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Tyll tut #20 – Theater

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In dieser Kolumne wird unser Redakteur Tyll Leyh erwachsen. Das ist zumindest der Plan. Er probiert Hobbys, scheitert und liefert dabei Einblicke in sein Seelenleben. Dieses Mal sucht er den tieferen Sinn in darstellenden Handlungen. Findet er ihn?

Sommerpause ist vorbei und schon sitze ich drinnen, einfach so, mit anderen Menschen in einem halbdunklen Raum. Endlich. Draußen regnet es leicht und es wird schon ungemütlich, während hier alle umeinander atmen und darauf warten, dass es losgeht. Theater, fast sechs Monate war es nicht wirklich möglich. Ich überlege, wann hat das letzte Mal so viel Zeit zwischen zwei Bühnenbesuchen gelegen? Hmm. Das Jahr davor? Aber egal, wenigstens hätte es die Möglichkeit gegeben hinzugehen, manchmal reicht das ja schon. 

Same, same but different. 

Aber gut, wenn ich mich so ein wenig umsehe, scheint sich nur wenig verändert zu haben. Regisseure finden sich immer noch sehr wichtig, wenn sie über ihre Arbeit reden, Schauspieler auch, je nach Größe der Rolle, und das Publikum ist eher alt und satt, dafür aber gut gekleidet, erkennbar an verrückten Brillengestellen, meist über 50, aber jung geblieben und sich eigentlich schon vor der Aufführung sicher, ob sie das heutige Stück nun gut finden werden oder schlecht. Wenn ich in dieser Gesellschaft nicht automatisch erwachsen werde, habe ich wohl was falsch gemacht. 

Sonst geht es im Theater immer noch darum, endlich mal wieder eine Meinung zu haben, die auf Thesen fußt, die eher eloquent als nachweisbar sein müssen und ohne schlechtes Gewissen subjektiv sein dürfen. Das bleibt auch so, anders ist nur, dass es alle zwei Sitze einen freien gibt, was eine gute Lösung ist (endlich kein unterschwelliger Streit mit Fremden um die Sitzlehne), außer vielleicht für ungerade Gruppen. Also sitze ich da mit aufgelehnten Armen und freue mich auf die nächsten neunzig Minuten und darüber, keine Theaterkritik schreiben zu müssen, die am nächsten Tag fertig sein muss, sondern auch noch zwei Wochen später als Kolumne durchgeht. 

Steife Glieder, steile Thesen. 

Noch geht das Stück nicht los, die Spannung steigt mit jeder wartenden Minute. Um was geht es denn heute überhaupt? Ah ja, fünf Vogelscheuchen leben in einer apokalyptischen Welt ohne Mensch und Vogel, machen eine Radioshow und werden Umweltaktivisten. Mann, hab ich Theater vermisst. Ist natürlich witzig, dass so passive Gestalten wie Vogelscheuchen Aktivisten werden. Ich bin gespannt. „Aktuelle ökologische und politische Themen als feine Poesie“ heißt es, toll, besser hätte ich es auch nicht sagen können. Vielleicht sag ich das dann später auch so, nach dem Stück. Hört sich ja ganz gut an. 

Draußen ist es dunkel, innen nun auch.

Mir wird warm, vielleicht hätte ich die Jacke doch an der Garderobe abgeben sollen und den Pulli, vielleicht ist eh weniger Herbst, als ich mir das mit meiner Kleidung einreden wollte, egal, gibt ja freie Plätze. Fünf Vogelscheuchen. Da sind sie. Cool. Ouh, mit Stimmenverzerrer. Alles sehr verfremdet und minimalistisch hier. Hoffentlich bleiben die nicht die ganzen neunzig Minuten steif stehen. Gut, es scheint, dass die Handlung heute weniger wichtig ist als das gute Gewissen, mal wieder Kultur mitzunehmen. Es gibt nämlich, glaub ich, keine. Sehr arbiträr alles. Dafür reimen die Vogelscheuchen Scarecrow auf Carecrow, wegen Umschulung. Oder so ähnlich. Dann ein wenig Live-Musik…

Das muss die Gesellschaftskritik sein! Also irgendwo dazwischen. Klar liegt da viel Denkarbeit bei mir selbst, auch ein wenig Interpretationsspielraum. Aber ich bin ja auch im Theater, da ist dem Publikum etwas zuzumuten, der gesellschaftliche Auftrag! 

Bravo! Hat funktioniert. 

Denke ich mir, als hinter einem weißen Kunstfell ein leuchtendes Ei auftaucht, das irgendwie für Zukunft steht und leider nicht wirklich über den fehlenden Zusammenhang des ganzen Abends hinweghelfen kann. Also noch ein Song, let it bee, noch ein Wortspiel und ein paar mehr Lichteinstellungen bis das Ei zu anderen Eiern in einen Sack gesteckt wird. Why not! 

Ein fragmentarischer Abend.

Futuristisch sieht das alles aus, nett, aber wo sind denn nun die aktuellen ökologischen Themen? Ahh, jetzt rappen die Vogelscheuchen, wer braucht da noch Tiefgang. Gut, es ist ein schmaler Grat zwischen gesellschaftlichem Diskurs und banaler Oberfläche in redundanten Wortwitzen.

Oder wie ich es immer nenne: „Feine Poesie“. 

Es kann passieren, dass der Humor der Ausgangssituation sich zu schnell erschöpft, erst recht in langsamen Dialogen und Kalauern. Ich frage mich, ob es manchmal nur der Raum ist, der aus profanen Aussagen intellektuelle Ergüsse werden lässt. Vielleicht fehlte auch nur die Leidenschaft zwischen den mechanischen Darstellungen in den steifen und entmenschlichten Bewegungen der Puppen. Aber was ist von Vogelscheuchen, die über gentechnisch veränderte Karotten nach 5 Minuten Brainstorming reden, zu erwarten. 

Der Raum wird wieder hell. Wir klatschen. Lange. Dann beginnt endlich der entscheidende Teil, weil noch wichtiger als der Besuch ist ja das Gespräch danach, wo man sich so ganz langsam an die Meinung der anderen herantastet, auf die erste Frage mit „interessant war es“ antwortet, Einzelheiten lobt, bevor man zur total vernichtenden Kritik überleitet und untergräbt, dass einen der Bühnennonsense zwischendurch gut unterhalten hat. Aber wenn man ganz ehrlich zu sich ist, macht es einfach viel mehr Spaß, etwas zu verreißen und zu kritisieren, anstatt es gut zu finden.

Das war es dann, lass es nicht wieder sechs Monate dauern. 

 

Da der Herbst noch warten soll, folgt als nächstes eine Spätsommerfolge: Tyll tut #20 – #vanlife.

 

Erfolgserlebnisse:  So tun, als ob ich alles verstanden hätte 7/10

Macht fit und belastbar: Nur metaphorisch 6/10

Fühlt sich nach Arbeit an: Was für Fremdwörter kenne ich denn noch, die ich unauffällig in die Diskussion einbauen könnte? 8/10

Preislich skalierbar: Nach der Pause kostet es nichts mehr. 5/10

Spaß: Mehr als bei 150 Minuten Christopher Nolan! 7/10

Gesamt: 33/50

Ich weiß auch nicht, wie man das schreibt.

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