Mensch geht eine Straße entlang

VorLaut #19 – Kopf hoch und Solidarität lernen

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Weil es jede Woche etwas gibt, das nach dem kleinen bisschen Meinung verlangt. Weil wir finden, dass frech und vorlaut immer besser ist als zahm und gefügig. Deshalb gibt unser stellvertretender Chefredakteur Max Bell kurz vorm Wochenende seinen Senf dazu. Er mischt sich ein, überall und immer. Damit wir wissen, was war, was ist und welche Themen ruhig noch ein bisschen (vor)lauter sein dürfen. Diese Woche: Wie wir nach Corona weitermachen können.

Noch ein Corona Text, das hat die Welt gebraucht. Mal ganz im Ernst, es sieht nicht gut aus. Eine der schönsten Fähigkeiten des Menschen ist es aber, überall etwas finden zu können, das einen aufbaut. Deshalb drehen wir alle auch nicht schon längst durch. Eine dieser positiven Seiten ist es, auf die ich mich heute konzentrieren will. Wohl wissend, dass sie nicht die gesamte Realität der Krise abbildet.

Auch wenn es seltsam klingt: Ich gehe spazieren und schaue in glückliche Gesichter. Die Menschen wirken ausgeruht, friedlicher und trotz mindestens zwei Metern Abstand fühle ich mich ihnen näher. Und das geht nicht nur mir so. Nachbarschaftshilfe, zuvor beinahe schon ausgestorben, erlebt eine Renaissance, wie auch der immer wieder totgesagte Begriff der Solidarität.

Wir können es also noch: An andere denken, Empathie zeigen und uns vernünftig verhalten. Das alles macht Hoffnung, dass wir diese Denkweise aus der Krise mitnehmen und dann, wenn Corona nicht mehr in unser aller Blutkreislauf und Kopf herumschwirrt, auch jene mehr unterstützen, die anderweitig schwächer sind als wir selbst. Ob Geflüchtete, Obdachlose , Lohnsklav*innen in Bangladesch oder die Umwelt, sie alle sind, wie ältere und vorerkrankte Menschen jetzt gerade, auf unsere Solidarität angewiesen.

Wir können so sein, wenn wir das wollen und das Schönste daran: Es tut gut. Verzicht ist nicht einfach, das Gefühl aber, das Richtige getan zu haben, ist nicht zu übertreffen. Nicht einmal dadurch, abgehetzt aus dem Flieger von Wien nach Salzburg zu steigen und die Zwei Euro Münze, die man einem obdachlosen Menschen dann doch nicht gegeben hat, zwischen den Fingern zu drehen.

Vielleicht ist diese Krise tatsächlich der Ruck, den wir gebraucht haben, um uns als eine Gesellschaft zu verstehen und zu begreifen, dass wenn eine*r am Boden ist, wir alle einen Schaden davon tragen. Der Virus zeigt das ganz deutlich. Er diskriminiert schließlich auch nicht nach Nationalität, Schicht, Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Ausrichtung, aber wenn er eine*n erwischt, haben in der Folge alle zu leiden und am schlimmsten eben die Schwächsten.

Zuversicht brauchen wir auf jeden Fall. Mein Vorschlag: Nehmen wir dieses Gefühl der Verbundenheit und machen wir etwas damit. Zeigen wir, dass es uns nicht egal ist wie es anderen geht, ziehen wir daraus die Kraft, um diesen ganzen Wahnsinn zu überstehen und lernen wir für eine Zeit danach, wenn Solidarität nicht mehr behördlich verordnet ist.

Comitted to the best obtainable version of the truth.

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