Mensch geht eine Straße entlang

VorLaut – Die Stadt der Zukunft

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Weil es jede Woche etwas gibt, das nach dem kleinen bisschen Meinung verlangt. Weil wir finden, dass frech und vorlaut immer besser ist als zahm und gefügig. Deshalb gibt unser stellvertretender Chefredakteur Max Bell kurz vorm Wochenende seinen Senf dazu. Er mischt sich ein, überall und immer. Damit wir wissen, was war, was ist und welche Themen ruhig noch ein bisschen (vor)lauter sein dürfen. Diese Woche: Der Stillstand bringt neues Verständnis vom Lebensraum Stadt.

Ein Meter Abstand. In der Fußgängerzone der Wiener Favoritenstraße heute Vormittag eine gut gemeinte Illusion. Schlicht zu viele Menschen sind es, die da auf und ab müssen. Ich denke an die Parallelstraße, die ja eigentlich auch zu benützen wäre, sie ist schließlich mindestens genau so breit. Aber nur etwa ein Viertel dieser Straße gehört den Fußgängern. Dabei sind das wir alle.

Dieses kleine Gedankenexperiment ist ein gutes Beispiel für den fundamentalsten Fehler der Stadtplanung der letzten hundert Jahre. Unser Lebensraum ist nicht um den Menschen herum entworfen, sondern um das Auto. Dass dieses Konzept schon länger nicht mehr funktioniert, zeigt der permanente Kampf um mehr Parkraum und das, obwohl parkende Autos bereits unser Stadtbild prägen, wie kein anderes Verkehrsmittel. Die Erkenntnis, dass wir in Städten leben, die schluchtenartig um ein hochradig ineffizientes Fortbewegungsmittel herum gebaut werden, ist erschreckend.

Dass es auch anders geht, beweist die Stadt Rotterdam, die im Zuge der Corona Krise allen Geschäften die Möglichkeit gibt, den Parkraum vor ihrem Geschäft in einen, von der Stadt gestellten, Schanigarten zu verwandeln. Und das ohne langes Streiten um jeden Millimeter mit den zuständigen Behörden. Diese Lösung arbeitet im Rahmen des aktuell politisch Machbaren, um den Fußgängern einen Teil ihrer Stadt zurückzugeben.

Städte werden weiter wachsen. Sie werden vielleicht in Zukunft eine ähnliche Bedeutung erlangen, wie sie heute Nationalstaaten haben. Das Zentrum einer digitalen Gesellschaft ist nirgendwo anders denkbar, als in einer Metropole. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass ein radikales Umdenken in der Verkehrspolitik notwendig ist. Und nein, es wird nicht nur mit Anreizen das Auto stehen zu lassen, getan sein. In London wird die Innenstadt gerade autofrei, um den Menschen zu ermöglichen, den Mindestabstand einzuhalten, Berlin und Wien experimentieren mit Pop-Up Radwegen, um für diese wenig Raum in Anspruch nehmende Alternative Platz zu schaffen.

Ein wirklich zukunftsfähiges Verkehrskonzept muss aber weiter gehen als all das. Es muss das massive Problem der Bodenversiegelung in Angriff nehmen und Mensch und Natur auch in der Stadt als Koexistenz verstehen. Nur so kann die Stadt der Zukunft die physische wie psychische Gesundheit ihrer Bewohner sichern, ohne Ressourcenraubbau zu betreiben.

Die Aufgabe einer solchen Metropole muss es sein, möglichst vielen ein möglichst gutes Leben zu bieten. Das funktioniert nur mit einem nachhaltigen Ansatz. Nur wenn man Stadt ökosozial begreift, kann sie auch der wirtschaftliche und kulturelle Schmelztiegel sein, den es im digitalen Zeitalter braucht.


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