Ariane 5 Rocket

ESA und eine französische Kolonie in Südamerika

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Die European Space Agency ist nach der NASA und Roskosmos die drittgrößte staatliche Weltraumorganisation. Wie wichtig ist eine eigene Weltraumorganisation für Europa? Welche Aufgabenbereiche hat sie? Und was hat das mit Südamerika zu tun?

Die ESA ist keine Behörde der Europäischen Union sondern eigenständig und besteht aus 22 (hauptsächlich europäischen) Mitgliedstaaten. Eine direkte Verbindung mit der EU besteht nur über den Europäischen Weltraumrat. Das macht die Beziehungen jedoch nicht weniger wichtig. Durch den Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union bestehen politische Regulationen innerhalb der ESA. Außerdem stellt die ESA einen forschungs- und entwicklungspolitischen Auftrag an die EU, mit dem Wissenschaft und Industrie gefördert wird. Warum jedoch ist die ESA wichtig und welchen Nutzen zieht daraus ein kleines Land wie Österreich?

Gründung

Nach dem Sputnikschock im kalten Krieg entschieden sich die westeuropäischen Nationen 1954 zwei Organisationen zu gründen: ELDO und ESRO. Die eine Organisation beschäftigte sich mit dem Bau der Trägerraketen, die andere mit der Entwicklung von wissenschaftlichen Satelliten. Später, im Jahr 1975, wurden beide Organisationen zur heutigen ESA zusammengelegt. Anfangs arbeitete die ESA eng mit der NASA zusammen, jedoch wurden später auch wichtige Verträge mit anderen Weltraumunternehmen wie Roskosmos geschlossen.

Seit ihrer Gründung entwickelt die ESA moderne Forschungs- sowie Raketensysteme und beteiligt sich häufig an internationalen Projekten. Beispielsweise besitzt die ESA – wie auch einige andere Weltraumorganisationen – ein eigenes Modul auf der ISS und hat bereits eigene Astronauten dort stationiert. Zu den bekanntesten Projekten, an denen sich die ESA beteiligt, zählt wohl das Hubble Weltraumteleskop und dessen Nachfolger, das James Webb Weltraumteleskop.

Das Hauptquartier der ESA befindet sich in Paris. Weitere Standorte – wie zum Beispiel das Missionskontrollzentrum, das Astronautenzentrum oder das Forschungszentrum – befinden sich an verschiedenen Standorten Europas. Die Zahl der Mitarbeiter beträgt etwa 2200 Personen. Aufgrund der geringen Zahl der Bewerbungen von Frauen liegt der Anteil weiblicher Mitarbeiter bei 20 %.

Die vier Säulen

In der ESA gibt es vier Säulen, die die unterschiedlichen Programme umfassen:

  • „Science and Exploration“ gehören die wissenschaftlichen Projekte der ESA wie Rosetta – welcher 2014 eine Sonde auf einem Kometen absetzte -, der Mars-Rover ExoMars, oder der Exoplaneten-Jäger CHEOPS. Auch die Ausbildung von Astronauten, die wissenschaftliche Aufgaben auf der ISS erfüllen, gehört in diesen Bereich. Man arbeitet außerdem eifrig am Nachfolger der ISS – dem Lunar Gateway.
  • „Application“ meint die Beobachtung der Erdoberfläche (z.B. Wetter), Navigation und Telekommunikation. Ein Beispiel dafür sind die Galileo Navigationssatelliten.
  • „Enabling and Support“ beinhaltet Raketen, Startrampen und die Technologie für Missionen. Die von der ESA entwickelte Trägerrakete Ariane zählt zu den leistungsfähigsten Raketen. 2021 soll die innovative Ariane 6 ihren Einsatz beginnen. Trotz der herausragenden und preiswerten Leistung machen jedoch Privatunternehmen wie SpaceX Druck und unterbieten das Preis-Leistungs-Verhältnis um vieles.
  • „Safety and Security“ ist ein neuer Bereich, der sich beispielsweise mit der Beseitigung des zunehmenden Weltraummülls und der Abwehr von Asteroiden befasst.

„Together with NASA we are discussing how to bring european boots on the moon and not only the boots but with some humans within the boots.“ – ESA Generaldirektor Jan Wörner

Südamerika

Der Weltraumbahnhof der ESA befindet sich in Französisch-Guayana, im Norden Südamerikas. Die Location wurde aufgrund der Nähe zum Äquator gewählt. Das hat mehrere raumflugmechanische Gründe. Zum einen bekommt man durch die Rotation der Erde am Äquator eine höhere Initialgeschwindigkeit. Dieser Effekt wird auch genutzt, wenn Raketen Richtung Osten starten. Da das Land noch dazu an der Ostküste liegt, werden Raketenteile nicht über bewohntem Land, sondern über dem Atlantik abgeworfen. Andererseits kann man vom Äquator aus leichter eine gewünschte Umlaufbahn wählen und spart dadurch Treibstoff.

Da das Land zu Frankreich gehört, ist es auch Teil der EU. Der Weltraumbahnhof ist verantwortlich für die größte Wirtschaftsleistung des Landes. „Aber sobald man das Raumfahrtzentrum verlässt, befindet man sich in einem Entwicklungsland“, so der dort beschäftigte Ingenieur Youri Antoinette. Die sozialen Unterschiede zum Mutterland sind groß und nur 15 % der Einwohner haben Zugang zu Trinkwasser. Bei einer Volksabstimmung für mehr Autonomie für das Départements 2010 war die Mehrheit dagegen.

Erstaunlich ist, dass das Raumfahrtzentrum für 20 % des gesamten Stromverbrauchs des Landes verantwortlich ist. Um den ökologischen Fußabdruck zu verringern, soll der Raumbahnhof bis 2025 mittels Solaranlagen fast komplett autark werden.

Finanzen

2020 betrug das Budget der ESA 6,7 Milliarden Euro. Die Finanzierung der Mitgliedstaaten hängt vom Bruttoinlandsprodukt sowie von der Beteiligung an verschiedenen Projekten ab. Österreich steuerte 1 % (etwa 51 Millionen Euro) direkt bei. 70 % des Budgets wird von den Mitgliedstaaten finanziert, 23 % finanziert die EU. Das Geld fließt dabei fast gleichmäßig in die oben beschriebenen vier Säulen.

Worin liegt der Nutzen für Europa?

Oder besser gefragt: Warum braucht die Welt Wissenschaft? Grundsätzlich ermöglicht die Existenz der ESA einen autonomen Zugang zum Weltraum für Europa. Man erforscht ihn nicht nur, sondern entwickelt Technologien, die auch auf der Erde ihren Nutzen finden. Außerdem wird die Weltraumindustrie gefördert, wodurch der Weltraum leichter erreichbar wird.

Auch Österreich trägt einiges zu den Projekten der ESA bei. Die Uni Wien hat beispielsweise bereits an mehreren großen Projekten mitgewirkt und arbeitet an der Auswertung wissenschaftlicher Datensätze. Im März 2021 wird der Vorsitz und Generaldirektor durch den österreichischen Geologen und Meteorologen Josef Aschbacher abgelöst.


Titelbild: (c) Hacquard Victor/unsplash.com

Student an der Uni Wien

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