Der Tag danach

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Unser Redakteur Max Hatzl war am zweiten November in der Wiener Innenstadt unterwegs. In seinem sehr persönlichen Bericht beschreibt er, was viele von uns gefühlt haben. Er berichtet von Verzweiflung, Machtlosigkeit, aber auch von einem Supermarktkassierer, der ihm wieder Kraft gegeben hat. Die Fotos zu diesem Beitrag hat Fero Zboray am Tag nach dem Terror eingefangen.

Am Vormittag des vierten Novembers fahre ich mit dem Fahrrad die Rotenturmstraße entlang bis zum Fleischmarkt. Auch wenn diese Orte dunkel in Erinnerung bleiben werden, wirkt die Stimmung dort beinahe normal. Abgesehen von der polizeilichen Bewachung herrscht das alltägliche rege Treiben auf den Straßen.
 
Seit dem letzten Mal, als ich an diesem Ort war, sind keine 48 Stunden vergangen. Am Abend des zweiten November wollte ich mich, wie viele Menschen, ein letztes Mal vor dem Lockdown mit Freund*innen in der Kletterhalle der Rotenturmstraße treffen und im Anschluss daran bei einer Freundin zu Abend essen. Um sieben Uhr machte ich mich mit dem Fahrrad über den Schwedenplatz auf den Weg in den zweiten Bezirk. Was nicht einmal eine Stunde später passierte, ist uns leider allen bekannt. Es sind Nachrichten, wie wir sie aus Wien nicht kennen. Bilder, die an diesem Abend buchstäblich in unser Gedächtnis geprägt
werden. Dass so etwas auch in unserem Wien passieren kann, ist unbegreiflich. Die Mitbewohnerin der Freundin, bei der ich dankbar und mich sicher fühlend die restliche Nacht verbrachte, informierte uns als Erste von dem Anschlag, als sie um kurz nach halb 9, wir waren gerade beim Dessert angelangt, völlig aufgelöst in die Wohnung zurückkam. In Bruchteilen einer Sekunde verging mir jeglicher Appetit und meine Gedanken richteten sich sofort auf meine Freund*innen, von denen ich wusste, dass sie zu diesem Zeitpunkt mit ziemlicher Sicherheit noch in der Kletterhalle waren. Angst, Machtlosigkeit und Ungewissheit, das waren die grauenhaften Gefühle dieser Nacht.
 
©Fero Zboray
 
Heute wissen wir, wie der Abend des zweiten November verlaufen ist und auch meine Freund*innen hatten das Glück, nach einer langen und schrecklichen Nacht im ersten Bezirk in den frühen Morgenstunden wieder nach Hause zu können. Später telefonierte ich noch mit ihnen. Sie wirkten entspannt und wir scherzten, womöglich, um die Umstände besser
verarbeiten zu können.
 
Ich selbst machte mich nach einer Nacht, durch die mich Anrufe von Freund*innen aus aller Welt getragen hatten, am nächsten Morgen auf den Weg nach Hause. Da es zu diesem Zeitpunkt von Seiten der Regierung noch keine offizielle Entwarnung gab, hatte ich wie viele Menschen ein mulmiges Gefühl im Bauch. Die Straßen waren leer. Ich suchte die wenigen Blicke der
Passant*innen und einem jeden war ein Ausdruck ins Gesicht geschrieben, der sich nicht anders beschreiben lässt als mit dem Wort Betroffenheit. Niemand lächelte, alles schwieg. Die Stimmung war unwirklich und ich war erleichtert, als ich endlich durch meine Wohnungstür trat. Ich fiel meinen Mitbewohner*innen in die Arme.
 
 
©Fero Zboray
 
Der nun in Kraft getretene Lockdown geriet nun völlig in den Hintergrund. Alles wirkte auf einmal zweitrangig. Geschäfte blieben zu und nur wenige Menschen hatten überhaupt das Interesse das Haus zu verlassen. Auf den sozialen Medien war es still um Corona. Meine Universität blieb geschlossen und die online vortragenden Professor*innen informierten uns über die psychosozialen Nothilfestellen. Im Anschluss an die Vorlesungen wurden nur wenige Fragen gestellt.
 
Mir selbst fiel es schwer fokussiert zu bleiben. Alles wirkte so surreal. Ich verfolgte wie vermutlich viele andere die Nachrichten und schrieb gleichzeitig mit vielen meiner Freund*innen. Ich wollte hören, dass es ihnen gut geht. Ich wollte sie wissen lassen, dass es mir gut geht. Ich hatte das Glück in meiner Wohngemeinschaft gut aufgehoben zu sein. Meine Mitbewohner*innen erinnerten mich daran etwas zu essen. Von selbst wäre ich nicht auf die Idee gekommen. Am Nachmittag – ich hatte Hemmungen das Haus zu verlassen – musste ich aber einfach raus. Ich wollte einkaufen gehen, nur um das Gefühl von Normalität wieder zu bekommen, doch bei jedem Auto, das an mir vorbei fuhr, zuckte ich zusammen und der Lärm einer Baustelle ließ mein Herz
kurz aussetzen. Im Supermarkt wurde geschwiegen, aber trotzdem war niemand allein. Der mehr als freundliche Smalltalk mit dem Kassierer, den alle suchten, durchbrach die Stille. Ich ging früh ins Bett. Ließ diesen verdammten Tag vorbeigehen.
Wir wurden wieder aufgefordert innerhalb der eigenen vier Wänden zu bleiben und viele Menschen werden sich nun
freiwillig daran halten. Zuhause zu sein gibt uns ein sicheres Gefühl. Ich glaube aber, dass es uns gut tun würde, wenn wir
trotzdem vor die Tür gehen, uns gegenseitig sehen und erkennen, dass sich die Welt nicht zu drehen aufgehört hat. Sie dreht sich in Wien gerade etwas langsamer, aber sie dreht sich.
 
©Fero Zboray
 
Heute ist die Angst wieder etwas schwächer geworden. Zwar bin ich noch immer unsicher, wenn ich das Haus verlasse, aber als ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg zur Uni mache, merke ich, wie gut mir die Routine tut und wie schön es ist in den belebten Straßen fremde Menschen zu sehen. Sie nehmen mir die Angst. Fast selbstsicher betrete ich die Lehrbuchsammlung und sowohl die Kollegin hinter dem Schalter als auch ich müssen lachen, während sie mich noch ermahnt ohne Grund einfach so hereinzuspazieren. Wir haben doch einen Lockdown.
 
©Fero Zboray
 

1 Comment

  1. Liebe Wiener und Wienerinnen, es ist besonders in dieser Zeit wichtig, dass man den Alltag wieder aufnimmt. Trauer, Wut, Angst werden natürlich nicht gleich verschwinden, aber das sollten wir den Oschlöchern nicht geben, dass sie uns das freie Leben und Denken nehmen. Das Ziel des Terrors ist zu spalten und Angst zu verbreiten und das wird hier nicht passieren. Wir schaffen das. Wir sind Wien. Wir sind Liebe. Wir sind Kultur. Wir sind „Schleichdiduoaschloch“. Ich liebe und umarme euch. Love always wins

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