Gewalt gegen Frauen

Das ist kein Land für Frauen

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Italien ist ein sehr schönes Land, aber du musst ein heterosexueller, katholischer Mann weißer Hautfarbe sein. Wer das nicht ist oder sich nicht als Teil dieser Kategorie sieht, bekommt bestimmt Probleme. Ich habe schon erklärt, wie problematisch Italien für nicht-heterosexuelle Personen sein kann. Eine weitere Gruppe, die in Italien kein einfaches Leben hat, sind Frauen, die sowohl im professionellen Bereich, als auch im Bereich der persönlichen Freiheit manchmal mit mittelalterlichen Augen gesehen werden.

Obwohl Frauen der Nation dienten und als gute Mütter, die viele italienische Kinder gebären sollten, betrachtet wurden, hatten sie zur Zeit des Königreichs Italiens und des Faschismus fast keine Rechte. Bis 1946 durften Frauen nicht wählen. Die erste Eroberung im Bereich der Frauenrechte kam erst in den 70er Jahren, als viele Gesetze gebilligt wurden, die den Frauen größere Sicherungen zuteilten, was die Gleichheit auf dem Arbeitsplatz, in der Ehe, im Familienrecht und Abtreibungen anbelangte. Obwohl diese feministische Welle der 70er Jahre viele wichtige Ereignisse im Alltag gebracht hatte (Scheidungen waren ab dieser Periode gesetzlich verankert und die Zwangsehe zum Glück nicht mehr), sind einige Themen, wie die Gleichheit auf dem Arbeitsplatz, nur theoretisch geblieben, und bei anderen unterstellt die Gesellschaft Frauen, dass sie nicht frei wählen könnten und auf männliche Meinungen angewiesen sein, wie es beispielsweise beim Thema Abtreibung der Fall ist.  

Eine volle Gleichheit gibt’s noch nicht

Natürlich, in den letzten fünfzig Jahren wurden viele Fortschritte im Bereich der Gleichberechtigung von Frauen und Männern gemacht. Jetzt ist es ganz üblich, Frauen bei der Führung größerer Firmen, in Parlamenten, Regierungen oder Ministerien zu finden. Trotzdem ist global bekannt, dass es noch einige Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehältern gibt. Durchschnittlich verdienen Frauen in Italien im Jahr 2.700 Euro weniger als Männer, vor allem im privaten Bereich für gleiche Arbeit. Das ist 2020 nicht mehr akzeptabel.

Solche Unterschiede werden auch sprachlich untermauert. Auch wenn Frauen wichtige Posten haben, bleibt der Berufsname irgendwie männlich, auch wenn eine weibliche Variante möglich wäre. Auf Deutsch kann man „Anwalt“ oder „Anwältin“ ohne Probleme sagen, aber auf Italienisch klingt avvocato (männlich) schön und avvocata (weiblich) schlecht. Das ist natürlich kein Thema, ist aber eines der Lieblingsargumente der Chauvinisten.

Femizid ist ein Notstand

Aber das Problem, unter dem die Frauen am meisten leiden, betrifft leider nicht nur die Wirtschaft. In den letzten Jahren gab es einen Zuwachs an Angriffen gegen Frauen, an Vergewaltigungen und Femiziden. Obwohl bestimmte politische Parteien erklären und glauben machen wollen, dass solche Erhöhungen mit den hohen Zahlen der in Italien angenommenen Migranten verbunden sind, geschieht die Mehrheit der Vorfälle zuhause, in der Familie. Es sind am meisten gewalttätige Männer, feste Freunde oder auch Verwandte, die die Frau angreifen. Auf der Webseite https://femminicidioitalia.info/ werden alle Femizide aufgenommen und seit Jahresbeginn wurden schon 76 Frauen getötet. Frauen, die sich vielleicht nur scheiden lassen wollten oder ihren Mann nicht mehr liebten und die deswegen ums Leben gekommen sind. Femizid ist in Italien der echte Notstand und ein Problem, das so bald wie möglich gelöst werden muss. Natürlich muss man an der Ausbildung der jungen Italiener und an der Gleichheit, sowohl in der Wirtschaft, als auch in der Sprache, arbeiten.

Wie die Schriftstellerin Michela Murgia erklärt hat, ist Femizid anders als andere Tötungen, weil die Begründung der Tat schon im Wort zu verstehen ist. Sie wurden getötet, einfach weil sie Frauen waren.

Wir können uns nur als fortschrittliches Land betrachten, wenn wir es schaffen, jeden mit Respekt zu behandeln. Sonst bleiben wir ein Land, das nur bestimmte Personen akzeptieren kann und kulturelle bzw. physische Unterschiede nicht toleriert. 


wolfgang unterwegs in Italien
Hier geht es zum letzten Artikel über Queers in Italien.

Italiener, Übersetzer, Beobachter. Meine Leidenschaften sind die Politik, die Musik und die Literatur.

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