Das Damengambit

Diese Serie setzt uns alle Schachmatt

//
6 mins read
Start

Ein junges, rothaariges Mädchen bringt alle dazu, im Lockdown die Schachbretter wieder auszupacken. Woher kommt diese plötzliche Faszination für „The Queen’s Gambit“?

Titelbild (c): Netflix

„Hast Du schon The Queen’s Gambit gesehen?” Diese Frage geisterte in den letzten Wochen durch sämtliche Nachrichtenkanäle, dicht gefolgt von: „Ich habe jetzt wieder angefangen Schach zu spielen!“ Bereits in den ersten 28 Tagen haben sich 62 Millionen Haushalte die Geschichte um die junge und geniale Beth Harmon (Anya Taylor-Joy) angesehen. Damit ist Das Damengambit (OT The Queen’s Gambit) die meistgesehene Serie des Jahres auf Netflix. Was hat diese Serie mit uns gemacht, wie ist es dazu gekommen?

Die auf dem gleichnamigen Roman von Walter Tevis basierende Produktion erzählt vom Erwachsenwerden des Waisenmädchens Elisabeth „Beth“ Harmon in den späten 50er Jahren. Im Keller des Waisenhauses in Kentucky begegnet sie erstmals dem Spiel, das ihr Leben verändern wird: Zwischen Lagerregalen bringt ihr der Hausmeister Schach bei und erkennt schnell, dass ein Ausnahmetalent vor ihm sitzt. Beth lernt dazu, sie nimmt an Meisterschaften teil, sie setzt sich gegen viele, viele, viele Männer durch. Das könnte alles sehr schön sein, wäre da nicht ihr Suchtproblem: Schon in der Kindheit wird sie abhängig von dem Beruhigungsmittel, das abends im Waisenhaus verabreicht wird, im Erwachsenenalter setzt sich das über Alkohol und Narkotika fort.

Das Damengambit
(c) Netflix

Die Geschichte ist klassisch erzählt, sehr gut besetzt, und sie liefert vor allem wunderschöne Bilder, die das triste Grau draußen vergessen machen: Beth wandelt durch die 50er und 60er Jahre wie durch eine nostalgisch perfekte Kulisse, die Räume sind dunkel und verraucht, die Möbel zeigen die Ursprünge des aktuellen Midcentury-Interiortrends, die Tapeten haben faszinierende Muster, die Sonne scheint durch leuchtend bunte Bleiglasfenster. Mode und Frisuren sind wunderbar retro, Genie und Wahn liegen nah beieinander und dem Schachspiel lastet etwas so Geheimnisvolles an, dass Vorhersehbarkeiten schnell verziehen werden. Es ist eine Freude für die Sinne, die aber niemals außer Acht lässt, dass sich da eine junge Frau durch die starre und sexistische Dominanz mittelalter Männer kämpft, die sich bis heute kaum verändert hat. Dieser Cocktail aus Nostalgie, Feminismus und Winterflucht knallt rein.

Nicht nur ist Das Damengambit die derzeit erfolgreichste Serie des Streaminganbieters, nein, sie verändert auch das Verhalten des Publikums, sie verändert die Rezeption von Schach in der Gesellschaft, sie setzt uns alle Schachmatt und sie macht auch uns besessen: von Beth, von der Ästhetik der Serie, von der Faszination eines jahrtausendealten Spiels. Netflix berichtet davon, wie verstaubte Schachbretter wieder hervorgekramt werden: Der Roman von Walter Tevis ist 37 Jahre nach seinem Erscheinen auf der Bestsellerliste der New York Times gelandet. Auf Google haben sich die Suchanfragen nach Schach verdoppelt, die konkrete Eingabe „wie spielt man Schach“ erreicht den höchsten Stand in neun Jahren. Die Nachfrage nach Schachspielen ist auf Ebay um 250 Prozent gestiegen, laut Goliath Games hat es 170 Prozent mehr Verkäufe im Schachbereich gegeben. Auf Chess.com, eine der bekanntesten Schach-Onlineplattformen, hat sich die Zahl der neuen Spieler*innen verfünffacht.

Scott Frank, zweifach oscarnominierter Produzent und Autor der Serie, hat einen weltweiten Nerv getroffen: In 92 Ländern schaffte es Das Damengambit unter die Top 10, in 63 Ländern sogar auf den ersten Platz der erfolgreichsten Miniserien von Netflix. Russland, Hongkong, Argentinien, Israel, Südafrika, überall interessieren sich auf einmal Millionen Menschen für ein Spiel, das seinen Ursprung vermutlich in Indien hat und sich von dort über Persien und Europa weiter verbreitete. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts haben sich Schachturniere in der heutigen Form etabliert und fanden im wahrscheinlich berühmtesten Duell aller Zeiten einen ihrer Höhepunkte: Während des Kalten Krieges besiegte Bobby Fischer 1972 den langjährigen Weltmeister Boris Spassky. Das Spiel des Amerikaners gegen den Russen bewegte damals die ganze Welt.

Im Gegensatz dazu ist Das Damengambit rein fiktiv, es erzählt wenig Konkretes über Schach und es hat keinerlei weltpolitische Bedeutung. Aber in einer Zeit, in der alles aus den Fugen zu geraten scheint, lässt die Serie tief eintauchen in eine faszinierende Geschichte über ein noch viel faszinierenderes Spiel. Und sie bringt uns am Ende dazu, in diesen grauen Wintermonaten den Blick vom Bildschirm wegzunehmen und stattdessen unser Gegenüber anzuschauen, fordernd, nachdenklich, aufgeregt. Zwischen uns: eines der geheimnisvollsten und ältesten Spiele der Welt.

 

 

Schreibt, seit sie sich erinnern kann. Stationen in Leipzig und Kopenhagen (Philosophie, Kultur und Film). Literaturwissenschaftlerin.

1 Comment

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Previous Story

Parler - Das neue Twitter der Rechten

Mensch geht eine Straße entlang
Next Story

VorLaut - Weihnachtskaufrausch