Cattenom Nuclear Power Plant

Atomkraft? Ja, bitte!

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Am 5. November 1978 fand die wohl bekannteste Volksabstimmung in der Geschichte der Republik Österreich statt. Das Atomkraftwerk Zwentendorf war bereits kurz vor der Fertigstellung, als die Bevölkerung Österreichs sich zu 50,5 Prozent gegen die Aktivierung des Kraftwerks entschied. Aber auch andere Methoden zur Energiegewinnung stehen immer wieder unter großer Kritik.

Die Errichtung kostete 14 Milliarden Schilling – umgerechnet 1 Milliarde Euro. Das AKW zählt somit zur größten Investitionsruine Österreichs. Im Dezember 1978 wurde das Atomsperrgesetz verabschiedet. Damit ist Österreich komplett frei von Atomkraft. Dennoch bezieht man Energie von AKWs aus dem Ausland. Außerdem gibt es einen Reaktor im Atominstitut der TU Wien für Forschungszwecke, aus dem jedoch keine Energie gewonnen wird.

Die Tschernobyl-Nuklearkatastrophe 1986 erschütterte bereits ganz Ost- und Zentraleuropa. Die Folgen für Mensch und Natur spürt man bis heute. Auch Fukushima 2011 entfachte weltweit eine Bewegung, die sich großteils gegen die Nutzung von Atomkraft richtete. Es folgten Demonstrationen, Anti-Atomkraft Profilsticker auf Facebook und eine Bestärkung in der österreichischen Politik für das Atomsperrgesetz. Auch in der Schule hat man dieses Thema hunderte Male durchgekaut. Die Risiken sind für viele Menschen zu groß und bei manchen sitzt die Angst vor einem weiteren Super-GAU tief.

Es gibt eigentlich nur zwei gravierende Argumente gegen Atomkraft: Einerseits besitzt der verbrauchte Kernbrennstoff eine Reststrahlung, hat eine Halbwertszeit von mehreren tausend Jahren und benötigt eine weitaus längere Endlagerung. Andererseits ist ein möglicher Super-GAU eine der größten Katastrophen für die Umwelt und die Menschheit, die man sich vorstellen kann.

Physik eines Atomreaktors

Strahlung ist schon was Schlechtes. Zumindest, wenn sie mit extrem hoher Energie durch deinen Körper rast und die DNA deines Körpers zerstört. Radioaktive Stoffe besitzen teilweise hohe Strahlungsdosen, die für mehrere Millionen Jahre strahlen. Und Reaktoren arbeiten mit dieser Energie.

Einfach erklärt funktioniert ein Atomreaktor so: Man nimmt Uran-235 oder Plutonium-239 (die Zahlen stehen für die Anzahl an Protonen und Neutronen) als Brennstoff. Wenn nun ein Neutron das jeweilige Element trifft, dann wird das Element instabil und es führt zu einer Kernspaltung. Bei dieser Kernspaltung entstehen leichtere Elemente und weitere Neutronen. Glücklicherweise sind die beiden genannten Stoffe bereits radioaktiv und senden beim Zerfall auf natürliche Weise Neutronen aus. Wenn man diese Stoffe nun in etwas einschließt, das die Neutronen bremst (beispielsweise Wasser), kann das Uran/Plutonium das Neutron sozusagen wieder einfangen und eine weitere Reaktion hervorrufen. Dadurch wird die Kettenreaktion beschleunigt. Der Brennstoff erzeugt bei der Spaltung Wärme, die an das Wasser abgegeben wird. Das warme Wasser betreibt dann eine Turbine, die Elektrizität erzeugt.

Die Frage nach dem Endlager

Bei der Kernspaltung wird ionisierende Strahlung freigesetzt. Diese kann man zwar großteils abschirmen, jedoch strahlen radioaktive Stoffe für Tausende Jahre. Man bezeichnet die Zeit, bis die Hälfte des Stoffes zerfallen ist, als “Halbwertszeit”. Diese Zeit gibt jedoch nicht vor, ob der Stoff wieder ungefährlich ist.

Der Brennstoff in einem Reaktor wird mit der Zeit verbraucht, bis nicht mehr genügend vorhanden ist, um eine Kettenreaktion aufrecht zu erhalten. Ein verbrauchter Kernbrennstoff kann dann nicht mehr in herkömmlichen thermischen Reaktoren verwendet werden. Der restliche Stoff strahlt nun so lange, bis sich alle Elemente über mehrere Zwischenschritte in Blei umgewandelt haben. (Die Halbwertszeit von Uran bis Blei beträgt 4,5 Milliarden Jahre.)

Wohin damit? In einen Bunker, der hoffentlich lange genug hält? Vergraben und verstecken? Den Müll in den Weltraum befördern? (Letzteres wäre zwar prinzipiell eine gute Lösung, jedoch müsste man jährlich hunderte Raketen starten. Der dafür benötigte Energieaufwand und die Gefahr von Fehlstarts wären immens.) Heute befinden sich alle radioaktiven Stoffe in sogenannten Endlagern. Das österreichische Endlager befindet sich derzeit in Seibersdorf, wo hauptsächlich schwachradioaktiver Abfall von Medizin, Forschung und Industrie gelagert wird. Es erfordert eine Menge Geduld, Vertrauen in die nächsten Generationen und Sicherheitsvorkehrungen, um radioaktive Stoffe zu lagern. Immerhin geht es um Tausende bis Millionen Jahre. In dieser Zeit könnten die Stoffe ein Ziel für kriegerische oder terroristische Angriffe werden. Die Lager könnten in Vergessenheit geraten. Vielleicht findet sich aber in Zukunft eine sinnvolle Verwendung für den radioaktiven Abfall.

Super-GAU

Super-GAU ist ein mittlerweile veralteter Begriff und bedeutet ‚größter anzunehmender Unfall‘, bei dem neben einer nuklearen Katastrophe auch die Umwelt kontaminiert wird. Die Folgen einer unkontrollierten Kernschmelze sind nicht nur lebensgefährlich, sondern haben langwierige Folgen. Die Ursachen können verschieden sein – ein vom Menschen verursachter Fehler, eine Naturkatastrophe, ein terroristischer Akt, Sabotage, kleine Qualitätsmängel. Heute haben Atomreaktoren einen äußerst hohen Sicherheitsstandard. Ein Schlupfloch in der Sicherheit kann zwar nicht ausgeschlossen werden, jedoch sind die Reaktoren jederzeit bereit, selbst bei einem Flugzeugabsturz in den Reaktor, sicher abgeschalten zu werden oder zumindest eine Katastrophe einzudämmen.

Auch andere Energiequellen stehen unter Kritik

Bei der Energiegewinnung gibt es fast immer Kontroversen. Auch nachhaltige Energien geraten oft in die Kritik: Die Errichtung und Instandhaltung von Windkraftwerken ist äußerst kostspielig. Solarenergie benötigt große Flächen, viele wertvolle Rohstoffe und ist ebenso wie Windkraftwerke stark wetterabhängig. Staudämme zerstören große Teile der Landschaft. Die Besetzung der Hainburger Au sorgte 1984 für Aufsehen, da die Errichtung des Wasserkraftwerkes die dortigen Donau-Auen zerstört hätte. Turbulente Demonstrationen und umstrittene polizeiliche Ausschreitungen führten letztendlich zum Baustopp des Kraftwerks und zur Gründung des Nationalparks Donau-Auen.

Bei solchen Debatten gilt oft: Entweder man ist klar dafür oder dagegen. Aber eigentlich haben solche Debatten viel mehr Facetten. Wer benötigt Energie und wie viel? Gibt es (sinnvollere) Alternativen? Ist diese Art von Energiegewinnung auch langfristig sinnvoll? Hilft es bei der Lösung anderer Probleme als nur der Nachfrage nach Energie? Diese immer größer werdende Nachfrage ist ein Problem, das nach effizienten Antworten sucht. Die Risiken von Atomreaktoren mögen zwar relativ klein, dafür extrem sein, jedoch muss man dieses Risiko auch mit anderen Risiken für die Umwelt und Menschheit abwägen.

Da die Energiegewinnung mittels Atomreaktoren CO2-neutral ist, ist sie vielleicht eine gute Lösung, um als nachhaltige Stromversorgung der vorhandenen Klimaerwärmung entgegenzuwirken. Forschung in weiterentwickelte Atomreaktoren, wie sogenannte Flüssigsalzreaktoren oder Kernfusionsreaktoren, können die Probleme von herkömmlichen Spaltreaktoren vereinfachen.

Student an der Uni Wien

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