Mensch geht eine Straße entlang

VorLaut – Bye Bye Bernie

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Weil es jede Woche etwas gibt, das nach dem kleinen bisschen Meinung verlangt. Weil wir finden, dass frech und vorlaut immer besser ist als zahm und gefügig. Deshalb gibt unser stellvertretender Chefredakteur Max Bell kurz vorm Wochenende seinen Senf dazu. Er mischt sich ein, überall und immer. Damit wir wissen, was war, was ist und welche Themen ruhig noch ein bisschen (vor)lauter sein dürfen. Diese Woche: Wie der Traum von gerechteren Vereinigten Staaten zerbrach. Oder doch nicht?

Am Mittwoch dieser Woche gab Bernie Sanders bekannt, dass er aus dem Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur ausscheiden würde. Obwohl sich das in den letzten Wochen immer klarer abzeichnete, ist seine Basis schockiert. Bernie Sanders war eine Hoffnungsfigur für Junge, Queere und viele, die am Rande der Gesellschaft stehen. Der Erfolg seiner Kampagne war der Beweis, dass Amerika abseits der Supersize-Mentalität auch ein Bedürfnis nach sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit hat. 

Auch wenn viele in der Führungsriege der Demokraten es gerne anders hätten: Bernie wird ihnen noch lange bleiben, denn Bernie ist nicht nur ein buckliger Senator aus Vermont, Bernie ist eine Idee. Die Idee, dass nach 2008, dass nach Corona nicht alles so weitergehen kann wie bisher, dass jene ökonomischen Ungerechtigkeiten, für die der aktuelle US-Präsident steht wie kein anderer, eine Gesellschaft auf Dauer zersetzen.

Bernie wird als Wegbereiter einer neuen demokratischen Linie, die Ökologie mit modernem Wohlfahrtsstaat kombiniert, in die Geschichte eingehen. Das wird besonders deutlich, wenn man sich ansieht, wie viele von seinen Positionen Joe Biden seit Beginn der demokratischen Vorwahlen übernommen hat. 

Nicht nur Biden, auch die gesamte Partei wird sich an Bernies Vorschlägen abarbeiten. Zum einen, weil eine junge Generation von Politiker*innen wie etwa Alexandria Ocasio-Cortez sie weitertragen und zum anderen wegen der nachhaltigen Folgen, die die Corona Krise hinterlassen wird.

Bernies Forderung nach einer Krankenversicherung für alle Amerikaner*innen wirkt in Zeiten einer globalen Pandemie fast schon wie eine Selbstverständlichkeit. Auch bezahlter Krankenstand oder Erhöhung der Hilfen für Arbeitslose werden in den nächsten Monaten massiv an Relevanz gewinnen. So zynisch es ist: Für Bernies Kampagne kam Corona etwas zu spät, seine Ideen aber sind wichtiger denn je. 

Sollte Joe Biden trotz seines fehlenden Charismas und seiner Unfähigkeit bei Wahlkonfrontationen gegen Trump gewinnen, wird er sich einer ökonomisch zermürbten Nation gegenüber sehen. Er läge dann gut daran, sich auf Bernie zu besinnen und sich dessen Grundsätze von Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu Herzen zu nehmen.

Wenn, was aktuell wahrscheinlicher wirkt, Trump ein zweites Mal gewählt wird, dann ist eines sicher: Die stärkste ideologische Opposition wird nicht aus der Mitte der demokratischen Partei kommen. Ein buckliger Senator aus Vermont wird, wie auch die letzten 40 Jahre für die Rechte jener eintreten, die es selbst nicht können.

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