1974 - Prêt-à-porter-Schau YORN-Boutique Paris im Gorpius-Bau in Berlin/Foto: Yorn Privatbesitz / © Diogenes Verlag

Glück ist Freiheit – Designer YORN im Interview

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Der modebegeisterte aber unerfahrene Jürgen Michaelsen wurde 1956 in Paris bei Christian Dior prompt als Assistent angestellt. Da sein Name für die dortigen Franzosen eine Unmöglichkeit darstellte, taufte ihn Dior auf den Namen Yorn um. So sollte dann auch Michaelsens eigene Marke heißen, die er nach Diors frühem Tod gründete. Jetzt schaut der international gefeierte Designer voll Dankbarkeit auf sein Leben zurück, kocht, pflanzt Bäume, und… hat ein Buch geschrieben!

Ende April erscheint YORNs erstes Buch im Diogenes-Verlag. Mit Gast im Glück teilt der charmante, deutsche Mode-Designer einige folgenreiche Szenen seines Lebens. Aber es sind nicht nur die „Erinnerungen eines Lebenskünstlers“, die inspirieren, sondern auch die Rezepte, die wie Meilensteine durch Yorns Leben führen und dem Buch verführerisch angehängt sind.
Als wäre das nicht genug, beglücken die Illustrationen des berühmten französischen Zeichners Jean-Jacques Sempé mit ihrer Nonchalance.

Gast im Glück erscheint Ende April im Diogenes Verlag.
© Diogenes Verlag

Als fanatische Hobby-Näherin freue ich mich besonders auf das Interview mit Yorn. Doch unser Gespräch muss noch ein paar Minuten warten, denn Yorn ist gerade mit dem Hause Dior am Telefon verbunden. Zweiter Versuch:

Da muss ich doch gleich mal nachhaken: Woran arbeiten Sie zur Zeit mit dem Hause Dior?

Wir sind noch viel in Kontakt. Momentan arbeiten wir an einem Buch über Christian Dior und seine Zöglinge. Da haben wir auch in Corona-Zeiten viel zu tun.

Was haben Sie von Christian Dior gelernt?

Monsieur Dior hat mir vor allem beigebracht, wie man sich als Chef seinen Mitarbeitern gegenüber verhält. Seine Höflichkeit, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft waren mir stets Vorbild.
 Als Designer beeinflusste mich seine unbedingte Suche nach Perfektion und Schönheit. Mit meinen Kollektionen habe ich versucht, ihm alle Ehre zu machen. Er war für mich eine Vaterfigur, ein Vorbild. Auch wenn er kein glücklicher Mensch war. Er wurde aufgefressen vom Ruhm. Er wollte das einfache Leben in der Provence genießen, sich um seine Rosen kümmern, doch dazu ist es nie gekommen. Er ist mit 53 gestorben.

Was wollten Sie mit Ihren Kleidern beim Kunden auslösen?

Wenn man schon in der Mode ist, dann versucht man doch, die Leute zu verschönern. Sie glücklich zu machen. Dass sie sich in einem Outfit wohl und nicht verkleidet fühlen. Wobei die Mode auch nicht immer schön sein kann. Die ist ja auch Ausdruck ihrer Zeit.

Ich denke an Ihre elegante Nofretete-Kollektion, auf die dann Hippie-inspirierte Kollektionen folgten.

Als Designer musst du mit der Zeit gehen. Eigentlich musst du sogar der Zeit voraus sein! Und diese Antennen hat eben nicht jeder.

1962 - Yorn und Starmannequin Ala aus dem Hause Dior im frisch eröffneten Haute-Couture-Haus YORN auf dem Champs-Élisées/ Foto: Yorn Privatbesitz / © Diogenes Verlag
1962 – Yorn und Starmannequin Ala aus dem Hause Dior im frisch eröffneten Haute-Couture-Haus YORN auf dem Champs-Élysées / Foto: Yorn Privatbesitz / © Diogenes Verlag

Was beobachten Sie denn heute in der Mode?

Heute gibt es in der Mode viel Gewalt, mit all den Nieten und Reißverschlüssen… Die Eleganz ist aus der Mode verschwunden. Leider. Heute ähnelt sich auch alles: Früher wusste man sofort, ob man es mit einer Südamerikanerin oder einer Italienerin oder Französin zu tun hat. Das war alles viel differenzierter.

Das führt mich zu einer grundlegenden Frage der Kunst, gerade in unserem postmodernen Zeitalter: Was ist Schönheit?

Das ist eine schwierige Frage. Was heute schön ist, kann morgen hässlich sein. Das gleiche in der Musik, in der Malerei.  Schönheit ist vielleicht etwas, das glücklich macht. Für Schönheit gibt es keinen Universalbegriff.

Wie kann ein Designer aktuelle Trends aufnehmen und sich selbst noch treu bleiben?

Dieser Beruf verlangt von dir, die äußeren Einflüsse aufzunehmen wie ein Katalysator und sie so wiederzugeben, wie du es willst. Im Grunde ist es das gleiche, wie wenn verschiedene Sänger das gleiche Lied interpretieren. Da ist unsere Persönlichkeit ausschlaggebend.

Das Sammeln von Rezepten gibt Ihnen die Stabilität, die in der Mode fehlt: „Die Mode vergeht, die Küche besteht“. Aber Sie sprechen auch viel von Musik.

Musik ist wie die Mode. Man kann nicht alles unter einen Hut bringen. Im Buch erwähne ich die Lieder ohne Worte von Mendelssohn, und die hinreißenden Kinderszenen von Schumann. Richard Strauss, das Finale vom Rosenkavalier. Das Lied der Marietta von Korngold gesungen von Renée Fleming. Wunderbare Melodie! Grace Jones, die La vie en rose in den 80ern singt…

Sie erwähnten, dass Dior kein glücklicher Mensch war. Was ist Glück?

Das Glück ist die Freiheit. Dass du selbstständig bist, dass du Entscheidungen treffen kannst. Ein Haus zu bauen und Bäume zu pflanzen.

Was hat Ihnen dabei geholfen, im Trubel der Modewelt Entscheidungen zu treffen?

Ich habe zwei Pole: Der Jürgen Michaelsen aus Bremen, der Kopfmensch, und Yorn in Paris, da geht viel übers Herz. Und da muss der Yorn manchmal dem Jürgen folgen.

Ein Kleidungsstück, das in jeden Schrank gehört?

Das weiße Herrenhemd ist das wichtigste Kleidungsstück überhaupt! Eine Frau mit weißem Herrenhemd, die Ärmel ein bisschen gekrempelt, den Kragen aufgestellt… Guck dir Katharine Hepburn an, Marlene Dietrich. Damit bist du keiner Mode unterworfen.

1962 - Yorn und sein Starmannequi Sigolène / Foto: Yorn Privatbesitz / © Diogenes Verlag
1962 – Yorn und sein Starmannequin Sigolène / Foto: Yorn Privatbesitz / © Diogenes Verlag

Dieser französische Chic. Was macht den aus?

Das ist den Französinnen angeboren. Das liegt nicht nur an der Mode, sondern an der Art sich zu bewegen, an der Art zu sprechen…

Jetzt aber die wichtigste Frage: Was gibt es heute bei Ihnen zu essen?

Heute Mittag gab es bei mir den wunderbaren Chicoréeauflauf mit Schinken und Béchamelsauce! Das Rezept aus dem Buch. Ich habe jetzt 4 Stück davon gemacht, 3 werden jetzt eingefroren. Das ist mein tägliches Leben im Moment.

Hinter Ihnen sehe ich das Porträt eines feschen, jungen Mannes?

Ja, das hat Yves-Saint Laurent von mir damals in Paris gezeichnet. Fesch! Das ist ein Wort, das ich liebe! Ein fescher Typ! Fantastisch!

Herzlichen Dank für das Gespräch lieber YORN!

Wunderbar, tschüss du!


Weitere Informationen

Hier geht’s zum Buch.

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