschichte schreibt. Es ergeben sich für mich also folgende Probleme:

(1) An der Universität Wien lehrt ein Mann, der seine politische Einstellung für den Beruf eines Historikers als nicht wichtig erachtet (hier zu hören 9:12).
Somit hat er wohl etwas Grundsätzliches am (neueren) Verständnis von Geschichte als Verbindung von Fakten aus einer gewissen Perspektive falsch verstanden. Bei den Naturwissenschaften haben wir ja ständig die Diskussion um die Moral – Beispiel Gentechnik. Eine Idee von Wissenschaft, die isoliert im Elfenbeinturm forscht und jegliche Verantwortung für Gesellschaft von sich weist, passt für mich nicht zu einer aufgeklärten, modernen Universität. Wir wollen doch third-Mission und Wissenschaft, sowie ihre Erkenntnisse als Teil der Gesellschaft – oder?

(2) Die Diskursverschiebung, die Akzeptanz von gewissen rechten Argumenten, sind sie nur salopp genug formuliert, ist mittlerweile wohl soweit fortgeschritten, dass auch die großen liberalen oder links-liberalen Medien auf diesen schlecht renovierten Zug aufspringen.
Ich unterstelle hier keiner Zeitung oder Zeitschrift, rechts zu sein. Ich unterstelle ihnen aber, in einem Fluss mitzuschwimmen, der bei Antifaschismus schneller über Gewalt, als über den kritisierten Faschismus berichtet. Einem Fluss, der eine kritische Studierendenschaft schnell als nervende, aufmüpfige Jugendliche diffamiert und damit jegliche Idee von einer andere Gesellschaft delegitimiert. Aus meiner Tätigkeit in der Studienvertretung kann ich sagen, dass es sehr viele Studierende an der Universität Wien gibt, die die Lehrtätigkeit von Lothar Höbelt kritisch sehen, sich deswegen aber nicht als „links-extrem“ bezeichnen.

Es ist eigentlich ein Wahnsinn,

dass wir so etwas wie einen problematischen Professor noch immer diskutieren müssen. Schlimmer noch, dass wir die Diskussion selbst überhaupt erst rechtfertigen müssen – und dann doch nur Gewaltanschuldigungen passieren. Unterbewusst ist, so glaube ich, vielen klar, dass es sich um einen privilegierten, weißen Mann handelt, der einfach schon lang genug keine Probleme mit seinen Methoden, Verhaltensweisen und Aussagen hatte. Eigentlich ein Wahnsinn, dass dem soviel Bühne geboten wird. Eigentlich ein Wahnsinn, dass niemand sonst vom Lehrkörper des Instituts für Geschichte** einen Kommentar dazu abgeben kann oder will und die Universität Wien auch nicht wirklich Stellung gegen problematische Lehrinhalte bzw. Verharmlosungen bezieht. Eigentlich ein Wahnsinn, dass ich hier beim Schreiben von diesem Artikel das Gefühl habe, das bringt eh alles nichts, weil die Meinung der Bevölkerung längst auf seiner Seite ist.

* Anmerkung der Redaktion aus Transparenzgründen: Die Autorin ist in die Proteste der Studierenden gegen Lothar Höbelt involviert und kann daher nur einen rein subjektiven Einblick in die Debatte geben. 

** Edit: Mittlerweile gibt es eine ausführliche Stellungnahme des Instituts für Geschichte.

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