Mondmeer und Marguérite

Mondmeer und Marguérite – Eine neue Lesereihe für Wien

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Ob in Verlagsprogrammen, Bücherregalen oder Veranstaltungskalendern: Meistens ist es die Lyrik, die der spannungsverheißenden Prosa den Vortritt lassen muss. Umso schöner, dass Wien mit Mondmeer und Marguérite eine neue Lesereihe hat, die die Poesie ins Rampenlicht rücken will. Die Premiere zeigte, dass Vorsätze und Realität dann doch ein wenig auseinanderklaffen. Dem eigentlich gelungenen Programm fehlte am Ende eines dann doch ein bisschen: die Lyrik.

Die Veranstalter Raoul Eisele und Martin Peichl laden ins wunderschöne The Nest in Hernals, eine Mischung aus modernem Co-Working-Platz, Kulturzentrum und Konzertlocation. Die Reihe will etablierte und weniger bekannte Autoren und Autorinnen zusammenbringen, Austausch ermöglichen und eine Plattform für Lyrik bieten. Bei der Premiere lesen Katherina Braschel, Esma Ahmedi und Barbara Rieger. Man freut sich, dass man sich einen ganzen Samstagabend nur für Literatur freigeschaufelt hat.

Verkopft, aber schön

Katharina Braschl liest aus ihrem Debüt, das bei der Edition Mosaik erscheinen wird. Ihre lyrische Prosa kreist um das Sagbare, ohne sich festzulegen. Sie entschlüsselt gesellschaftliche Kodierungen und legt Schicht für Schicht die Sprache frei, ohne ganz zu einem Kern zu gelangen. In einem eine Spur zu stark moralisierenden Ton des Korrekten bleibt sie am Ende ein wenig verkopft. Etwas später verliert man sich in der nur widerwillig vorgetragenen Pflicht-Lyrik. Auch hier sucht man vergeblich nach fixen Bedeutungen und wird am Weg dorthin von tieftraurigen, verstörenden und schaurig-schönen Sprachspielereien in den Bann gezogen.

Butter, Kapitalismus, Exzess

Die nächste Autorin, Esma Ahmedi, ist eine echte Überraschung. Sie liest Kurzprosa und Tweets, die so absurd, exzessiv und konsequent sind, dass man gar nicht anders kann, als nach dem ersten Stirnrunzeln zum Fan zu werden. Die Autorin geht in ihren Texten aufs Ganze, sie persifliert, ist lustig und schonungslos. Hier geht es nicht um sprachliche Schönheit, sondern darum, den Finger in die Wunden einer Generation zu legen. Dem Publikum ist das sichtbar unangenehm.

Erotik und Menschlichkeit

Barbara Rieger, deren Debütroman Bis ans Ende, Marie (Kremayr und Scheriau) 2018 erschienen ist, liest zwei erotische Texte, die es schaffen, die Vielschichtigkeit menschlichen Begehrens nicht hinter Schmierigkeit zu verstecken, sondern Verletzlichkeit, Gefühl und Ambivalenz in den Vordergrund zu stellen.

Mehr Raum für die Literatur

Mondmeer und Marguérite ist eine tolle Möglichkeit um in gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre neue Talente kennenzulernen und mit bereits etablierteren Autoren und Autorinnen ins Gespräch zu kommen. Dass die Lyrik wieder ein bisschen um die ihr gebührende Aufmerksamkeit kämpfen muss, ist schade, aber nicht sonderlich schlimm. Am Ende geht es um das geschriebene und gesprochene Wort, um die Literatur und darum, ihr einen Raum zu geben. In welcher Form auch immer. Im The Nest funktioniert das schon mal ganz gut.

Mondmeer und Marguérite


Weitere Infos

Nächste Termine der Lesereihe im The Nest (Hormayrgasse 53):
7. März und 9. Mai 2020

Hier geht es zur Facebook-Seite von Mondmeer und Marguérite

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