Plattenschau | Blind Guardian Twilight Orchestra – Legacy of the Dark Lands

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Blind Guardian Twilight OrchestraLegacy of the Dark Lands (Nuclear Blast, 2019)
Orchestral / Cinematic Classical / Spoken Word | Deutschland


Wer schon mal ein Klassik-Konzert oder eine Oper besucht hat, weiß, welche Wucht und Lautstärke ein Orchester erreichen kann. Welches Mittel wäre also besser geeignet um Blind Guardians Opus Magnum zu erschaffen? Die Legenden der deutschen Metal-Szene haben ihren ganz eigenen bombastischen Speed/Power Metal Stil entwickelt, den sie seit der Jahrtausendwende zunehmend mit progressiven und symphonischen Elementen angereichert haben. Neben dem Schreiben und Veröffentlichen von Metal-Alben, arbeiteten Sänger Hansi Kürsch und Gitarrist André Olbrich allerdings noch an einem viel ehrgeizigeren Projekt: Seit 23 Jahren bereiten die beiden Gründungsmitglieder ein orchestrales Album vor, das am 8. November endlich erschienen ist. Unter dem Namen Blind Guardian Twilight Orchestra veröffentlichten sie das Konzeptalbum Legacy of the Dark Lands, das vom Filmharmonic Orchestra Prague im Prager Rudolfinum aufgenommen wurde und vom erfolgreichen deutschen Fantasy-Autor Markus Heitz mit einer spannenden Geschichte versehen wurde. Sowohl musikalisch als auch von der Story her verspricht die Platte, ein großartiges Fantasy-Epos zu werden.

Symphonic Metal ohne Gitarren?

Legacy of the Dark Lands einem Musikstil zuzuordnen, gestaltet sich eher schwierig. Es als Symphonic Metal zu kategorisieren stört mich insofern, als dass sich auf dem Album weder Gitarren oder andere Instrumente der Rockmusik, noch Metal-typische musikalische Merkmale wiederfinden. Auch bei der Zuordnung Rock/Metal-Oper würde ich das Rock bzw. Metal einfach wegstreichen, dann kommen wir der Sache schon näher. Das rein orchestrale Werk erzählt eine Geschichte und dementsprechend wird es von musikalischen Formen geprägt, die das genauso tun. Es finden sich Einflüsse von (moderner) klassischer Musik/Oper sowie Filmmusik und sogar Musical. An mehr als einer Stelle wird man an Genregrößen wie Leonard Bernstein, Andrew Lloyd Webber und John Williams erinnert.

Der epische Bombast Blind Guardians wechselt sich ab mit sanften Melodien, Spannungsbögen werden gespannt und kompositorische Raffinessen und Details eingestreut. Etwa wenn man im recht musicalgeprägten „The Great Ordeal“ in einer Passage, in der die Oboe die Führung übernimmt, Einflüsse französischer Barockmusik zu hören bekommt. Oder wenn in „In the Red Dwarf’s Tower“ plötzlich eine Stelle vor Latin-Rhythmik sprüht (Tango, Samba oder etwas Ähnliches? Da merkt man meine fehlende Tanzschulerfahrung). Einen Höhepunkt auf Legacy of the Dark Lands stellt auf jeden Fall „The Point of No Return“ dar (The Point of No Return official lyric video), das mit einem sehr epischen Refrain aufwartet, als auch „This Storm“ (This Storm official lyric video), wo es zur finalen Schlacht kommt.

So genial ein Großteil der Kompositionen auch sein mag, sollte man zwischen der Lobhudelei allerdings auch anmerken, dass sich durchaus die eine oder andere Schwäche in das Album geschlichen hat. So stellt „War Feeds War“ (War Feeds War official music video) nach der dramatischen Ouvertüre einen vergleichsweise schwachen Einstieg in das Album dar und auch sonst finden sich gelegentlich Passagen, wo Kürsch und Olbrich die Großartigkeit ein bisschen verloren geht. Hansi Kürsch besticht hingegen durchwegs mit seiner gewaltigen, ausdrucksvollen Stimme und sorgt gemeinsam mit dem ihn begleitenden Chor für eine zusätzliche Portion Epik. Außerdem schafft er es die Handlung mit all ihren Nuancen wirklich gut rüberzubringen, die zusätzlich von gesprochenen Zwischentracks vorangetrieben und erklärt wird. Hierzu lässt er fünf britische Schauspieler*innen, in verschiedene Charaktere geschlüpft, zu Wort kommen.

Zur Story

Olbrich und Kürsch haben zwar neben der Musik auch die Texte geschrieben, diese basieren jedoch auf der Geschichte, die Markus Heitz für das Projekt entwickelt hat. Die Handlung von Legacy of the Dark Lands offenbart, dass hier jemand tätig war, der etwas von seinem Handwerk versteht. Die Geschichte ist angesiedelt im bzw. kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg und folgt dem Söldner Nicolas. Dieser hat durch einen Fluch vergessen, dass er eigentlich der erste apokalyptische Reiter ist und gerade noch die Apokalypse verhindern konnte, indem er seine Brüder eingesperrt hat. Allerdings bahnt sich von Neuem Gefahr an, da diese sich befreien konnten. Im Kampf gegen den Weltuntergang spielen u.a. Luzifer, der ägyptische Zwergengott Bez und Johannes Kepler eine Rolle, aber auch Nicolas wird eine Runde von Mitstreitern zur Seite gestellt. Eine davon, die Abenteurerin Aenlin Kane, Tochter des berühmten Solomon Kane, ist wiederum die Protagonistin des Romans Die Dunklen Lande von Markus Heitz , der die Vorgeschichte zum Album erzählt. Man sieht, dass Legacy of the Dark Lands storytechnisch viel zu bieten hat, interessante Charaktere, spannende Wendungen und Konflikte sowie ein ausgetüfteltes Setting überzeugen.

Epik^10

Was kann man also noch zu Legacy of the Dark Lands sagen? Vielleicht haben sich manche Fans die Platte anders vorgestellt, an den Musicaleinflüssen wird nicht jeder Metalhead seine Freude finden. Trotzdem sind Blind Guardian ihrem Motto „Epik, Epik und noch mehr Epik“ treu geblieben ohne es zu übertreiben und liefern uns ein Gesamtkunstwerk mit grandiosen Kompositionen und aufregender Handlung. Die Musik erzählt die Geschichte sehr glaubwürdig, zeigt sich an den richtigen Stellen düster, episch oder doch etwas fröhlicher und liefert damit ein Hörerlebnis erster Klasse. Dafür muss man sich aber auch wirklich auf das Album einlassen und sich mit der Story beschäftigen.

Jedenfalls freue ich mich schon sehr darauf, sollte Legacy of the Dark Lands tatsächlich auch einmal live aufgeführt werden, denn wie zu Anfang gesagt: Ein Orchester kann live eine unglaubliche, klangliche Kraft entfalten und damit den Olbrich-Kürschen Kompositionen zu einem höheren Level von Bombast und Epik verhelfen.


Favourite Tracks: „In the Red Dwarf’s Tower“, „The Point of No Return“, „Beyond The Wall“
Least Favourite Tracks: „War Feeds War“, „Dark Cloud’s Rising“

8,5/10

Blind Guardian Twilight Orchestra Legacy of the Dark Lands auf Spotify

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