Doha Skyline

Mecca fried chicken  – „Meine Reise ins Übermorgenland“ von Nadine Pungs

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Nadine Pungs aus Düsseldorf verliert gerne mal bei einer Kameltour den Anschluss zur Welt. Mehrere Monate reiste sie allein über die arabische Halbinsel, um dem Mythos Orient auf den Grund zu gehen. Nun ist ihr zweites Buch „Meine Reise ins Übermorgenland“ (Piper Verlag) erschienen.

© Piper Verlag

Jordanien – Arabien für Einsteiger

Jordanien, damit kann man gut anfangen. Wer Petra kennt und nicht mit der Nachbarin einer Freundin verwechselt, möchte die UNESCO Weltkulturstätte häufig einmal im Leben live gesehen haben – schließlich ist sie eine der neuen sieben Weltwunder. Dass mittlerweile unzählige Touristen pro Tag die Felsenstadt überschwemmen und Einheimische mit billigen Souvenirs made in China winken, musste auch die Autorin erfahren. Ansonsten hat das kleine Land noch die Taufstelle Jesus‘ zu bieten, allerdings behauptet Israel das gleiche von seiner Seite des Jordans, wobei der Fluss heutzutage wahrscheinlich eher Diarrhoe als Segen bringt.

Fest steht aber auch, wer ein Buch über Nahost schreibt, muss scheitern.

Die Autorin lässt sich auch Kuwait nicht entgehen. Durchgehend reichert sie das Buch mit Umrissen der verzwickten politischen Situation an. Denn ansonsten ist Kuwait vor allem geprägt durch Expats, einen verwirrenden Flughafen und freundliche Menschen mit Mekka-Apps, die fünfmal am Tag zum Gebet rufen.

Bahrain, wer?

Obwohl Saudi-Arabien zum Zeitpunkt von Pungs‘ Reise noch keine Touristenvisa vergibt, ist es omnipräsent. Der größte Staat der Halbinsel sitzt den Nachbarländern im Nacken – er ist ein schwarzes Loch, unbekannt, unnahbar und thront mit einer Führung, die es in sich hat, über das weite Wüstenland.

Bahrain, das ist der „Nachtclub Saudi-Arabiens“. Die Autorin wird von Sara eingeladen, die sie nur flüchtig kennt. Sie ist abhängig von Psychopharmaka, wie viele andere. Auch hier glitzern die Glastürme. Es gibt Drogen, Alkohol, Prostituierte. Einladend? Eher nicht.

Do buy

Für ein schickes Instagramfoto mit Jetski fährt man am besten nach Dubai oder Abu Dhabi. Hier kann man so richtig reich sein, so richtig schön, so richtig viel. Wo man eigentlich ist, ist egal. Das Land der Superlative überschminkt seine schattige Politik mit Gold und Skyline. Alles dank der unterdrückten südostasiatischen Putzhilfen, wie die Autorin bemerkt.

„Yo, gibt’s bei euch denn Probleme für Muslime?“, fragt er.
Ich erzähle nichts von der AfD und vom wachsenden Rassismus und lasse ihn in dem Glauben vom gelobten Bayern-München-Land.

Oman ist mehr als eine Skyline. Hier gibt es Natur, Kultur und Geschichte. Hier kann man ein Reisefazit ziehen. Nebenan leidet der Jemen unter dem Krieg. Bis an die Grenze kommt Pungs, danach ist ein großes Nichts.

Doha Skyline
„Das kleine Emirat Katar ist nur halb so groß wie Hessen, und die Skyline in der Hauptstadt Doha ist ein beliebtes Fotomotiv.“ © Nadine Pungs

„Doha oder Dubai – Hauptsache, Saudi-Arabien“

In Katar wurde eine Kirche gebaut, auf die Abkehr vom Islam steht trotzdem die Todesstrafe. Alle möglichen Weltmeisterschaften werden neuerdings nach Katar verlegt, obwohl es dort mal locker 40 Grad aufwärts hat. So richtig auseinanderhalten kann man Kuwait, Bahrain und Katar nach dem Lesen immer noch nicht, sollte man sich schon vorher nicht ausgekannt haben. Zu sehr verschwimmt alles in einem Bild von blendenden Glastürmen, Meer auf der einen und Wüste auf der anderen Seite und einer repressiven Stimmung – mal mit Drogenrausch, mal mit Fußball-Asienmeisterschaft.

Nadine Pungs ist eine offene, neugierige und mutige Frau, die den Mund aufmacht, wenn sie nicht einverstanden ist und ihn zuhält, wenn es der richtige Zeitpunkt ist. Immer wieder positioniert sie sich klar anti-rechts, kritisiert repressive Regime und kommentiert die verschiedenen Verschleierungen der Frauen. Richtig tief kann sie in der kurzen Zeit nicht eintauchen. Auch sie bedient das Genre der modernen Reiseliteratur teilweise mit Kitsch, hat sie doch das Buch wahrscheinlich am allermeisten für sich geschrieben. Trotzdem begleitet man sie gerne bei ihrer Reise. In jedem Fall hat sie auch mit ihrem zweiten Buch bewiesen, dass man die arabische Welt alleine als Frau bereisen kann, ohne sich unwohl zu fühlen – im Gegenteil.


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Aus dem Ruhrgebiet. Studentin der Komparatistik und der Kommunikationswissenschaften.

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