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Tyll tut #17 – Heimat

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In dieser Kolumne wird unser Redakteur Tyll Leyh erwachsen. Das ist zumindest der Plan. Er probiert Hobbys, scheitert und liefert dabei Einblicke in sein Seelenleben. Dieses Mal findet er heraus, dass es sehr viele Definitionen von Heimat gibt. Nur keine richtige.

Wir sitzen im IC und ich bin froh darüber, nicht mehr so lange wie früher fahren zu müssen. Ich atme schlecht unter der Maske und werde vom Schaffner gerügt, weil ich fürs Telefonieren kurz nichts vor dem Mund habe, ich trinke dann ziemlich oft, um besser zu atmen. Der Zug ist alt, riecht nach ehemaligem Raucherabteil, die Luft ist schlecht, es gibt kein Internet und dermaßen schlechten Empfang, dass aus dem einen Telefonat mehrere kurze kleine werden, während die Aerosole durch die Luft schwirren.

Aber ich muss eben telefonieren,

die anderen Fahrgäste nerven. Ich muss planen, um in die eine Woche ein Programm zu packen, das ein halbes Jahr woanders schnell mal aufholt und möglichst alles an Familie abdeckt. Es soll sich niemand zurückgesetzt fühlen, vernachlässigt und alle von meiner Anwesenheit beglückt werden. Besuche daheim sind immer ein Balanceakt zwischen den Menschen, die man sehen möchte, die man sehen muss und die man gerne sehen würde, aber keine Zeit für findet, sodass man sich immer auch ein bisschen versteckt und hofft, dass sie es nicht bemerken. Obwohl bei den meisten Treffen nur die Zeit für einen Kaffee bleibt, für kurzes Aufholen, was ist aus dir geworden, ach spannend und sonst so?

Wer sitzt noch am Tresen und wird älter?

Diese Fahrten nach Hause bieten sich auch an als Reisen ins Innerste, zu melancholischen Gefühlen und Reflexionen. Oder man sitzt dann doch mal wieder mittags vor dem Fernseher und fragt sich, wozu der Laptop überhaupt dabei ist. Nach ein bis zwei Tagen daheim werde ich dann manchmal rührselig, wobei ich mich frage, ob es nur der Kater nach den sozialen Verpflichtungen ist, oder echt. Dieses Mal fängt es schon während der Zugfahrt an. Das ganze wird dann verbunden mit einer diffusen Vorfreude und Stress, je mehr wir uns der Heimat nähern, oder besser gesagt, dem Ort, an den ich ein paar Mal im Jahr zurückkomme, nur um dann schnell wieder wegzugehen.

Trula trula trulala…

Wir fahren nämlich gerade über die schwäbische Alb, da ist der Handymast der natürliche Feind, Empfang weiter schlecht. Hinein geht es ins Schwabenland, in die eine Region in Deutschland, die noch beliebter ist als Bayern und neuerdings nicht nur für Wutbürger bekannt ist, die gegen einen Bahnhof protestieren, sondern auch für randalierende Jugendliche, wobei deren Gründe mindestens genauso gut nachvollziehbar sind.

Sonst ist hier alles umgeben von dieser protestantischen Aura, der Kesselluft und klaren Vorstellungen über Lebensglück und Selbstgeißelung. Erfolgreich und glücklich zu sein, heißt hier, sich zwischen Porsche und Daimler entscheiden zu können. Dazwischen gibt es Maultaschen und andere erstaunlich akkurate Klischees, die natürlich nicht die ganze Wahrheit abbilden, aber irgendwie dafür verantwortlich sein müssen, dass ich beim Flaschenpfand abgeben immer ein so gutes Gefühl habe und bei 50%Sale einfach schwach werde.

Genau da kommt auch der Punkt, wo es schwer wird, Heimat genauer zu erklären.

Ist es, die Eltern nachts um drei auf der Suche nach Zahnpasta zu wecken? Ja, ich bin gut angekommen.

Ist es der Dialekt, der so vertraut und normal ist, dass man ihn erst beim Heimkehren wahrnimmt?

Oder Waiblingen selbst, Fachwerkhäuser und schlecht gelaunte Menschen im 1€ Shop. Eben diese selbst ernannte „junge Stadt in alten Mauern“, wobei das der schönste Euphemismus für diese Ansammlung von Rentnern und Berufspendlern ist, seitdem es Stadtmarketing gibt.

Jeder kann Heimat definieren, wie er möchte. Geografisch, territorial oder eben sozial und emotional. Für mich ist es eine Mischung aller Dimensionen, der Ausgangspunkt der eigenen Emanzipation.

Vielleicht ist Heimat auch da, wo man gerade nicht ist, nur die Konservierung von nostalgischen Gefühlen, die trotzdem umso präsenter werden, je mehr ich mich diesem Ort nähere. Gerade jetzt, wo ich schon am tristen Bahnhof stehe. Ich würde ja gern schreiben, wie viel sich da verändert hat, während ich meinen Rollkoffer mit viel zu lauten Rollen durch die Wohngebiete schiebe, aber nur der Leerstand variiert hier, es gibt hin und wieder einen neuen Radweg, aber sonst bleibt alles so dermaßen gleich, dass es einem bekannt vorkommen muss.

Was denn nun?

Ach Heimat, eigentlich hasse ich diesen Begriff. Zu viele Dimensionen, zu willkürlich, zu benutzt. Meist ist es doch nicht mehr, als der Ort von dem wir kommen, der dann aufgeladen wird mit Bedeutung, um jeglichen Besitzanspruch zu rechtfertigen. Ein mentales Trugbild wird gegenwärtig, präsent gemacht, dadurch aber nicht besser oder greifbarer, sondern missbraucht. Es wird weniger um die Heimat selbst gestritten als um deren Auslegung. Natürlich kommt es immer auf die Definition des Begriffes an, aber was ist mit Heimat anzufangen, wenn es immer nur um die Definition geht?

Egal. Ich habe noch den Haustürschlüssel, mache das Gitter auf und freue mich, endlich angekommen zu sein. Die Zeit daheim wird anstrengend und schön werden, wie immer viel zu kurz, und wie immer werde ich mich wieder auf die Ruhe danach freuen.

Und zwei Wochen später breche ich dann wieder von München auf, nur eben in die andere Richtung. Mal sehen, was sich da so getan hat…

Davor werde ich mich allerdings meiner Zukunft widmen und herausfinden, wie es so ist, den ganzen Tag daheim zu sein und dennoch Wäsche zu waschen:

Tyll tut #18 – Hausmann werden.

Erfolgserlebnisse: Die geklaute Remstalbiene steht immer noch im Treppenhaus. 8/10

Macht fit und belastbar: Ich trinke jeden Tag. 7/10

Fühlt sich nach Arbeit an: Oh Yeaaaah. 10/10

Preislich skalierbar: Tatsächlich sehr sehr günstig. 3/10

Spaß: Endlich mal wieder darüber diskutieren, was genau die Definition von konservativ ist. 7/10

Gesamt: 35/50

Ich weiß auch nicht, wie man das schreibt.

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