My weeks with Toni Morrison – Pt. 2: The Bluest Eye

/
4 mins read
Start

Drei Romane, drei Wochen. Toni Morrison gehört zu den wichtigsten Autorinnen der Weltliteratur, sie gewann den Nobelpreis, den Pulitzerpreis und viele weitere Auszeichnungen. wolfgang macht sich auf zu einer intensiven Leseerfahrung: Beloved, The Bluest Eye und Jazz werden in den kommenden drei Sommerwochen verschlungen und hier vorgestellt.

Part 2: The Bluest Eye

Toni Morrisons Erstling hat einen Sog, der nicht mehr loslässt, das wird mit den ersten Sätzen klar. Noch vor Beginn der eigentlichen Handlung zeigen zwei kurze Passagen, wie hart die kommenden Seiten sein werden und wie sehr sie Realitäten abbilden, die eine Alltäglichkeit bedeuten. Im Stil einer Lesefibel schreibt Morrison Abschnitte über eine perfekte Familie:

„Here is the family. Mother, Father, Dick and Jane live in the green-and-white house. They are very happy. See Jane. She has a red dress. She wants to play. Who will play with Jane?”

Wer wird mit Jane spielen? Wer wird sich Pecola annehmen, der Hauptfigur? Sie ist ein schwarzes Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünscht, als blaue Augen zu haben, nur so, meint sie, wird sie endlich hübsch sein. Schon die zweite einleitende Passage, erzählt aus der Perspektive ihrer Kameradin Claudia, greift aber voraus:

„Quiet as it’s kept, there were no marigolds in the fall of 1941. We thought, at the time, that it was because Pecola was having her father’s baby that the marigolds did not grow.”

Ja, die kleine Pecola wird schwanger werden von ihrem eigenen Vater, selbst ein von Weißen traumatisierter Mann. Und sie wird ihre blauen Augen bekommen, versprochen von einem Quacksalber, einem selbst ernannten Heiler, gesehen nur von ihr selbst, in ihrem Spiegelbild.
Das alles mag sich wirr anhören, nach einer schrägen Geschichte, in die viel zu viel hineingepackt ist, aber es ist doch das genaue Gegenteil: Die einfache Geschichte einer Familie, die versucht, sich in einer von Weißen bestimmten und kontrollierten Welt anzupassen und zu orientieren.

Die fibelartige Anfangspassage greift The Bluest Eye immer wieder auf, nutzt sie, um die Erzählung von der Familie Breedlove zu strukturieren: Da ist die Mutter, die bei ihrer Arbeit als Kindermädchen Ungleichheit täglich am eigenen Leib zu spüren bekommt. Da ist der Vater, Alkoholiker, der als Jugendlicher von weißen Männern zutiefst gedemütigt wurde. Da ist sogar eine Katze, die noch einmal bildhaft verdeutlicht, wie groß die Spaltung, wie stark die Anpassungsversuche sind. Und zwischen all dem: Pecola, die so aussehen möchte wie ihre weißen Altersgenossinnen und deren Leben rein gar nichts zu tun hat mit den kitschigen, gutbürgerlichen Klischees aus der Lesefibel.

Morrison bricht hier mit der gängigen Sprache der Zeit und findet so Worte für ein Trauma, das den Hass von anderen sogar in Selbsthass umschlagen lässt. Sie öffnet den Blick für Lebensrealitäten von People of Colour in einer weiß geprägten amerikanischen Gesellschaft auf irritierende und komplexe Art. Wer die Geschichte liest, wird gegen die Wand gedrängt und aufgelöst zurückgelassen. Unbedingte Empfehlung!

(c) Penguin Random House

Weitere Informationen

Hier gehts zum Buch.

Und hier zur deutschen Übersetzung.

Teil 1 dieser Reihe, Beloved, könnt ihr hier nachlesen.

Schreibt, seit sie sich erinnern kann. Stationen in Leipzig und Kopenhagen (Philosophie, Kultur und Film). Literaturwissenschaftlerin.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Bachmannpreis Klagenfurt
Previous Story

Immer wieder Bachmannpreis - Aber warum eigentlich?

Next Story

Die Gewinner von Corona #1: Narendra Modi

Latest from LITERATUR