Kerosin95

,,Kerosin, keine Ahnung wer das ist“ | Interview mit Kerosin95

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Kerosin95 ist aus der heimischen Underground-Hip-Hop-Szene, selbst nach so kurzer Zeit, kaum mehr wegzudenken. Wir haben uns auf einen Plausch im Weltcafe Wien getroffen, um zu bequatschen, wofür genau Kerosin95 eigentlich brennt.

Warum Kerosin95? Was bedeutet der Name für dich?

Gar nix. Das ist nur ein Blödsinn.

Ist 95 dein Geburtsjahr oder bedeutet es etwas?

Kann man in meinem riesigen Wikipedia Artikel recherchieren! Nein, es ist wirklich nur, weil ich mir gedacht hab, es ist lustig. Gar keine Tiefe, gar keine Interpretation.

Hast du Vorbilder? Oder Leute, an die du dein künstlerisches Schaffen „anlehnen“ möchtest?

Ich mag mein Schaffen an niemanden anlehnen. Aber ich finds manchmal auch problematisch, so Vorbilder zu haben, weil man den Personen dann sowas zuschreibt. Ich habe viele Personen, die mich ganz stark inspirieren und deren Arbeiten ich mega super find. Ich find zum Beispiel Little Simz sehr, sehr spannend. Ich hab jetzt grad heute alyona alyona entdeckt, das ist eine ukrainische Rapperin, die war grad in Wien – find ich mega cool. Mich interessieren vor allem Personen, die Musik machen, die auch politisch sind oder Arten haben, sich irgendwie politisch auszudrücken – das muss auch kein Text sein, das kann ein Bühnenstatement sein. Also das interessiert mich meistens mehr, aber nicht nur. Und da find ich zum Beispiel auch grad, dass Sookee ein Einser-Beispiel ist. Da könnt’s mehr Sookees geben! Oder mehr Ebows kann’s geben. Oder mehr Little Simzes oder alyona alyonas kann’s geben. Und die Personen inspirieren mich auch mit dem, was sie auf der Bühne sagen und die Musik gefällt mir auch.

Kerosin95
(c) Gabriel Niederberger

Gibt’s einen Grund dafür, warum du Deutsch als die Sprache für deine Texte ausgesucht hast?

Als ich damit angefangen hab, war’s irgendwie direkter. Vielleicht weil’s die Sprache ist, mit der ich aufgewachsen bin. Vielleicht deswegen. Ich kann’s nicht ganz sagen eigentlich.

Du hast vor Kurzem ja ein Lied mit Philiam Shakesbeat herausgebracht. Wie ist es zu der Kollaboration gekommen?

Philiam Shakesbeat und ich sind schon ganz lang befreundet und ich hab bei ihm mal als Backing-MC gearbeitet und über Philipp bin ich eigentlich auch so ein bisschen zum Rap gekommen. Manchmal texten wir auch gemeinsam, jetzt nicht mehr so oft leider, aber wir haben manchmal getextet.

Deinen ersten Auftritt hast du ja in Frühjahr gehabt. Wie war das für dich? Warst du nervös? Und du hast so selbstbewusst gewirkt – wie machst du das?

Ich will selbstbewusst sein auf der Bühne, auch wenn viele Leute mich so lesen, würd ich nicht versuchen zu werten, also dass selbstbewusste Künstler*innen ur super sind, dann wird das aufgewertet und „nicht so selbstbewusst“ – was immer das heißen mag – wird abgewertet.

Ich bin vor jedem Konzert nervös und dann ist’s eh lustig und es ist eh immer voll die Gaude, je nachdem wie’s mir geht an dem Tag. Ich perform schon länger, das ist jetzt nicht die erste Performance auf der Bühne gewesen, das mach ich ja schon lang. Und deswegen ist es nicht so ein unbekanntes Terrain. Aber es war natürlich eine neue Figur, die auf der Bühne ist und war schon was Neues, es war lustig!

Kerosin95
(c) Gabriel Niederberger

Wofür brennt Kerosin95?

Für eine Kerosinsteuer! (lacht) Das wäre super, weil fliegen ist zu günstig und es wäre total wichtig, dass das teurer werden sollte. Und natürlich: Es ist eine Figur, die sich selbst sehr kritisch gegenüber steht und versucht, in der Kritik und dem Reflektieren mit sich selbst ganz viele Sachen herauszufinden. Vor allem gesellschaftspolitische Dinge. Ich, also Kerosin oder Kathrin, keine Ahnung wer das ist; es ist immer mal bisschen von dem und dann bisschen von dem anderen. Es muss nicht immer ich sein, es kann ja auch jede Person sein. Ich kann Kerosin auch überhaupt nicht mögen – also ich kann Kerosin so spielen, dass sie* ein Prolet ist und dann über sich selbst reflektiert und merkt: Uh, Proletentum ist irgendwie gar nicht so geil. Auf jeden Fall: Kerosin will kritisch sein gegenüber der Welt und gegenüber sich selbst und dadurch irgendwie ur viel lernen. Und sich mit Personen solidarisieren und laut sein und sich laut machen gegen Sachen, die nicht laut genug gemacht werden. Und diese Bühne zu nutzen: Nicht nur über die Liebe und Vögel zu reden, sondern eben auch über wichtige Dinge, auch die mich nicht treffen, weil ich eine weiße Person bin und einen guten sozialen Background hab, bei dem ich finanziell keinen Stress hab.

Dass du eine politische Message verbreitest, ist den Meisten wohl klar. Gibt es Leute, die du besonders ansprechen möchtest?

Es sollen sich alle Leute das anhören, was sie wollen und so finden, wie sie es finden und ich find Diskurse immer cool! Sobald irgendwo ein Diskurs entsteht, bringt das etwas in Bewegung und das find ich cool.

Hast du deiner Meinung nach einen wichtigsten Inhalt deiner Texte?

Nein. Es gibt so viele Themen, es gibt nicht eine Message. Ich weiß nicht, die Message ist: Nachdenken, Hackeln, Gedankenarbeit machen damit was nachgeht. Ja, viel nachdenken und Diskurse sind cool. Ich will gar nicht so sein so: Das ist Kerosin, und das ist Kerosins Message, ich find, das ist alles viel komplexer.

Kerosin95
(c) Gabriel Niederberger

Wie präsent ist deiner Meinung nach Rassismus und generell Diskriminierung in der Rap/Hip-Hop-Szene?

Ich als weiße Person kann mich nicht rausnehmen und nicht drüber reden, wie das mit dem Thema Rassismus ist, weil ich das nicht erlebe. Ich stell mir vor, dass es überall viel Rassismus gibt, aber darüber kann ich nicht reden. Und als Person, die oft als Frau gelesen wird, und ich bin auch so wie fast alle Mädchen und jungen Frauen irgendwann mal sexualisiert worden. Ja, ich krieg das auf jeden Fall mit, Sexismus ist ur präsent. Im Hip Hop ist es halt nochmal ein anderes Klischee, so mit Gangsterrap. Sexismus ist in wahrscheinlich jedem Musikgenre verbreitet, und wenn’s nicht in den Texten ist, dann ist’s hinter der Bühne oder in den Line-Ups, weil nur Cis-Dudes auf der Bühne sind. Es gibt natürlich auch noch zum Beispiel den deutschen Gangsterrap, wo das Ganze nochmal spannende Formen annimmt. Oder in Österreich gibt’s zum Beispiel Leute wie RAF Camora, die ur viele Preise kriegen und von ur vielen jungen Menschen gehört werden und die fast nur Scheiße produzieren und reden. Sexismus ist auf jeden Fall omnipräsent.

Kannst du andere Artists* im Rap/Hip-Hop-Genre, die sich aktiv gegen Diskriminierung einsetzen, empfehlen?

Eigentlich alles, was ich vorher schon gesagt hab. Ebow auf jeden Fall, im Deutschrap zum Beispiel noch: Sir Mantis, Presslufthanna, bisschen so underground. Also je nachdem, ob das in den Texten ist, auf Social Media oder auf der Bühne gibt’s da viele verschiedene. Zum Beispiel auch noch Nura: eine große deutsche Rapperin. Die prangert immer wieder die Festivals an, auf denen sie selber spielt, dass sie die einzige schwarze Person oder Frau ist. Das find ich sympathisch. Yasmo von Yasmo und die Klangkantine natürlich auch.

Wie ist deine musikalische Entwicklung? Was hast du für Musik gehört und wie hast du dich selbst als Artist* weiterentwickelt?

Mit 15/16 hab ich so Singer-Songwriter-mäßig angefangen und fand das sehr toll. Dann bin ich nach Wien gezogen, hab mich irgendwo inskribiert und hab währenddessen immer so Open-Mic-Sessions gemacht. Es gibt auch eine coole Hip-Hop-Session, dann bin ich eigentlich ziemlich viel wieder ins Schlagzeug spielen gekommen. Dann haben mich mal Leute gefragt, die schon länger Musik machen, ob ich mal was mit ihnen machen will, weil sie meine Songs cool finden und dann ist eine Band entstanden namens KAIKO. Über KAIKO hab ich die ersten riesigen und ganz großen Erfahrungen im Bandleben und Bühnendasein gesammelt und was das so heißt, da mitzumachen. Zeitgleich hab ich bei James Choice and The Bad Decisions vier Jahre lang gespielt. Mittlerweile bin ich auch noch am Schlagzeug bei My Ugly Clementine und auch beim Volkstheater.

Meine Mama hat mich immer voll motiviert und die unterstützt mich bis heute voll! Freunde von mir haben auch immer gesagt: „He, ja, das ist voll cool, mach das!“. Und ich hab auch einfach viele Freiheiten und hab auch die Unterstützung und das Privileg, dass ich mir diese Zeit und den Raum nehmen kann, und auch dass ich in einer finanziell abgesicherten Umgebung aufgewachsen bin. Das ist natürlich auch nochmal eine sehr bequeme, privilegierte Art Musik zu machen, glaub, da gibt’s sehr viele andere Lebensqualitäten.

Für Schlagzeug und Klavier bin ich auch in die Musikschule gegangen, und dann hab ich angefangen Musik zu schreiben und mittlerweile mach ich nur mehr das! Also früher hab ich auch noch immer nebenbei gekellnert.

Was ist deine Meinung zum Begriff „Alltagssexismus/-rassismus“? (Erklärung: Oft wird kritisiert, dass diese zwei Wörter zusammen verwendet werden und Diskriminierung damit normalisiert wird.)

Ich assoziier mit Alltagssexismus Dinge, die mir auf der Straße passieren, wenn jemand deppat redet. Das sind so die Sachen, die mir sofort einfallen würden.

Mit der Frage hab ich mich noch nicht genau genug auseinandergesetzt, da müsste ich noch ein bisschen drüber nachdenken.

Magst du noch was sagen abschließend?

Ich spiel im Museumsquartier die Wintereröffnung – gratis mit ganz viel Punsch, es wird arschkalt!

Kerosin95
(c) Gabriel Niederberger

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