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Tyll tut #7 – Gesunde Ernährung

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In dieser Kolumne wird unser Redakteur Tyll Leyh erwachsen. Das ist zumindest der Plan. Er probiert Hobbys, scheitert und liefert dabei Einblicke in sein Seelenleben. Diese Woche versucht er herauszufinden, ob vegane Fischstäbchen genauso ungesund sein können wie das Original. 

Der Kassierer lässt sich Zeit. So viel Zeit, dass ich mir meinen gesamten Einkauf nochmal vor Augen führe, und sehe, wie wenig man so für 30€ kaufen kann. Kein Wunder, dass die Menschen hier schlank sind, bei den Preisen. Aber egal, denn mit der Wahl des richtigen Bio-Supermarktes habe ich sicher schon den ersten Schritt gemacht, hin zu Gesundheit, Weltverbesserung und offenen Poren. Ich fühle mich wohl bei sanftem Licht und glücklichem Gemüse, viel mehr als unter Stress bei einer offenen Kassa und Leuchtstoffröhre. 

Gesättigt vs. ungesättigt

Aber was heißt es überhaupt, sich im Jahr 2020 gesund zu ernähren? Paleo, low carb-high fat, Saftkur oder doch einfach nur ein Drittel mehr für seinen Einkauf zahlen? Würde ich den sich teils stark widersprechenden Ernährungstheorien folgen, welche die Sachbuch-Bestsellerlisten anführen, dürfte wohl gar nichts mehr (mit gutem Gewissen) gegessen werden. Nach längerer Recherche kristallisieren sich zumindest Tendenzen heraus: Ungesättigte Fettsäuren sind besser als gesättigte, also keine Butter, kein Schmalz oder Frittiertes und stattdessen Olivenöl. Weißbrot und Kohlenhydrate sind auch eher schlecht, wenn schon, dann Vollkorn und Hülsenfrüchte. Lecker! Fett ist generell nicht schlecht, zumindest in pflanzlicher Form, also aus Ölen, Nüssen, Samen oder Avocados. Mit Fleisch fange ich gar nicht erst an. 

Gemüse ist mein Fleisch

Also los gehts, zumindest mal eine Woche, gesunde Ernährung und damit der Verzicht auf fast die gesamte österreichische Küche, die ja in Wirklichkeit nur aus einem riesigen Haufen Butter, Mehl und Ei besteht, mit etwas Fleisch in der Mitte und etwas Schnittlauch fürs Auge oben drauf. Um mich dabei noch etwas mehr zu quälen und den Heilsversprechen unserer Zeit näherzukommen, werde ich gleichzeitig auch intervallfasten. Denn nichts verspricht soviel Spaß, wie in zwei kurzen Momenten möglichst viel zu essen, und dann den Rest des Tages gar nichts. Es ist die perfekte Mischung aus Enthemmung und Askese. Außerdem dank Autophagie gut gegen Krebs. Denn durch den Nahrungsentzug beginnt der Körper sich selbst zu verspeisen, nur das Schlechte natürlich. Zumindest behaupten dies einige, es ist noch nicht abschließend bewiesen, aber als Gelegenheitsraucher gehe ich da lieber auf Nummer sicher. 

Es geht also einmal mehr darum, der eigenen Sterblichkeit zu entfliehen, damit Erwachsenwerden nicht heißt: Bauchansatz und langsam wachsende Fettpolster. Ich bin noch nicht bereit dafür, meine Skinny Jeans gegen Chinohosen zu tauschen. 

Ich frage mich, ob ich den Aspekt der Regionalität auch beachten sollte und damit herausfinden, ob mir noch sechs weitere Variationen von Kohl und Knollensellerie einfallen könnten. Kompromiss ist, für heute soll es reichen, für morgen öffne ich die Farbpalette. Dann schäle ich viel und lange, verwende mehr als einen Esslöffel Öl und schiebe alles in den Ofen und hoffe dass etwas Gesundes wieder rauskommt. Irgendwie sieht das winterliche Wurzelgemüse etwas knollig und traurig aus, aber es ist wenigstens wirklich passend zur Jahreszeit. 

Mein täglich glutenfreies Mehrkorn Roggen Brot gib mir heute  

Am dritten Tag lese ich von Orthorexie, der krankhaften Fixierung auf gesunde Ernährung. Faszinierend wie viel das eigene Essverhalten in Wirklichkeit auch mit Kontrolle zu tun hat, über den eigenen Körper, das eigene Befinden und damit wohl das eigene Leben. Bin davon sicher noch weit entfernt, aber es ist wohl ein schmaler Grat zwischen dem gesunden Verhältnis zu den eigenen Erwartungen und Kontrollzwang. Was mich zum Intervallfasten führt und dem Ergebnis, dass ich eigentlich den halben Tag Hunger habe, außer beim Essen, dann viel zu viel in mich hineinspachtle  und müde werde. Vielleicht gewöhne ich mich ja noch daran. 

Way Beyond Meat

Wir leben in der Epoche der Surrogate, der Ersatzstoffe. E-Zigarretten, Bilder von Essen, anstatt wirklichem Verzehr und Süßstoff anstatt Zucker sind da nur der Anfang. Ich probiere den viel gehypten Beyond Meat Burger und schmecke ranziges Pflanzenfett, der Geschmack verfliegt schnell bei wenig Biss und leicht synthetischem Geschmack nach BBQ Sauce. Etwas Saft läuft aus. Fazit: Er kommt einem normalen TK-Burger Patty erstaunlich nahe ( 21 Zutaten und fünf Zusatzstoffen und Aromen sei dank). Dann probiere ich vegane Fischstäbchen, bin sehr überzeugt und drücke die Sojasauce aus Mock Duck. Also falscher Ente, also eingelegtem Seitan mit gepunkteter Oberfläche, es brennt leicht an den Händen aber nach dem Anbraten ist es erstaunlich lecker. 

An Tag sechs wird mir bewusst, dass die ganze Angelegenheit langwieriger als eine Stunde Yoga oder Fitness ist und dass das Bewusstsein für gesunde Ernährung gerade jetzt so spürbar zunimmt, wo es doch noch nie so leicht wie heute war, an schlechtes, fetttriefendes, halb befriedigendes Essen zu kommen. Klapprigen Fahrrädern und Lieferdiensten sei dank. Aber vielleicht ist gerade das der Grund. Essen war schon immer ein gesellschaftliches Phänomen, Projektionsfläche, jetzt halt wegen Plastik im Meer ohne Cocktailgarnelen, dafür möglichst gesund, grün, lila und mit etwas Topinambur. 

Ernährung ist nicht alles

Am letzten Tag folgt ein relativierendes Fazit. Mit genügend Öl und Fett ist es gar nicht so schwer, sich anders, vielleicht sogar gesünder zu ernähren. Ich war sicher etwas schlampig in der Durchsetzung, habe aber jeden Tag gekocht, dafür muss Zeit sein. Mehr sogar noch das Bewusstsein dafür, dass vegetarisch oder gar vegan essen kein Allheilmittel ist. Kein Ausbruch aus irgendeinem System, keine lebensveränderte Maßnahme. Für den nächsten Flug nach Deutschland sollte ich allerdings genügend CO2 gespart haben. 

Nächste Woche folgt: Tyll tut#8 Wellness.

Erfolgserlebnisse: Es macht einfach Sinn, Gemüse einzeln anzubraten 8/10 

Macht fit und belastbar: Eine Stunde Küche pro Tag +  Eisen, Vitamin C und Ballaststoffe 7/10

Fühlt sich nach Arbeit an: Ich habe gehungert 8/10 

Preislich skalierbar: Mittwoch 6%Studierendenrabatt im Denn’s 9/10

Spaß: Heute endlich mal nicht in den Finger geschnitten 7/10

Gesamt: 39/50

Ich weiß auch nicht, wie man das schreibt.

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Illustration von Muskelmann und Muskelfrau
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