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Tyll tut #11 – Nichts

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In dieser Kolumne wird unser Redakteur Tyll Leyh erwachsen. Das ist zumindest der Plan. Er probiert Hobbys, scheitert und liefert dabei Einblicke in sein Seelenleben. Diese Woche ist er überrascht über die Zeitumstellung. Wobei mehr darüber, dass Sonntag war, als anstatt 2:00 Uhr plötzlich 3:00 Uhr.

Da stehen wir auf unseren Yogamatten und schauen auf diesen allerkleinsten verfügbaren Bildschirm diesem Typen bei Freeletics zu und hampeln hinterher. Bin so unmotiviert, dass ich in der Trinkpause erst einmal den Weißwein aufmache. Dann steh ich da und frag mich, was bloß aus meiner Profession, meiner Leidenschaft geworden ist. Das ist doch kein Hobby, das ist Blödsinn und wer hört ernsthaft freiwillig Parov Stellar. 

Lange halte ich es nicht mehr aus, stay@home-Performances zu verfolgen.

Aber erwachsen sein heißt ja vernünftig sein, schlechte Musik hören, einmal mehr Wein mit Wasser zu verwechseln und daheim zu bleiben. Keine Sorge, es folgt jetzt nicht der nächste moralisierende Aufruf über Verantwortung, Gelassenheit und Vernunft, dafür – wie für andere kreative Gedanken zum Thema – bin ich zum Glück ein bis zwei Wochen zu spät dran, leider aber auch für die meisten Gags.

Also bleibt mir nichts anderes übrig als auszuschlafen und davon zu erzählen, wie ich Räuspern überinterpretiere und Schweißausbrüche bekomme, wenn sich in Filmen Leute die Hand geben. 

Ich versuche daher lieber morgens irgendwann „pünktlich“ aufzustehen und rüber ins Home Office zu gehen. Sprich: Ich nehm mir im Halbschlaf meinen Laptop, lese die neusten News und beruhige mich dadurch, dass sich so viele Menschen im Moment gleichzeitig Gedanken zu einem Thema machen und beschwere mich dann bei der einen Person, die mich jetzt ganz alleine aushalten darf, wie viel davon redundant ist. 

Aber Wiederholung ist die ureigenste Eigenschaft unseres Daseins, also trinke ich Tee und gieße Tee nach, während ich da aus dem Fenster hinausschaue, zur frischen Luft und an damals denke, als es noch kalt und dunkel war und ich gar nicht rausgehen wollte. 

Jetzt also Hausarrest. Dass war doch mal die Strafe für lästige Kinder, für wen das nun schlimmer ist, wird wahrscheinlich gerade an vielen Orten herausgefunden. Da hilft nur weiterschlafen. 

Die entschleunigte Welt ist nicht weniger komplex.

An manchen Tagen bin ich erstaunt darüber, dass ich nach dem Mittagessen gar nicht müde bin, bis ich dann doch eindöse. Entspannt und sanft liege ich dann da und genieße es, alle Gliedmaßen möglichst weit von mir zu strecken. Die wiederkehrende Ruhe, das Gefühl losgelöst zu sein vom täglichen Zwang und die Zeit fließt dahin, bis es Nachmittag wird und ich langsam wieder senkrecht werde. In solchen Momenten frage ich mich dann, woher ich früher überhaupt die Zeit hatte für soziale Kontakte. Zwischen Frühstück, Mittagspause und Abendessen ist irgendwie immer weniger Platz. 

Immerhin habe ich mit ausgefallenen Rechenbeispielen herausfinden können, dass es für mich gerade wahrscheinlicher ist, dass mir mein Geld oder die Lebensmittel durch Online Shopping ausgeht als durch Hamsterkäufe und leere Supermarktregale.

Daheimbleiben ist eh gar nicht so schlimm, wenn die einzigen Menschen die draußen sind, dringende Spaziergänger*innen und Polizist*innen sind. Da beschäftige ich mich lieber mit den wichtigeren Fragen unserer Zeit, z.B. welcher Grund, das Haus zu verlassen nun die geringere Qual darstellt: 

Joggen oder einkaufen?

Ich entscheide mich dann für Letzteres und bin gut damit unterhalten, zu beobachten, wie auch die anderen Menschen noch nach dem richtigen Umgang mit der Situation suchen. Weiter entfernt voneinander mit Vernunft und peinlich berührt von der eigenen Vorsicht. Suchend nach der Grenze zwischen dem, was angebracht ist und dem, was lächerlich wirkt.

So richtig weiß das keiner und wir alle sind irgendwo dazwischen. Namaste. 

Nur, was soll ich nächste Woche ausprobieren? 

Online-Fortbildungen? Eigenen Podcast?

Mir gehen die Möglichkeiten aus, aber es geht ja darum, Normalität zu suggerieren. Insofern probiere ich mich als nächstes an dem einzigen klassischen Hobby, das neben Laufen noch erlaubt ist. 

Es folgt Tyll tut #12 Rennrad fahren. 

Erfolgserlebnisse: Letzte Dose Pesto bekommen! 9/10

Macht fit und belastbar: Schonen ist angesagt! 2/10

Fühlt sich nach Arbeit an: Onlineseminare (Hört ihr mich jetzt?) 8/10

Preislich skalierbar: Vielleicht brauch ich doch noch ein neues Paar Hausschuhe? 3/10

Spaß: Endlich habe ich eine gute Ausrede gegen Spieleabende gefunden! 6/10

Gesamt: 28/50

Ich weiß auch nicht, wie man das schreibt.

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