Doppelte Bedrohung indigener Völker in Brasilien

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In Brasilien geraten indigene Bevölkerungsteile zunehmend unter Druck – bis hin zur Existenzbedrohung. Die rasende Vernichtung des Amazonasregenwaldes zerstört ihre Lebensgrundlage. Zeitgleich kommt es unter der rechtsextremen Regierung Bolsonaros zu offenen Menschenrechtsverletzungen. Nun droht durch die Ausbreitung der Covid-19 Pandemie auch noch eine gesundheitliche Katastrophe.

Es sind Bilder der Verwüstung, die sich von den verheerenden Waldbränden im Sommer 2019 in das Gedächtnis der Welt eingeprägt haben. Und im Amazonasregenwald brennt es schon wieder – so drastisch wie zuletzt vor 13 Jahren. Illegale und legale Feuerrodungen gepaart mit klimawandelbedingter Trockenheit sorgen für die ungebremste Ausbreitung der Flammen. Die fortschreitende Vernichtung der Biodiversität und die Destabilisierung von Ökosystemen führt auch das Weltklima immer näher an einen Kipppunkt.

Hüter der Wälder

Im Lichte zerstörerischer Ausbeutungen im Amazonasgebiet kommt der indigenen Bevölkerung Brasiliens eine Schlüsselrolle in der Behütung der Regenwälder zu. Ihre Schutzgebiete machen etwa 45 % der Fläche des Amazonasgebietes aus. Per Verfassung wird der indigenen Population das Landrecht auf die historisch besiedelten Gebiete ausdrücklich zugesprochen. Bis heute bleibt diese Garantie jedoch unerfüllt – viele Stämme kämpfen noch immer um die staatliche Anerkennung ihrer Territorien.

Um ihr Land beraubt

Unter dem Druck globaler Wirtschaft hat sich der „Ausverkauf der Regenwälder“ im letzten Jahrzehnt deutlich verstärkt. Abholzungsraten für Landwirtschaft, Rohstoffabbau und infrastrukturelle Großprojekte stiegen drastisch an.

Mit der Wahl des ultrarechten Jair Bolsonaro wurde diese Situation weiter verschärft. Als Verfechter der Agrarindustrie versprach er bereits im Wahlkampf, indigene Gebiete für Land- und Forstwirtschaft freizugeben. Für Bolsonaro erweist sich die Nutzung bisher unangetasteter Flächen im Amazonasbecken als Schlüssel für den wirtschaftlichen Aufschwung Brasiliens – ungeachtet indigenen Lebens auf diesem Gebiet.

Mit einer ethnozentrischen, menschenverachtenden Rhetorik heizt er auch illegale Landnahmen an, indem er die indigene Bevölkerung als Menschen zweiter Klasse verortet und ihr demokratische Rechte abspricht. Unter der „Rückendeckung“ Bolsonaros brechen illegale Goldschürfer und Holzfäller regelmäßig in indigene Gebiete ein, um im Amazonasregenwald Profite zu erwirtschaften.

Der Pandemie schutzlos ausgeliefert

Nicht zuletzt diesem illegalen Eindringen ist es geschuldet, dass die Covid-19 Pandemie längst ihre Ausbreitung in indigenen Siedlungsgebieten gefunden hat. Die Infektionskrankheit trifft dort auf ein unzureichend vorbereitetes Gesundheitswesen, mangelnde sanitäre Grundversorgung und fehlende medizinische Infrastruktur für die Behandlung von Covid-19 Patient*innen. Die staatliche Covid-Soforthilfe für Indigene wurde von Bolsonaro zuletzt mit einem Veto blockiert.

Die Situation weckt auch Erinnerungen an die düstere Kolonialgeschichte Brasiliens. Bis heute forderten gebietsfremde Krankheiten wie das Masernvirus, von europäischen Kolonialisten teilweise als biologische Waffe eingesetzt, hunderttausende indigene Leben. Auch im Kontext dieser historischen Erfahrung scheint die Verletzung humanitärer Pflichten durch Bolsonaro für viele Beobachter wie ein „autorisierter Genozid“ an Brasiliens indigenen Bevölkerungsteilen.

Bolsonaros Angriffe auf indigene Rechte

Die Untätigkeit Bolsonaros im Kontext der Krise ist kein Zufall, sondern Teil seiner dreifachen Strategie zur Assimilierung der indigenen Bevölkerung. Neben kulturellen Herabwürdigungen und der territorialen Verdrängung umfasst dies vor allem die institutionelle Entmachtung. Speziell innerhalb der staatlichen Behörde Funai, als Organ der Angelegenheiten der indigenen Bevölkerung, kam es seit seinem Amtsantritt zu einem organisierten Umbau jener Schutzmechanismen, die indigene Rechte verteidigen sollen. Unter dem Wirken Bolsonaros wurde die Behörde etwa teils dem Landwirtschaftsministerium unterstellt und ein bekennender Interessenträger der Agrarlobby als Direktor der Funai ernannt.

Wo liegt die internationale Verantwortung?

Es wäre zu einfach, Bolsonaro aus einer eurozentrischen Ignoranz heraus zum alleinigen Schuldträger der Krise im Amazonas zu erklären. Fakt ist, dass ein großer Teil der Abholzung des Regenwaldes dazu dient, neue Flächen für Agrar- und Viehwirtschaft für den internationalen Export zu erschließen.

Vor allem das umstrittene Freihandelsabkommen zwischen der EU und den MERCOSUR Staaten (Handelsunion zwischen Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) zielt auf eine Exportsteigerung landwirtschaftlicher Güter wie Fleisch, Soja und Zucker aus dem Amazonasgebiet ab. Solange das Abkommen nicht an strenge soziale und ökologische Auflagen geknüpft wird, würde eine Ratifizierung jene Industriezweige fördern, welche nicht nur indigene Völker im Amazonasregenwald bedrohen, sondern auch entscheidend zur Klimakrise beitragen.

Im Amazonasregenwald zeigt sich, wo neoliberale Wirtschaftsinteressen mit Ökologie, Demokratie und Menschenrecht kollidieren. Unter dem gesundheitlichen Notstand der Covid- 19 Pandemie werden Bolsonaros Angriffe auf indigene Rechte als Teil seiner Strategie deutlich, den Weg für die wirtschaftliche Erschließung des Amazonasgebietes freizumachen.

Um eine humane und ökologische Katastrophe aufzuhalten, braucht es nun internationale Verantwortlichkeit. Das EU-Mercosur Abkommen bietet dafür auch Chancen, um Bolsonaro zur Einhaltung von Menschenrecht und Klimaschutz zu verpflichten. Hierfür muss dieses Freihandelsabkommen jedoch Teil einer Logik werden, bei der wirtschaftliche Interessen dem Schutz des Amazonasgebietes und indigener Leben nachgestellt werden.

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