Notfall Venedig: Kommt das Ende der Stadt aus dem Meer?

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Seit seiner Gründung hat Venedig seinen Erfolg auf dem Meer aufgebaut: Der Handel im Mittelmeer und die Eroberung vieler Territorien des östlichen Mittelmeeres basierten auf der Fähigkeit der Venezianer, das Meer als Mittel zu benutzen. Jetzt stellt es aber eine potentielle Gefahr für die Stadt dar.

Am Abend des 12. November 2019 wurde ein neuer Rekord aufgestellt: Acqua Granda (das Hochwasser im venezianischen Dialekt) erreichte 187 cm, der zweithöchste Rekord seit den 1960er Jahren, als das Hochwasser 194 cm erreichte. Auch an den folgenden Tagen blieb das Hochwasser auf einem gefährlichen Niveau (um 150 cm).

Das Hochwasser ist eine Naturerscheinung: Venedig befindet sich in der Mitte einer Lagune, fast in der Adria, und muss damit rechnen. Als „normales“ Hochwasser – je nachdem wie man „hoch“ definiert – wird es bezeichnet, wenn das Wasserniveau 80 cm erreicht. Darüber wird es als „außergewöhnlich“ bestimmt. Dies ist in der Geschichte des Öfteren passiert. Das Problem ist jedoch, dass in den letzten 20 Jahren das Phänomen des außergewöhnlichen Hochwassers immer öfter stattgefunden hat.

Das Hochwasser ist nicht nur ein natürliches Phänomen

Das Hochwasser hat natürliche Ursachen, es kann durch die Gezeiten oder durch schlechtes Wetter verursacht werden, aber „künstliche“, „menschliche“ Ursachen spielen ebenfalls eine Rolle.

Die erste „menschliche“ Ursache ist, natürlich, der Klimawandel. Nach Meinung vieler Wissenschaftler ist der Klimawandel eine direkte Konsequenz der menschengemachten Umweltverschmutzung, verursacht wird sie vor allem durch industrielle Verunreinigung, Verkehr und Müll. Eine der Folgen dieses Phänomens ist die Erhöhung des Meeresspiegels durch das Abschmelzen der Gletscher. Wie gesagt, Venedig befindet sich fast „im“ Meer und nach Untersuchungen der ISPRA (Höheres Institut für Umweltschutz und -forschung) ist das Wasserniveau in Venedig von 1872 bis 2016 um 35 cm gestiegen, d. h. 2,5 mm pro Jahr. Der Zusammenhang zwischen dem Abschmelzen der Gletscher und der Versenkung von Venedig wurde letztlich von einer Untersuchung des sogenannten Klimarats (IPCC – Intergovernmental Panel on Climate Change) gestützt. Diese Untersuchung sieht eine Erhöhung des Meeresniveaus von 1,1 m bis 2100 voraus. Das wäre das Ende Venedigs.

Die zweite künstliche Ursache ist die sogenannte „Subsidenz“ oder „Senkung“, (nach der Definition des Centro previsioni e segnalazioni delle maree), das Absinken des Bodens aufgrund natürlicher oder menschlicher Ursachen. In Venedig wurden signifikante Mengen an Grundwasser durch das Industriegebiet Marghera abgepumpt und dadurch die wasserführenden Hohlräume im Boden entleert. Das verursachte eine Grundsenkung von 12 cm zwischen 1950 und 1970.

Und die Politik?

Venedig und Venetien sind traditionell von rechten Parteien regiert, letztlich von der Lega. Es ist schon klar, dass das Klima weltweit kein Punkt auf der Tagesordnung rechter Parteien ist. Am 12. November, Tag des außergewöhnlichen Hochwassers, wurde während einer Sitzung des Consiglio regionale (des Landtages, ungefähr) die Finanzierung erneuerbarer Energien und anderer Mittel gegen den Klimawandel abgelehnt. Zwei Minuten später wurde der Sitzungsraum zum ersten Mal in der Geschichte überflutet. Karma is a bitch, und manchmal hat es auch Recht.

Die bisher gefundene Lösung ist der sogenannte MOSE – ein riesiger Damm, der Venedig vor dem Hochwasser schützen sollte. Die Bauarbeiten begannen in den 1980er Jahren – und sind noch nicht fertig. Mittlerweile fanden verschiedene Ermittlungen gegen Unternehmer und Politiker statt. Typisch italienisch.

Vielleicht könnte dieser Damm helfen. Doch nur wenn die Politik den Klimawandel an sich ernst nimmt und seriös damit umgeht, sie ein Verbot gegen Kreuzfahrtschiffe in der Lagune billigt und die Infrastruktur ohne Skandale bauen wird, hätte Venedig noch ein Schicksal. Ansonsten werden wir die Stadt nur noch auf Bildern sehen.


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Italiener, Übersetzer, Beobachter. Meine Leidenschaften sind die Politik, die Musik und die Literatur.

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