Spaltung

Wer ist sie denn, die gespaltene Gesellschaft?

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Die österreichische Gesellschaft ist – politisch gesprochen – gespalten. Das kennen wir aus den Medien oder auch dem privaten Umfeld. Aber woran lässt sich diese Spaltung nun festmachen? Was sind Gründe dafür und wo gibt es trotzdem Solidarität? Das Buch „Umkämpfte Solidaritäten – Spaltungslinien einer Gesellschaft“ (Promedia) behandelt wissenschaftliche Ergebnisse zu diesem Thema.

Auf leicht verständliche Weise werden die Forschungsergebnisse der insgesamt 48 Interviews von den österreichischen Sozialwissenschaftler*innen Carina Altreiter, Jörg Flecker, Ulrike Papouschek, Saskja Schindler und Annika Schönauer zusammengefasst und mit soziologischen Theorien unterfüttert. Es scheint den Autor*innen zu gelingen, einen niederschwelligen Zugang zu bieten, ohne dabei auf wissenschaftliche Ansprüche wie z.B. theoretische Kontrastierung zu verzichten. Was sind nun diese Ergebnisse?

Laut den Autor*innen stand am Beginn der Forschung, herauszufinden, „wie es um den sozialen Zusammenhalt der Gegenwartsgesellschaft bestellt ist“. Die aus dieser Frage entstandenen Daten ergaben für das Forschungsteam sieben Typen von Solidarität, die sie folgendermaßen benannten: „Füreinander einstehen“, „Sich für andere einsetzen“, „Fördern und fordern“, Leistung muss belohnt werden“, „Die moralische Ordnung erhalten“, „Mehr für die Unsrigen tun“ und „Unter sich bleiben“.

Politische Einstellungen und persönliche Hintergründe

Die Spannweite reicht also von jenen, die sich und ihre Daseinsberechtigung sowie Ansprüche gegenüber dem Staat gleichsetzen mit denen von Flüchtlingen aus Nordafrika, hin zu Personen, die teilweise aus biologistischem oder kulturellem Rassismus gegen jegliche Form von Zuwanderung argumentieren. Die differenzierte Aufbereitung der Interviewergebnisse zeigt jedoch (wie auch die Bildung von sieben Typen), die feinen Nuancen zwischen diesen Typen. Die Autor*innen flechten in jede Darstellung eines der Typen auch Interviewausschnitte ein und beleuchten persönliche Hintergründe der befragten Personen. Somit können feine Unterschiede, beispielsweise zwischen einer Einstellung von „Fördern und Fordern“ gegenüber „Leistung muss belohnt werden“, erkennbar gemacht werden. Gleichzeitig zeigen uns diese persönlichen Bilder Lebensrealitäten, mit denen wir vielleicht selten konfrontiert sind.

So gibt es Interviewte, die „mehr für die Unsrigen tun“ wollen, weil sie in ihrem Alltag als Bankberater*in mit Senior*innen in Kontakt sind, die nach einem Leben voller Arbeit mit einer Mindestpension über die Runden kommen sollen. Die Befragten sprechen in den Interviews von einem Unverständnis dafür, warum der österreichische Staat diese Menschen nicht sieht oder unterstützen kann, Flüchtlingsunterkünfte aber nahezu über Nacht bereitzustellen scheint. Wie eingangs erwähnt, binden die Autor*innen hier auch immer wieder sozialwissenschaftliche Theorien ein, um diese persönlichen Einstellungen und Aussagen auf struktureller bzw. gesamtgesellschaftlicher Ebene sichtbar und verständlich zu machen. Nachdem  diese 7 Typen anhand von Interviewausschnitten sowie auch Theorien vorgestellt, werden in einem zweiten Teil die Bedeutungen und Folgen eines kollektiven Wir-Begriffs, der sich für alle Typen unterschiedlich darstellt, behandelt.

Was heißt das für die Zukunft?

All dies scheint ein dunkles Bild von Österreich zu zeichnen, doch die Autor*innen scheinen Positives in ihren Ergebnissen zu sehen: Wenn Solidarität als Kontinuum gedacht wird, das einfach auf unterschiedlichen Vorstellungen und Kontexten basiert, kann dieses Kontinuum als Verbindung zwischen den Personen gesehen werden. Anstatt dem Beharren auf Spaltungslinien können die Forschungsergebnisse auch als Aufdeckung jener Punkte gesehen werden, die Menschen wieder verbinden können. Natürlich passiert so etwas – eine erneute Zusammenführung einer Gesellschaft – nicht von heute auf morgen, dennoch sehen wir, als demokratische Bürger *innenschaft, somit die Punkte, die es heute zu verhandeln gilt.

Dieses Buch lege ich also all jenen nahe, die sich gerne mit sozialen Konflikten beschäftigen. Mehr als in Artikeln oder Reportagen, die den Konflikt selber thematisieren, erschließen sich hier die Hintergründe. Wir haben die Möglichkeit, auf Augenhöhe von unterschiedlichsten Menschen in Österreich zu lesen. Trotz der niederschwelligen Sprache und auch einfachen Darstellung haben wir – im Gegensatz zu diversen Artikeln – die Sicherheit, dass diese Daten wissenschaftlich erzeugt wurden und der Anspruch dieser Publikation ein wissenschaftlicher anstatt ein politischer oder ökonomischer ist.

 


Schönauer, Annika / Schindler, Saskja / Papouschek, Ulrike / Flecker, Jörg / Altreiter, Carina: Umkämpfte Solidaritäten.
Spaltungslinien in der Gegenwartsgesellschaft

Promedia 2019. 200 S.
€ 17,90.

(mediashop.at)

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