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Tyll tut #18 – Hausmann

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In dieser Kolumne wird unser Redakteur Tyll Leyh erwachsen. Das ist zumindest der Plan. Er probiert Hobbys, scheitert und liefert dabei Einblicke in sein Seelenleben. In dieser Woche macht sich das bisschen Haushalt doch nicht von allein.

Was ich heute erlebt habe? Mein einziges Gespräch war ein Streit an der Lidl-Kasse über den Mindestabstand. Sagt das nicht alles aus, was es zu wissen gilt?

Von vorne. 

Der Hausmann, gibt es ihn wirklich? Oder ist er in Wahrheit eine mystische Figur, die Arbeitslosigkeit einen Sinn verleihen soll und nur so lange existiert, wie sie nötig ist, um im Nachhinein für das Scheitern von Ehen verantwortlich gemacht zu werden. Studien belegen ja, dass das Allerschlimmste für hetero-normative Beziehungen eine alleinverdienende Frau ist. Beide Partner werden dadurch gleichermaßen unglücklich und unterwerfen sich damit mal wieder ganz nebenbei über Generationen angewachsenen, faden Rollenbildern, Kategorien und dem gesellschaftlichen Druck. 

Vielleicht aber kann sich dieses neue Rollenbild durchsetzen und weniger Beleidigung für die Ambitionslosigkeit unter Männern sein als erfüllende Tätigkeit? Ich finde es heraus, bevor auch ich Opfer werde von verkrusteten Einstellungen und dem konservativen Backlash mit 30. 

Der Tag beginnt. 

Ich erwache freudig in Erwartung darauf, endlich das progressive Aushängeschild einer ganzen Generation zu sein und bewusst einfach mal zurückzustecken, damit sich an meiner Stelle jemand anderes so richtig selbst verwirklichen kann. Sonst hätte ich angefangen, emotionalen Stress auf mein Gegenüber zu übertragen und meine Gleichgültigkeit großzügig als Freiheit getarnt, indem ich einfach an gar nichts denke, was den Haushalt anbelangt. Aber heute ist das anders.

Lieber abspülen und dabei über den grünen Frosch freuen. 

In früheren Zeiten hätte ich mich ja aufgeregt über liegen gelassenes Geschirr und die volle Spüle. Aber jetzt, wo es meine erfüllende Aufgabe ist, nicht nur mein Zeug, sondern alles wegzuräumen, tue ich mich viel leichter. Vielleicht wäre es ja möglich gewesen, dass sich jeder um seinen Anteil kümmert, aber nein, nein, ich mach das ja gerne, das Hinterherräumen. Es stört mich gar nicht, ich bin dafür ja da. Ich halte den Laden in Schuss. Denn: „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“. Oder wie bei uns – andersherum. Ich frage mich, warum wir nicht nebeneinander stehen können, oder noch besser, sitzen. Und warum mich dabei das Gefühl beschleicht, eine Rolle einzunehmen, die nicht modern ist, sondern mich eher marginalisiert und unsichtbar macht. Aber das ist sicher nur ein Gefühl.

Altglas, Altpapier, Alternativlos.

Wer hat denn wieder Biomüll-Sachen in den Restmüll geworfen? Mit Absicht? Aus Versehen? Ich rege mich nicht auf, aber hui, so viele Fruchtfliegen habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Ach, wie viel Spaß es macht, diesen übervollen tropfenden Müll wegzubringen. Ok, beim an die Wand hauen, hinterlassen die Fliegen zu viel Blut und Rückstände. Staubsauger? Staubsauger! 

Schade, dass mich niemand sehen kann, wie ich mich dann auf den Stuhl stelle und in der ganzen Küche Fruchtfliegen einsauge. Auf jeden Fall mein persönliches Highlight heute. 

Ich „stärke jetzt Rücken“, „halte den Rücken frei“,

wobei ich schon verstehe, warum das für die Körperhaltung und ein aktives Leben wichtig ist, aber nicht so ganz, was das ganze nun damit zu tun hat, dass nur ich den Müll rausbringe und koche. Klingt für mich nach verquerer Logik zum Manifestieren von Rollenbildern. Eine Rhetorik, die Wertschätzung vorgaukelt und fadenscheinige Argumente erfindet, um nicht den Wasserkocher zu benutzen und sich stattdessen bedienen zu lassen. Aber vielleicht sollte ich Naivchen mir meinen schönen Kopf auch nicht mit so komplexen Gedanken zermartern und mich ganz meiner Rolle hingeben.

Ja, ja, der arme Mann.

Ich armer Mann, jetzt muss ich nicht nur arbeiten, stark sein und Gefühle zeigen, sondern sogar noch umsonst arbeiten, dabei gefrustet sein und meinen Machtverlust bedauern. Es ist und bleibt nicht einfach. Ich schaue Real Housewives of Beverly Hills auf der Suche nach neuen Vorbildern. Währenddessen sammle ich dreckige Wäsche ein. Eh gut, dass die überall rumliegt, da geht das schnell. Dann waschen, vergessen und zwei Stunden später aufhängen.

Wobei mir dabei bewusst wird, dass die gesellschaftliche Debatte wohl viel interessanter ist als die Arbeit selbst. Oder, dass diese einseitige Aufteilung gar nicht erforderlich ist, wenn jeder einfach seine verkackten 50% erfüllt, die nunmal für eine gleichberechtigte Beziehung ohne allzu großes Machtgefälle nötig sind. Ich meine, woran liegt es denn, dass es nicht funktioniert?

Fazit. 

Hausmann sein ist fad. Wie die Arbeit, die dazugehört. Man ist allein, hat niemanden zum Reden, es ist ungefähr so, wie einen schlechten Nebenjob zu machen, um sich etwas für einen Urlaub zu ersparen, nur dass es nie aufhört und man nicht dafür bezahlt wird. Dafür interessiert es niemanden, dass es Arbeit ist, wie jede andere Arbeit auch. Aber wie sollte eine Gesellschaft auch kostenlose Arbeit wertschätzen, wenn Erfolg in Geld gemessen wird. Das kann nicht funktionieren. Hausarbeit ist Arbeit, das anzuerkennen ist ebenso wichtig, wie sie gleichmäßig zu verteilen. 

Außerdem ist niemand modern oder aufgeklärt, der hin und wieder kocht ohne abzuwaschen, das sollte klar sein. Dazu kommt, dass Hausmann genauso wenig ein Modell für die Zukunft ist wie Hausfrau. Immerhin geht es darum, Stereotype zu bekämpfen, nicht darum, neue zu erschaffen. Aber wenn wir Glück haben, stellt sich die Frage für uns erst gar nicht, weil ein Gehalt eh nicht mehr für zwei Personen reicht. 

Nächste Woche werde ich dann tatsächlich die Wohnung mal länger als für kurze Aufenthalte im Supermarkt verlassen.

Es folgt: Tyll tut #19 – Wandern.

Erfolgserlebnisse: Heute die Nudeln mal nicht verkocht 5/10

Macht fit und belastbar: Ich trinke jeden Tag 5/10

Fühlt sich nach Arbeit an: Wie war der Name für Arbeit ohne Bezahlung? Praktikum? 5/10

Preislich skalierbar: So ein gemeinsames Konto ist gerade dann toll, wenn man nichts einzahlt 5/10

Spaß: Ich habe die zwei Wäschen auf nur einen Wäscheständer verteilt! 5/10

Gesamt: 25/50

Ich weiß auch nicht, wie man das schreibt.

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