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„Erhöhte Selbstreflexion ist eine Illusion“ – Gespräch mit dem Psychoanalytikerpaar Elisabeth Brainin und Samy Teicher

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Wir trafen das Psychoanalytikerpaar Elisabeth Brainin und Samy Teicher. Gemeinsam plauderten wir, über Skype versteht sich, über die psychischen Folgen der Isolation, Selbstreflexion und Klopapieraffinität.

Danke, dass ihr euch Zeit genommen habt! Wie arbeitet ihr eigentlich gerade?

Samy Teicher: Per Telefon. Sofern die Patienten einverstanden sind, wird der Terminplan ganz normal eingehalten.

Also alles wie gehabt, nur digital?

Elisabeth Brainin: Nein. Es gibt etliche Patienten, denen die Therapie über das Telefon unangenehm ist. Es gibt manche, die sich die Therapie nicht mehr leisten können, weil sie keinen Verdienst mehr haben und auch Ärzte, die momentan von der Arbeit erdrückt werden und deren Prioritäten woanders liegen.

ST: Bei denen, die mit uns übers Handy reden, ist der Unterschied gravierend. Du siehst die Patienten und ihre Bewegungen nicht. Man hat keine Möglichkeit die Körpersprache zu deuten, was für unsere Arbeit sehr relevant ist. Wir sind dazu gezwungen uns, aus unserer eigenen Fantasie heraus, auszumalen, wie unsere Patienten gerade reagieren.

Seit zwei Wochen leben wir jetzt in Selbstisolation. Welche psychischen Folgen kann das langfristig haben?

EB: Es kommt auf die Art der Isolation an. Wenn man da ganz alleine durch muss, kann das für manche schon sehr traumatisierend sein. Vor allem für Menschen, die schon eine psychische Erkrankung haben, ihren Stimmen und Halluzinationen komplett ausgeliefert sind, ist das eine äußerst prekäre Situation. Bei Telefonberatungen und Kriseninterventionszentren klingelt es gerade durchgehend. Für viele ist das die einzige Chance auf Realität.

Kann man sich allein fühlen auch wenn man physisch nicht alleine ist? Also in einer WG oder Partnerschaft wohnt?

EB: Also das Gefühl, dass man sich auch in einer Partnerschaft oder Familie isoliert fühlt, kennt ja nahezu jeder. Aber jetzt hat das eine andere Dimension angenommen. Die Möglichkeit, menschlichen Kontakt mit Personen außerhalb der eigenen vier Wände zu haben, ist weggefallen. Grundsätzlich muss die soziale Isolation ja nicht stattfinden – wir reden ja jetzt auch miteinander. Das was jedem Menschen gerade fehlt, ist das Körperliche. Das liegt in der menschlichen Natur. Emotionale Bindungen entwickeln sich erst richtig mit Körperkontakt. Man muss sich einfach hie und da umarmen oder sich von mir aus auch eine runterhauen (lacht).

Wie verschieden gehen eher introvertierte und extrovertierte Menschen mit diesen seltsamen Umständen um?

ST: Natürlich gibt es auch Leute, die prä-Corona ohnehin nicht gerne rausgegangen sind, für die das gerade theoretisch der Idealzustand ist. Das ist es in der Realität selbstverständlich nicht. Auf Dauer braucht jeder Mensch soziale Kontakte um mental gesund zu bleiben.

Elisabeth Breinin und Samy Teicher
Elisabeth Breinin und Samy Teicher

Wenn man sich jetzt alleine fühlt und die Isolation an der Psyche nagt – Was kann man dagegen machen?

EB: Mit banalen Dingen wie Einkaufen oder oder Spazieren kann man sich geistig gesund halten. Rauszugehen, zumindest reservierten Kontakt mit Menschen zu haben und sich anzusehen wie die Realität eigentlich aussieht, kann einiges bewirken.

ST: Einen geregelten Tagesablauf zu etablieren ist auch etwas ganz Essentielles. Sich zu duschen, sich die Zähne zu putzen und sich anzuziehen bringt eine Struktur, die über den Tag hilft.

EB: Vor allem für Menschen, die alleine in einer Wohnung sind, ist eine Struktur besonders wichtig. Sonst kommt man in eine depressive, stinkende Situation mit Müllbergen, die für die psychische Hygiene ganz schlecht ist.

Viele Menschen werden sich jetzt mit sich selbst auseinandersetzen müssen. Kann das langfristig positive Folgen für die Gesellschaft haben?

EB: Also ich glaube das ist eine Illusion. In einem ganz bestimmten Millieu vielleicht: Irgendwelche Intellektuelle, bei denen die Selbstreflexion sowieso dazugehört. Aber die überwältigende Mehrheit setzt sich, denke ich, nicht mit sich selbst auseinander. Die meisten müssen überhaupt erst einmal schauen wie sie mit der Situation zurecht kommen. Also: In bestimmten sozialen Blasen – Ja. Auf die gesamte Gesellschaft gesehen – Nein. Je ärmer die Person ist, desto weniger Platz bleibt in diesen Zeiten für Selbstreflexion. Und es gibt sehr viele arme Menschen.

Gibt es eine Erklärung für das Klopapierhamstern, das vor allem am Anfang der Ausgangsbeschränkungen sehr präsent war?

EB: Das hat glaube ich eine historische Dimension. Im Ost-Block und während der Weltkriege gab es ständig Klopapiermangel. Außerdem gibt es ein wohliges Gefühl in diesen unsicheren Zeiten, in denen in die Freiheitsrechte eingegriffen wird, zumindest über das Säubern Kontrolle zu haben – ohne, sich im wahrsten Sinne des Wortes, den Arsch aufreißen zu müssen (lacht).

Was denkt ihr wird mehr ansteigen – die Geburten- oder die Scheidungsrate?

ST: Es hängt vom Land ab. Da gibt es einen Witz: ‚Was war zuerst wo ausverkauft? In Italien der Rotwein, in Frankreich die Kondome, und in Österreich das Klopapier.‘ Also könnte bei uns die Geburtenrate tatsächlich steigen.

EB: Neben dem Witz gibt es auch Prognosen, dass die Geburtenrate bei uns ansteigen wird.

Danke für das Gespräch!


Folgende Websites und Telefonnummern bieten schnelle Hilfe für Menschen in psychischen Krisen:

Kriseninterventionsstelle: 01 / 406 95 95 (erreichbar Mo-Fr, 10:00 – 17:00)
Rat auf Draht: 147
Psychiatrische Soforthilfe der Psychosozialen Dienste Wien: (01) 31330 (täglich 24 Stunden erreichbar)

 

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