„Eigentlich steckt in jedem Song auch ein Frontalangriff auf mich selbst“ | Interview mit Monobrother

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Monobrother macht den momentan besten unbequemen Mundart-Rap mit einer ordentlichen Portion Wiener Grant. Mit zynischen Alltagsbeobachtungen aus dem Grätzel trifft er Zeile um Zeile in die österreichische Seele. Endlich erschien 2019 das dritte Studio-Album Solodarität. Im Flex haben wir mit ihm über Entsolidarisierung, politisches Bewusstsein und Musikkonsum gesprochen.

Was bedeutet denn „Solodarität“ für dich?

In erster Linie ist es für mich wieder ein Wortspielchen. Das erste Album hat ja Haschgiftspritzer (Boombokkz, 2009) geheißen, ein Wort, das eher nur in ländlichen Gegenden existiert und nicht im Duden vorkommt. Das zweite war Unguru (Honigdachs, 2012), also das Gegenteil eines Gurus. Für Solodarität (Honigdachs, 2019) hab‘ ich länger gesucht und bin dann draufgekommen, dass das Wort ja eh schon in einem Song vom Album verwendet wird, auf Bombileben. Der Begriff Solodarität kennzeichnet für mich eine Art Entsolidarisierung der Gesellschaft. Ich finde, diese Entsolidarisierung ist in den letzten Jahren, insbesondere unter Türkis-Blau, aber auch in Resteuropa, gefühlt noch einmal auf ein anderes Level gehievt worden. Die Krise des Kapitalismus wird dann gerne umgemünzt auf irgendwelche Wischi-Waschi-Krisen. Und dann rücken sie wieder aus mit dem alten Versprechen einer stabilen Ordnung und klaren Hierarchien. Und die unmittelbaren, sichtbaren ersten Opfer dieser Krise – Geflüchtete, Arme, Obdachlose – werden zu Sündenböcken. Und als I-Tüpferl des Zynismus werden dazu noch irgendwelche verrückten nationalen Phantasie-Gemeinschaften beschworen, aus denen man durch gewisse Zufalls-Privilegien gar nicht rausfliegen kann. Wo dann so sektenartig propagiert wird: „Schließ dich uns an! Bei uns darfst du stolz auf deinen Chauvinismus sein!“ Und daraus entsteht so eine Pseudo-Stärke, so ein hässliches Gewinnergrinsen, wo die Grenzen des Sagbaren in eine grindige Richtung verschoben werden, dass ich diesen ganzen Entwicklungen den Titel Solodarität geben wollte.

Es gab doch auch viele solidarische Zusammenschlüsse in der Zivilgesellschaft, bestes Beispiel vielleicht die Donnerstagsdemos.

Absolut, absolut. Es tut gut zu sehen, dass man nicht alleine ist. Das war definitiv eine der besseren Antworten auf die permanente Niedertracht von Kurz und Gefolgschaft. Bei den Donnerstagsdemos Anfang 2000, bei Schwarz-Blau 1 und 2, war ich auch ab und zu, aber damals war ich 14,15, da wollt‘ ich einfach Ofen rauchen und irgendwas schreien. Damals war ich so alt wie die jetzigen Fridays For Future-Kids. Ich denk‘ mir dann immer, schon oag, wie erwachsen und diszipliniert die im Vergleich zu mir damals sind.

Du schreibst ja auch sehr kritisch über die österreichische Politik, zum Beispiel in Alpenoligarch. Hast du das Gefühl, dass das überspitzt ist, oder eher, dass die Politik die Kunst schon übertroffen hat?

Dezidiert politische Songs sind nicht meins. Es gibt Leute, die können das, ohne peinlich zu sein, aber ich komm‘ mir vor wie ein Nachrichtensprecher oder irgendein hängengebliebener Teacher.  Die Nummer selbst war eine absurde Prophezeiung. Heinrich Himalaya, DRK und ich haben den Track im Dezember aufgenommen und die Ibiza-Affäre war dann im Mai. Ich glaube, wir hatten da beim Schreiben eher die Mensdorffs und Schröcksnadels und deren Geschäftsfreunde im Hinterkopf und keine Regierungsmitglieder. Hier hat die Realität die Satire auf jeden Fall überholt.

Stiefväterlicher keyplayer-blick im chefsesselchen
Sein schönstes lokführerenglisch zum geschäftsessen
Beim staatsbürger-tennis mit vladimirs management
Im steirerjanker richtung steuerparadies
Zumindest bis die fußfessel auf‘m strammen waidmannswadl piepst

– Alpenoligarch (feat. Drk & Foz)

In einem Beitrag von fm4 stand, dass du Musik machst für „…Rapfans – und für alle Bobos, Hipster und Weltverbesserer, die gerne über Bobos, Hipster und Weltverbesserer lästern.“ Siehst du das auch so, ist alles mittlerweile auf einer Metaebene angelangt?

Manchmal kenn‘ ich mich auch nicht mehr aus. In erster Linie mach‘ ich Rap, um mich selber in irgendeiner Form zu unterhalten, um gewisse Entwicklungen für mich erträglicher zu gestalten. Dazu gehört für mich eben auch, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, Dialoge zu konstruieren, sich manchmal verkleiden. Die Kunstfigur tänzeln lassen, nicht zu starr werden. Damit schafft man neue Interpretationsspielräume und das fehlt mir auf Rap-Ebene oft, wo mir nach zwei Zeilen oft das G’sicht einschläft, weil ich das Gefühl hab‘, den Inhalt der letzten drei und der nächsten drei Alben zu kennen. Eigentlich steckt in jedem Song auch ein Frontalangriff auf mich selbst. Wer das dann im Endeffekt wie aufnimmt, darüber hab‘ ich dann keine Handhabe mehr. Das ist dann Lotterie.

Manche Leute behaupten, das dritte Album sei das schwierigste. Wie war das bei dir?

Vom zeitlichen Aufwand war es bestimmt das schwerste. Von den Erwartungshaltungen her kann ich es überhaupt nicht sagen, ich war ja schon lange weg vom Fenster, fast sechs Jahre war das letzte Album her. Ich denke, man verschwindet ab dem dritten Jahr ohne Album von der Bildfläche. Und ich hab‘ aus der Not eine Tugend gemacht und in dem Moment, wo ich mir gedacht hab‘, meine Kunstfigur ist für mich selbst einfach nimma relevant, da dachte ich mir, ich könnte mich eigentlich langsam wieder hinsetzen und was zambasteln, was meinen eigenen Ansprüchen gerecht wird.

Sich also mehr Zeit nehmen fürs Album.

Wenn die Zeit vorüber ist, sich noch mehr Zeit nehmen.

Du warst ja nicht untätig in der Zwischenzeit. Es gab ja viel Zusammenarbeit mit anderen Künstlern.

Genau, ja, da waren halt auch viele angenehme Freundschaftsdienste dabei, manchmal war’s vielleicht auch ein gewisser freundschaftlicher Zwang, zu gewissen Deadlines irgendwas abzugeben oder irgendwo aufzutauchen.

Wie gehst du an einen neuen Track oder an ein neues Album heran?

Das ist immer Stückwerk. Ein neuer Track und ein neues Album ist natürlich ein Riesenunterschied. Bei einem Album ist es bei mir so: Wenn ich ein paar Nummern hab‘, die sich thematisch ergänzen, landen sie in einem Pool. Wenn da mal drei, vier Nummern drinnen sind, dann ist das Album schon fast fertig. Wenn die 3,4 Nummern da drinnen so herumschwimmen, dann schau‘ ich, in welche Richtungen diese Themen ausfransen könnten. Wichtig ist für mich nur dieses Fundament, dann reift es von selbst zu einem Album heran. Das Schwierigste ist dann, Tracks zu finden, die würdig sind, stellvertretend für das Album zu stehen. Wie zum Beispiel Solodarität, die gleichnamige Nummer am Album, die wurde ziemlich gegen Ende des Albumprozesses aufgenommen und dann hab‘ ich erst anhand der Vorab-Reaktionen kapiert, dass das die Titelnummer sein könnte.

Was sind denn Vorbilder im Hip Hop oder auch in anderen Musikrichtungen, vor allem österreichische?

Ich glaube, dass diese Zeit der Vorbilder für mich vorbei ist, ich bewundere natürlich sehr viele Künstlerinnen und Künstler, aber ich renn‘ denen jetzt nicht geifernd nach. Es gibt aber natürlich schon sehr starke Pionierfiguren. In Österreich waren das früher für mich von der Wiener Seite her Kamp und von der Mundart-Seite her Kroko Jack, also Jack Untawega – beide State of The Art im deutschsprachigen Raum. In den letzten Jahren, hab‘ ich festgestellt, oder eigentlich hat meine Spotify-Playlist das festgestellt, hör‘ ich nur mehr wenig Rap bzw. ist alles schon sehr ausgelagert bei mir. Ich hör‘ mir auf diesen ganzen Streaming-Plattformen auch fast keine ganzen Alben mehr an, sondern füttere mich eher mit einzelnen Tracks. Wenn’s gut geht, hört man sich einen zweiten oder dritten Track von der Künstlerin/dem Künstler auch noch an, wenn’s perfekt läuft, das ganze Album, und erst dann kauf‘ ich mir die Platte. Für mich als Künstler ist das natürlich deppert, wenn das alle so machen.

Man kauft sich ja auch nur mehr selten ein ganzes Album.

Genau, man merkt das auch bei seinen eigenen Spotify-Klicks, da gibt’s zum Beispiel die eine Nummer, die voll durch die Decke geht und die anderen hinken nach. Und man denkt sich nur „Oida, ihr Trotteln, das ist lange nicht die beste Nummer am Album.“ Aber es kommt natürlich darauf an, welche Videos man auskoppelt, ob was im Radio läuft, wie und ob man überhaupt medial rezipiert wird, in welchen Playlists man landet und so weiter. Ich glaub‘, ein Album ist heute fast so was wie ein Prestigeobjekt und dient wahrscheinlich eher einem Label als einem Künstler. Ich glaube, der Werdegang ist mittlerweile: 50 Soundcloud-Nummern plus 10 Handyvideos, 4 EPs, zwei Mal Namen wechseln und dann kommt erst ein Album. Aber irgendwie scheint das Sinn zu machen, weil eh alle Internet-ADHS haben und von 12 Nummern eine hängenbleibt.

Was ist dir persönlich wichtiger? Live zu spielen oder die Studioarbeit? Was macht mehr Spaß?

Live, auf jeden Fall. Also Studio ist natürlich auch immer schön, weil man viel mit der Stimme herumspielen kann, aber mir ist im Studio immer zu viel Technik und ich bin technisch einfach ein komplettes Nackerbatzl. Ich hab‘ auch nicht die Geduld, tausend Jahre vor’m Rechner zu sitzen und mit Produzenten-Nerds über irgendwelche Frequenzen zu schwafeln. Ich geb‘ die Dinge ab einem gewissen Punkt einfach ab und meld‘ mich, wenn mir was überhaupt nicht taugt.

Was ist für dich Zuhause, eher Wien oder das Mostviertel?

Naja, ich hab‘ mehr als zwei Drittel meines Lebens in Wien verbracht, bin hier geboren und aufgewachsen, von dem her würd‘ ich schon sagen, dass ich mich in Wien einigermaßen wohl fühl‘, auch wenn Wien nach wie vor ein lähmender, trauriger Sumpf sein kann. Andererseits bin ich auch gern im Mostviertel, komplett abgeschottet, bei den Großeltern, manchmal fahr‘ ich am Wochenende zum Schreiben raus.

Wien, du verfluchter ort
So zu leben is versuchter mord

– Schu Schu Kolibri

Wenn man das Jahr 2019 Revue passieren lässt, was waren die Highlights und die besonders schönen Momente?

Die Highlights kann ich dir gleich sagen, das war eindeutig die Arena-Release Party (Solodarität), weil wir auch gar nicht gewusst haben wo wir stehen, ob es überhaupt noch irgendwen interessiert. Und wir waren doch ziemlich überwältigt, dass die Hüttn, also die kleine Arena-Halle, ausverkauft war, und dass es so gut angekommen ist. Ich glaub‘, es hat eine gewisse Zeit gebraucht, bis das Album gesickert ist, oder braucht es noch immer. Das zweite große Highlight war das Popfest im TU-Prechtl-Saal, da hat es gefühlt 65 Grad gehabt, richtig gute Abrissparty. Und ich hoff‘ natürlich, dass heute Abend das dritte Highlight ist. (Anmerkung: War es eindeutig, das Konzert im Flex war großartig!)

Was kann man so in Zukunft erwarten, hast du schon Pläne?

Noch nix Spruchreifes. Es kommen aber über Honigdachs dieses Jahr zumindest drei Alben, von Kreiml & Samurai, MDK und Johnny Aitsch. Ich werd‘ jetzt noch auf der Kreiml & Samurai-Tour Support spielen und dann wieder untertauchen und mich im Alltag verkriechen, schauen, welche Geschichten er so ausspuckt. Im Alltag kommen mir halt die Ideen, wär‘ ich das ganze Jahr auf Tour, würd‘ ich ja gar nimma wissen, worüber ich eigentlich schreiben soll.

Vielen Dank für deine Zeit!

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