Marco Pogo

„Ich habe keine Zeit für unbedeutende Kleinparteien“ – Marco Pogo im Interview

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Mit seiner Bierpartei tritt Turbobier Frontman Marco Pogo dieses Jahr das erste Mal bei der Wiener Gemeinderatswahl an. Wir haben den Spitzenkandidaten der Satirepartei im Café Pierre auf einen Kaffee (!) getroffen, um über Bierbrunnen, Kulturpolitik und HC Strache zu sprechen.

Titelbild (c) Max Hatzl

Warum Bier und warum jetzt gerade keines?

Warum Bier? Bier ist Lebensmittelpunkt, Bier ist Anker für viele, Bier repräsentiert für mich die Sonnenseiten des Lebens, Bier ist der Grund, warum wir als Menschen überhaupt sesshaft wurden, und Bier ist das, was mir und vielen Menschen da draußen Hoffnung gibt.

Und was ist die Motivation für eine Kandidatur der Bierpartei, worin sehen Sie die politische Relevanz Ihres Antretens?

Wer die Geschehnisse in der österreichischen Politik mitverfolgt hat, wird oft den Glauben an Vernunft, Seriosität und manchmal auch Intellekt verloren haben. Ich glaube, dass nur eine Bewegung wie die Bierpartei dem ganzen Seriosität zurückgeben kann. Warum jetzt? Ich glaube, es war noch nie so skurril wie jetzt. Mit skurril meine ich die anderen. Die Bierpartei tritt an, um die Wogen, die jetzt hochschlagen, zu glätten und den Menschen wieder Stabilität zu geben.

Viele würden Ihre politische Hauptforderung, nämlich einen Bierbrunnen anstelle des Hochstrahlbrunnens zu installieren, vielleicht als skurril bezeichnen. Was sagen Sie diesen Menschen? 

Ich empfinde es als genauso skurril, einen Pool am Gürtel zu errichten. Ich finde unsere Forderung legitim, es ist Platz da, kostet kein Heidengeld und wir müssten nicht einmal etwas bauen. Wir könnten die Infrastruktur eins zu eins nutzen. Es würde ungefähr so viel kosten, wie Strache im Jahr an Mietkostenzuschuss erhält. Das würde die lebenswerteste Stadt der Welt nochmal lebenswerter machen.

Marco Pogo
(c) Max Hatzl

Würden Sie den Brunnen mit dem auf der Webseite ihrer Band vertriebenen Turbobier befüllen?

Ja, das liegt auf der Hand, das hab‘ ich schon. Da müsste ich nichts aufkaufen, es soll ja auch für den Steuerzahler nicht allzu sehr zu Buche schlagen. Ich will mich da nicht persönlich bereichern, das ist aber eine spannende Frage, über das habe ich eigentlich noch nie nachgedacht. Vielleicht schreib‘ ich es auch an den Bestbieter aus.

Sie sind also am wirtschaftlichen Erfolg des Produkts Bier interessiert. Vertreiben selbst Bier. Wie kann man sich als Wähler*in sicher sein, dass Ihr politisches Engagement nicht durch Ihr wirtschaftliches Interesse am Erfolg von Bier motiviert ist?

Ich bin natürlich an meinem eigenen Bier wirtschaftlich beteiligt, aber Sie können mir auch glauben, dass das, was mich das Einsammeln von Unterstützungserklärungen bis jetzt an Geld gekostet hat und was ich an die Gemeinde Wien an Abgaben bereits zahlen musste, mehr ist als das, was ich gewinnen könnte. So lange man nicht am Futtertrog ist, zahlt man nämlich ordentlich ein. Wenn ich eine Werbeaktion für das Bier machen würde, hätte ich die Stadt um das Geld dreimal zuplakatieren können.

Das heißt, Sie schließen aus, dass Sie durch ein potentielles Einziehen in den Wiener Gemeinderat finanziell bereichert werden?

Das ist eben, was ich beruflich mache. Wenn durch erhöhte Bekanntheit meiner Person das Bier mehr verkauft wird, dann ist dem so. Aber das als politische Motivation? Den Gedanken kann ich nicht nachvollziehen, weil der Weg dorthin so steinig ist, da gäbe es viel vernünftigere Ansätze ein Produkt zu bewerben.

Wie stehen Sie zur politischen Verantwortung von Satireparteien, welches Stimmverhalten kann man sich als Wähler*in erwarten, wenn Sie in den Wiener Gemeinderat gewählt werden sollten? Werden Sie, ähnlich wie die Partei DIE PARTEI im EU-Parlament, links der Mitte anzusiedeln sein?

Die Bierpartei steht in der Mitte, direkt hinter dem Zapfhahn. Wenn man zu weit links oder rechts vom Zapfhahn steht, kommt man nicht gescheit hin. Ich bewundere aber die Arbeit von Herrn Sonneborn auf europäischer Ebene, der ja nicht nur Klamauk betreibt, sondern durch sein Erscheinen im EU-Parlament dem Bürger Dinge, die dort vonstattengehen, näherbringt. Ich denke, dass bei so etwas Ungreifbarem wie dem Europaparlament Einblick wichtig ist. Auch in den Wiener Gemeinderat, wo in Wahrheit niemand genau weiß, was die da machen, und ich kann’s euch sagen, die machen da gar nichts, zumindest die letzten drei Reihen, das ist wie in der Schule. Ich glaube, da könnte abseits von allem Spaß wichtig sein.

Marco Pogo
(c) Max Hatzl

Nochmal auf die Frage zurückkommend: Welches Stimmverhalten kann man sich von Ihnen erwarten?

Also, dass ich einmal in meinem Leben irgendetwas in Richtung FPÖ stimme, kann ich mir nicht vorstellen, den Rest muss ich nach der Vernunft der Beiträge, die da zur Auswahl stehen, beurteilen, also nicht pauschal. Das ist, als würden Sie mich fragen: „Welches eine Bier würden Sie ab jetzt nur mehr trinken?“ Sagen wir so: Das kommt auf den Casus an.

Warum sollte man in Anbetracht der aktuell sehr komplizierten Situation in der Welt und der für Sie wohl schwer zu überschreitenden Vier-Prozent-Hürde, seine Stimme Ihnen geben und nicht einer anderen Partei, deren Grundwerte vielleicht mit den eigenen übereinstimmen?

Weil ich die Bierpartei als einzig wählbare Partei empfinde.

Auf Basis welcher Programmpunkte zum Beispiel?

Aufgrund der skrupellosen Inhaltslosigkeit, die allerdings auch andere Parteien schon jahrzehntelang vor sich hertragen, zumindest sind wir aber nicht skandaldurchtrieben und ich denke, dass…Wie war die Frage?…Ich würde die Bierpartei wählen, weil es eine neue, frische Bürgerbewegung ist.

Seit heute ist klar, dass HC Strache bei der Wienwahl antreten darf, wie stehen Sie zu einer Anfechtung der Wahl, und wie stark ist die Rivalität zwischen Bier und Vodka Bull?

Also, zu Herrn Strache muss ich sagen: Ich habe leider sehr wenig Zeit, mich mit unbedeutenden Kleinparteien auseinanderzusetzen. Ich persönlich denke, dass eine Wahlwiederholung Herrn Straches geringstes Problem sein wird, ich denke eher an eine hoffentlich effektive Strafverfolgung. Für den Steuerzahler hoffe ich, dass diese Wahl nicht wiederholt wird, jeder wird die Nase voll haben von der Wienwahl, die Wiener werden es nicht mehr hören können. Für uns alle hoffe ich, dass der Wahlsieg der Bierpartei sowieso so eklatant wird, dass eine Wahlwiederholung eh wurscht wäre.

Sollten Sie bei diesem großen Erdrutschsieg nicht die absolute Mehrheit einfahren, wer käme denn für Sie als Koalitionspartner in Frage?

Ich hoffe, wir brauchen keine. Ich kann mir das gar nicht vorstellen, das sind Rechenspiele, die kann ich ohne Laptop gar nicht machen.

Es gibt keine Partner, die Sie ausschließen würden?

Ich schließe keinen ein, aber auch keinen aus.

Eine Koalition Team Strache/Bierpartei wäre denkbar?

Ich glaube nicht, dass THC für irgendeine Partei einen Koalitionspartner darstellen wird können. Da kann ich nur nochmal wiederholen, ich denke, die Frage der Koalition wird für Herrn Strache im Oktober die kleinere sein.

Sie sind Kulturschaffender und Arzt, wie lassen sich diese zwei Perspektiven, besonders im Hinblick auf die Wiederöffnung der Wiener Kulturszene, miteinander vereinbaren?

Diesen beruflichen Umstand habe ich lange versucht zu verdecken, weil das natürlich bei meiner Klientel nicht besonders gut ankommt, überhaupt jemals gearbeitet zu haben. Für mich ist das ein kleines Ibiza. Ich sage mal so, nur weil man Kultur schafft, heißt das ja nicht, dass man sich verantwortungslos benimmt. Ich denke, dass die Regierung stark gefordert ist, die Kulturschaffenden nicht auf der Strecke zu lassen. So wie es aktuell ausschaut, passiert das aber, und das macht mir Sorgen. Nicht nur als Musiker, der gern in Clubs auftritt, sondern auch als junger Mensch in dieser Stadt, der die gesamte Kulturszene in Gefahr sieht. Es ist Punkt 12, wenn jetzt nicht bald etwas passiert. Wir wissen alle, dass eine frühzeitige Öffnung nach hinten losgehen würde, es wird aber dringend notwendig sein, den Clubs unter die Arme zu greifen, sonst kommen da vielleicht schicke Immobilienbüros rein, aber Clubs werden es keine sein.

Hat hier die Bierpartei einen Aktionsplan für die Wiener Kulturszene?

Ich „arbeite“ daran. Das bitte auch in Gänsefüßchen abdrucken. Ich werd‘ mich da vielleicht mit einem Vorschlag einmischen, prinzipiell muss Sebastian jetzt den Geldsack aufmachen, sonst werden alle pleitegehen. Er soll mal den Kofferraum des Geilomobils öffnen, da wird sicher die eine oder andere Sporttasche drinnen sein, und damit können wir dann schauen, dass die Leute nicht auf der Straße landen.

Wie geht sich “konsequente Dichtheit” mit konsequenter Pandemiebekämpfung aus? Vor allem im Hinblick etwa auf Ischgl, wo ja vermutlich Alkohol auch eine erhebliche Rolle bei der Verbreitung des Virus in Europa gespielt hat.

Konsequente Dichtheit ist ja nicht nur in Party-Hotspots wie Ischgl möglich, das kann jeder für sich zuhause erleben. Ich persönlich sitze eigentlich den ganzen Tag zuhause und trinke Bier am Sofa, das ist für mich auch konsequente Dichtheit, ohne dass ich jemanden gefährde außer meine Leber. Ich bin kein begeisterter Après-Ski-Feierer, aber ich glaube, die Menschen in Ischgl und auch die auf Mallorca, haben von dieser Art von Tourismus die Nase voll, auch wenn es immer heißt, die Touristen bringen das Geld hin. Viele profitieren da nicht, das sind wenige Familien, denen das ganze Imperium dort gehört. Da wird sich mit Corona einiges ändern müssen.

Also auch betrunken kann man die Pandemie bekämpfen?

Das mach‘ ich ja auch. Nur weil man betrunken ist, ist man ja nicht leichtfertig (schmunzelt). Es ist alles eine Frage der Kontrolle (lacht).

Marco Pogo
(c) Max Hatzl

Kontrolle und erhöhter Alkoholkonsum sind aber doch schwer vereinbar. Wie werden Sie Ihren Wahlkampf gestalten, was kann man sich von der Bierpartei im Wahlkampf noch erwarten?

Ich bin gerade in der Planung meines Wahlkampfes, all die schönen Ideen mit Biermarsch zum Rathaus sind in Zeiten der Pandemie schwierig. Jetzt muss halt jeder neue Pläne machen, außer die FPÖ vielleicht, die wird am Viktor Adler Markt machen, was sie immer macht. Ich werde mit Abstand die Bürgernähe suchen. Das geht sich schon aus, wie man so schön sagt.

Das konsequente Nichtstun ist ja Programm bei Ihnen. Was werden Sie im Wahlkampf besonders konsequent nicht tun?

Radler trinken!

 

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